Plastiksackerlverbot - "ein Schuss ins Knie"

7. April 2011, 13:12
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Biosackerl ist nicht gleich Biosackerl: Was gegen ein Verbot von Plastiksackerl, aber für den Einsatz von Biokunststoffen spricht

Der Kampf um das Plastiksackerl ist schon längst in vollem Gange. Nicht erst, seitdem Italien im vergangenen Jahr die Tragetasche aus Kunststoff endgültig verboten hat, werden auch hierzulande die Stimmen, die nach einer Verbannung der Tüte rufen, wieder lauter. Zuletzt waren es die Steirer, die sich dafür aussprachen. Und auch der Handel reagiert mit zahlreichen Alternativen zum schnöden Plastiksack - dm verschenkt Bonuspunkte für das "Nein zum Sackerl" und verleiht gegen Pfand Stofftaschen; Spar tauscht demnächst in allen Filialen seine Plastiksackerl gegen Bioplastiktaschen aus; Rewe lässt den Kunden wählen: Papier, Plastik oder Bio-Sackerl.

Für die Wahlmöglichkeit und gegen ein Verbot von Plastiksackerln sprechen sich auch einhellig Harald Pilz, vom Beratungsunternehmen denkstatt und mehrere Vertreter des Verpackungsgroßhändlers Unterweger vor Journalisten in Wien aus. Albin Lintner, Geschäftsführer von Unterweger, findet deutliche Worte: "Wir glauben an die Mündigkeit des Konsumenten. Jeder Rohstoff hat seine Vor- und Nachteile, gerade im Bereich Verpackung muss 'bio' nicht gegen jede Logik sein." Vor allem, dass aus dem Thema Plastiksackerl politisches Kleingeld geschlagen wird, geht Lintner gegen den Strich.

Harald Pilz liefert für Lintners Aussage Unterfutter mit den Ergebnissen einer jüngst von der Austria Presse Agentur (APA) in Auftrag gegebenen Studie zum Thema "Tragetaschen" (zur Studie geht's hier). Bei herkömmlichen Plastiktragetaschen bringe beispielsweise Papier keine Verbesserung, da beide bezogen auf den Klimafußabdruck in etwa gleich abschneiden. Ein Grund dafür: In Österreich funktioniere die Entsorgung gut. Der Abfall werde energetisch, werkstofflich oder rohstofflich verwertet. Daher bezeichnet Pilz auch die italienische Lösung mit dem totalen Umstieg auf Bio-Plastiksackerl als "Schuss ins Knie": Die hohe Deponierungsrate Italiens führe zu einem wesentlich schlechteren Carbon Footprint durch das entweichende Methan bei der Kompostierung als dies bei herkömmlichem Plastik der Fall sei. Grundsätzlich liege laut Studie der Klimafußabdruck eines Bioplastiksackerls aus Mais- oder Erdäpfelstärke im Schnitt aber dennoch 20 bis 40 Prozent unter den "normalen" Tüten.

Papier gegen Plastik

Bei den Obstsackerl sei laut Pilz auf jeden Fall die Plastikvariante dem Papier vorzuziehen. Die Papierversion habe im Vergleich zu den dünnen Plastiksackerln einen 50 Prozent größeren Klimafußabdruck. Allerdings gebe es hier auch einen gravierenden Unterschied zwischen braunen und weißem Papier: Das gebleichte schneidet wesentlich schlechter ab als das braune. Obstsackerl aus Biokunststoff seien Pilz zufolge oft schwerer als die konventionellen, damit verschlechtere sich ihre Bilanz zusehends. Eine rationale Entscheidungsgrundlage für ein Plastiksackerlverbot sieht Pilz darin in der CO2-Bilanz der Produkte also nicht.

Auch bei Unterweger ist man sich sicher, dass die Rahmenbedingungen für umweltfreundliche Verpackung oder eben Plastiksackerl nicht durch Verbote zu erzielen seien. Dabei produziert das Unternehmen alle drei Varianten, macht also sowohl in Papier als auch in Plastik. Seit drei Jahren produziert Unterweger zudem ein Bio-Verpackungssortiment unter dem Namen "Greenline", die eine "echte Bio-Linie" sei. Das heißt, nicht nur auf die Verwendung nicht gentechnisch veränderter Rohstoffe achtet, sondern auch zu fairen Preisen und Bedingungen produziert.

Vor allem für den Cateringbereich versorgt das Unternehmen Kunden zum Beispiel mit Tellern aus Palmblätter oder Schalen aus Resten der Zuckerrohrproduktion. Diese sind sowohl für die Mikrowelle, als auch für den Ofen und die Tiefkühltruhe geeignet. Ohne Beschichtung, nur durch Erhitzung erreicht das Produkt seine Eigenschaften, "aus einem Abfallprodukt der Natur" betont Florian Weixelbraun, Produktmanager für "Greenline" bei Unterweger. Daneben gibt es auch durchsichtige Kunststoffbecher aus Maisstärke, die zwar nur maximal 50° Celsius an Temperatur aushalten, für den Sekt oder den Orangensaft bei der Party aber trotzdem ausreichen, oder Besteck aus kristallisierter Maisstärke. "Das alles verrottet binnen acht Wochen", hebt Weixelbraun hervor.

Bio-Linie ausbauen

Derzeit mache man mit der Bio-Linie cirka 15 Prozent des Gesamtgeschäfts bei Unterweger, in den nächsten drei Jahren will man den Umsatz verdoppeln. Auch im Bereich der Obst- und Gemüseverpackung durch Großhändler sei man unterwegs. Allerdings, schränkt Chef Peter Unterweger ein, man müsse hier auf die Kunden schon zugehen. Die große Nachfrage nach Bioverpackungen sei noch nicht wirklich zu spüren, was nicht zuletzt an den höheren Kosten liege. Für eine Zuckerrohr-Schale beispielsweise lägen die Kosten rund 30 Prozent höher als bei einer konventionellen Kunststoff-Schale.

Pilz zeigt sich vor allem überrascht darüber, dass das Thema Plastiksackerl so präsent ist: "Das Thema Verpackung wird in seiner Relation total überschätzt." 350 Millionen Einkaufssackerl werden in Österreich pro Jahr verwendet. Das entspricht cirka 7.000 Tonnen, davon entfallen ungefähr 1.500 Tonnen auf die Obst- bzw. Gemüsesackerl. Am gesamten Müll, der in Österreich in einem Jahr anfällt, machen die Plastiktaschen einen Anteil von knapp zwei Prozent aus. Die Umweltrelevanz sei laut Pilz also verschwindend klein: "Denken Sie das nächste Mal beim Autofahren daran, dass Sie alle 13 Kilometer den Plastiksackerlverbrauch eines ganzen Jahres verfahren haben." (rom, derStandard.at, 7.4.2011)

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    Welches Sackerl darf's denn sein? "Gerade im Bereich Verpackung muss 'bio' nicht gegen jede Logik sein", sagt Verpackungsgroßhändler Albin Lintner.

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