Gefährliches Spiel mit Feuer

7. April 2011, 17:29
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    foto: bildstörung

    Molotow-Cocktail gegen Widersacher: François Négret (li.) und Vincent Gasperitsch.

Vom gescheiterten Leben in den Banlieues: Jean-Claude Brisseaus spektakuläres Sozialdrama "Lärm und Wut"

Das prekäre Dasein in den Pariser Banlieues ist im französischen Kino vielfältig verhandelt worden, aber selten mit so viel Sinn für Widersprüche wie in Jean-Claude Brisseaus Lärm und Wut (De bruit et de fureur) - und dies bereits 1988, also sieben Jahre vor Mathieu Kassovitz' ungleich bekannterem Hass (La haine).

Ein schmächtiger Junge, Bruno (Vincent Gasperitsch), zieht mit seinem kleinen Vogel namens Superman in einen der Wohnsilos am Stadtrand; von seiner Mutter wird man den Film hindurch Botschaften an den Wohnungswänden lesen, sie aber nie zu Gesicht bekommen. Jean-Roger (François Négret), Brunos neuer Kumpel, muss dagegen als Kind dieser sich selbst überlassenen Zone bezeichnet werden: ein wilder Nichtsnutz, der aus Spaß Fußmatten und Obdachlose anzündet. Entsprechend sieht seine Familie aus: ein ins Groteske überhöhter proletarischer Haufen, von einem Übervater angeführt, der in der Wohnung mit der Winchester herumballert (eine der erinnerungswürdigsten Parts des im letzten Jahr verstorbenen Bruno Cremer).

Brisseau, der nicht umsonst als radikaler Einzelgänger des französischen Kinos gilt, gewinnt aus dieser Konstellation allerdings keines dieser braven Sozialdramen, in denen das Milieu und das Versagen staatlicher Institutionen alles erklären. Lärm und Wut interessiert sich vielmehr für ein Spiel der Kräfte, das außerhalb normierter Regeln abläuft: chaotischer Wille zur Destruktion versus Pädagogik bildungsorientierter Zuwendung. Freie Wildbahn versus Schule. Bande versus Familie. Bruno, der mit engelhaften Wesen in Austausch steht, bringt noch eine dritte, für Brisseau charakteristische Ebene der Transzendenz in den Film ein - eine äußere Macht, die in dieses Feld sozialer Vorbestimmung korrigierend eingreift.

Dem Kölner Label Bildstörung, auf Autoren zwischen etablierten Marken spezialisiert, ist es zu verdanken, dass Brisseaus immer noch aktueller Film nun auf einer liebevoll edierten DVD mit Untertiteln erhältlich ist - inklusive Extras wie einem längeren Booklet, Interviews sowie Making-of. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Printausgabe, 8.4.2011)

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