Vom gescheiterten Leben in den Banlieues: Jean-Claude Brisseaus spektakuläres Sozialdrama "Lärm und Wut"
Das prekäre Dasein
in den Pariser Banlieues ist im französischen Kino vielfältig
verhandelt worden, aber selten mit so viel Sinn für Widersprüche wie in
Jean-Claude Brisseaus Lärm und Wut (De bruit et de fureur) - und dies bereits 1988, also sieben Jahre vor Mathieu Kassovitz' ungleich bekannterem Hass (La haine).
Ein schmächtiger
Junge, Bruno (Vincent Gasperitsch), zieht mit seinem kleinen Vogel
namens Superman in einen der Wohnsilos am Stadtrand; von seiner Mutter
wird man den Film hindurch Botschaften an den Wohnungswänden lesen, sie
aber nie zu Gesicht bekommen. Jean-Roger (François Négret), Brunos neuer
Kumpel, muss dagegen als Kind dieser sich selbst überlassenen Zone
bezeichnet werden: ein wilder Nichtsnutz, der aus Spaß Fußmatten und
Obdachlose anzündet. Entsprechend sieht seine Familie aus: ein ins
Groteske überhöhter proletarischer Haufen, von einem Übervater
angeführt, der in der Wohnung mit der Winchester herumballert (eine der
erinnerungswürdigsten Parts des im letzten Jahr verstorbenen Bruno
Cremer).
Brisseau, der
nicht umsonst als radikaler Einzelgänger des französischen Kinos gilt,
gewinnt aus dieser Konstellation allerdings keines dieser braven
Sozialdramen, in denen das Milieu und das Versagen staatlicher
Institutionen alles erklären. Lärm und Wut interessiert sich
vielmehr für ein Spiel der Kräfte, das außerhalb normierter Regeln
abläuft: chaotischer Wille zur Destruktion versus Pädagogik
bildungsorientierter Zuwendung. Freie Wildbahn versus Schule. Bande
versus Familie. Bruno, der mit engelhaften Wesen in Austausch steht,
bringt noch eine dritte, für Brisseau charakteristische Ebene der
Transzendenz in den Film ein - eine äußere Macht, die in dieses Feld
sozialer Vorbestimmung korrigierend eingreift.
Dem Kölner Label
Bildstörung, auf Autoren zwischen etablierten Marken spezialisiert, ist
es zu verdanken, dass Brisseaus immer noch aktueller Film nun auf einer
liebevoll edierten DVD mit Untertiteln erhältlich ist - inklusive Extras
wie einem längeren Booklet, Interviews sowie Making-of. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Printausgabe, 8.4.2011)