EZB setzt ein Zeichen gegen die Inflation

7. April 2011, 15:39
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Die Zentralbank erhöht im Kampf gegen die Inflation den Leitzins auf 1,25 Prozent, für Schuldner wird's teurer, Sparzinsen steigen leicht

Frankfurt - Ungeachtet der weltweiten Krisenherde läutete die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag die Zinswende ein. Wie von Experten erwartet, wurden wegen der anziehenden Inflation die Leitzinsen für den Euro-Raum um 0,25 Punkte auf 1,25 Prozent angehoben. Volkswirte erwarten, dass die Notenbank den Leitzins in den kommenden Monaten in kleinen Schritten auf 2,0 Prozent anheben wird.

"Wir haben heute nicht entschieden, dass dies der Beginn einer Serie von Zinserhöhungen war", hielt sich EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag bedeckt. Gleichzeitig machte er deutlich, dass der Aufschwung von höheren Zinsen nicht abgewürgt werde. "Die Geldpolitik ist noch immer konjunkturstimulierend", sagte Trichet. Die Inflationsentwicklung werde weiter "sehr genau" verfolgt. Die Preisrisiken seien immer noch aufwärts gerichtet. Angesichts der zuletzt erhöhten Teuerung sei die Vermeidung von Zweitrundeneffekten - also hoher Lohnforderungen und Preisanhebungen als Inflationsausgleich - von "überragender Bedeutung".

Rekordtief seit Mail 2009

Der wichtigste Zins zur Versorgung der Kreditwirtschaft mit Zentralbankgeld war mitten in der Wirtschafts-und Finanzkrise im Mai 2009 auf das Rekordtief von 1,0 Prozent gesenkt worden. Seit damals verharrte der Zinssatz, mit dem sich die Kreditwirtschaft bei der EZB mit Geld versorgen kann, auf historisch niedrigem Niveau. Die Notenbank will mit dem Zins-Schritt der zunehmenden Inflation in der Euro-Zone entgegenwirken. Vor allem wegen immer teurerer Nahrungsmittel und Energie ist die Teuerung im Euroraum zuletzt auf 2,6 Prozent geklettert. Damit liegt sie weit über dem von der EZB formulierten Stabilitätsziel von knapp unter zwei Prozent.

Euro gut gelaunt

Der Euro stieg in Erwartung einer Zinserhöhung vorübergehend auf ein 15-Monatshoch. Nur der Hilferuf Portugals an die EU versetzte der Gemeinschaftswährung am Donnerstag einen leichten Dämpfer. Durch die Leitzinserhöhung werden Geldanlagen in der Euro-Zone künftig mehr Rendite abwerfen. Das stärkt den Euro gegenüber Dollar und Yen, weil die Leitzinsen in den USA und Japan nahe null liegen.

Ein starker Euro hat allerdings auch weniger positive Folgen, verteuert er doch europäische Produkte auf dem Weltmarkt. Außerdem werden durch die Zinserhöhung Kredite teurer. Besonders problematisch ist das für hoch verschuldete Staaten wie Griechenland, Irland, Portugal und Spanien. Steigende Zinsen könnten die wirtschaftlichen Probleme dieser Länder noch verschärfen und weitere Kreditnehmer in die Insolvenz treiben.

Die Folgen für die Konsumenten

Auch für die Kreditnehmer in Länder wie Portugal, Spanien oder Irland hat auch eine moderate Zinserhöhung wenig erfreuliche Folgen. In diesen Staaten sind nämlich variable Zinsen üblich. Das bedeutet, sie werden mindestens einmal pro Jahr angepasst. Wer also schon vor Jahren ein Haus gebaut oder gekauft hat, muss nach der Leitzinserhöhung für denselben Kredit mehr Geld bezahlen. In den meisten Ländern wirkt sich die Zinserhöhung allerdings nur auf neue Kredite aus.Auch hierzulande haben die meisten Hypothekendarlehen eine lange Laufzeit zu festen Zinsen.

Sparzinsen steigen moderat

Der Leitzins beeinflusst aber auch die Höhe der Sparzinsen. Die sind derzeit recht dürftig, vor allem für täglich fälliges Geld. Die Inflationsrate ist im Moment deutlich höher als die Zinsergebnisse aus den aktuellen Spargeschäften. Die Bank Austria gibt heute zu Protokoll, dass man bei den Sparzinsen in der Regel mindestens im vollen Ausmaß nachziehen wird. Bei den neuen Krediten habe es seit Jahresbeginn schon laufend Anpassungen über den Markt gegeben, da sei praktisch von allen Instituten schon einiges von der jetzigen Zinserhöhung eingepreist worden. Bei Altkrediten werden je nach Kreditmodell zu fixen Stichtagen automatische Anpassungen vorgenommen.

Die BAWAG P.S.K. wird ab Freitag die Verzinsung für das Kapitalsparbuch mit einjähriger Laufzeit von 1,50 Prozent auf 1,75 Prozent, die Durchschnittsverzinsung beim vierjährigen Kletterzins-Sparbuch von 2,613 auf 2,77 Prozent erhöhen. Die Zinsen für Neukredite werden vorerst nicht angepasst. Raiffeisen hat nach eigenen Angaben in Wien die Leitzinserhöhung bei den meisten Sparbüchern schon Mitte März vorweggenommen. Bei den Krediten spiele der Stichtag eines EZB-Zinsentscheids eine immer geringere Rolle. Bei keinem Kundenkredit werde der EZB-Zinssatz mehr unmittelbar schlagend. Bei der Erste Bank wird ab Montag ein bisher mit 1,5 Prozent verzinstes einjähriges Sparbuch mit 1,625 Prozent verzinst. Auf ein zweijähriges Kapitalsparbuch gibt es dann 2,25 (bisher 2,125) Prozent, bei 36 Monaten Laufzeit 2,625 (vorher 2,5) Prozent Zinsen p.a. Im Kredit-Neugeschäft wird es keine Zinserhöhungen geben.

Für Leitl "falsches Medikament"

Bank Austria-Firmenkundenvorstand Helmut Bernkopf sieht laut Austria Presseagentur insgesamt allerdings keine gravierenden Folgen. Die Leitzinserhöhung werde sich "wenig bremsend" auf eine Neukreditvergabe in Österreich auswirken, bei längerfristigen Projektgeschäften sei ein Zinsanhebung um 25 Basispunkte schon lange eingepreist. Der kurzfristige Bereich werde nach der Erhöhung nachziehen. Auch auf die konjunkturelle Entwicklung werde sich eine Erhöhung nur "sehr moderat" auswirken. Der Zinsschritt sei ein Signal an die Märkte, dass die EZB die zunehmende Inflation nicht akzeptieren werde, sagte IHS-Chef Bernhard Felderer.

Für WkÖ-Präsident Christoph Leitl ist die Zinserhöhung allerdings "das falsche Medikament". Das sei "wie Penizillin gegen Kopfweh". Eine Zinserhöhung wäre aus seiner Sicht bei einer Überhitzung einzusetzen. Die aktuelle Inflation sei aber nur aus importierten höheren Energie- und Rohstoffpreisen entstanden. Er habe "Angst, dass die EZB das Instrument falsch anwendet". Die Auswirkung auf die Wirtschaft werde "eher psychologisch" sein, weil nun von einer "Zinswende" und dem Ende des billigen Geldes die Rede sei. Heftige Kritik übt auch AK-Direktor Werner Muhm. Die aktuelle Zinserhöhung und die indirekt angekündigten weiteren Schritte zur "Normalisierung" des Zinsniveaus seien "Gift für Beschäftigung und Wachstum."(rb, derStandard.at, 7.4.2011)

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    Die EZB strafft ihre Geldpolitik: Grund ist vor allem die zuletzt kräftig gestiegene Inflation.

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