EZB will Inflationsgespenst vergraulen

7. April 2011, 15:51
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Das "Europa der zwei Geschwindigkeiten" macht der EZB zu schaffen

Jetzt hat er's also doch getan. Jean-Claude Trichet erhöhte im Namen der Europäischen Zentralbank am Donnerstag den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte. Damit legte der europäische Währungshüter Nummer eins den Grundstein für eine Zinswende nach fast drei Jahren leitzinslichen Tiefstapelns. Und nicht nur das: Die EZB geht diesen Schritt auch vor der US-Schwester Fed - das gab es bisher nie. Die Erhöhung kam aber nicht sehr überraschend, die Märkte hatten nach deutlich-vagen Aussagen Trichets in den letzten Wochen die Zinserhöhung ohnehin schon eingepreist. Letzte Zweifel an der Umkehr blieben aber vor allem ob des Hilfsansuchens der gebeutelten Portugiesen, das just am Vorabend der Zinsentscheidung offiziell wurde. 

Darin liegt auch die Zweischneidigkeit des Leitzins-Schwertes und legt die Problematik des "Europas der zwei Geschwindigkeiten" einmal mehr offen. In erster Linie will die EZB schließlich die Inflation im Euro-Raum entschärfen und eine Lohn-Preis-Spirale verhindern. Doch das Inflationsgespenst schreckt lange nicht alle gleich stark. Jene, die im Konjunktur-Hoch sind, freuen sich natürlich über die höheren Zinsen und die damit einhergehende eindämmende Wirkung bei der Teuerung. Bei den Euro-Sorgenkindern Griechenland, Irland, Portugal, aber auch Spanien hingegen dürften sich die höheren Zinsen recht schnell auf den Hypothekarmarkt und die Kreditvergabe auswirken, Investitionen bremsen und die Konsumlaune der Bevölkerung verleiden. Das hilft zwar vielleicht bei der Inflationsbekämpfung, dürfte aber auch recht rasch den langsam wieder aufkeimenden Aufschwung abwürgen.

Die angeschlagenen Euro-Länder trifft zudem der Zinsanstieg in der Refinanzierungsfrage. Der Zinssatz für die über den Rettungsschirm in die Länder gepumpten Gelder orientiert sich auch an den Marktzinsen - Portugal wird wohl mehr zahlen müssen, wenn auch die Zinsen steigen. In der angespannten Situation, in der sich das Land befindet, dürfte jeder Prozentpunkt zählen. Auch die irischen Banken, die am Tropf der EZB hängen, werden mit Mehrkosten durch die Zinsanhebung zu kämpfen haben. Nur den Griechen geht es mittlerweile so schlecht, dass sich die EZB-Entscheidung kaum bis gar nicht auf die Kosten auswirken wird. (rom, derStandard.at, 7.4.2011)

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