Gesucht: ReiseführerInnen für Ottakring!

7. April 2011, 09:02
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Das "Reisebüro Ottakringer Straße" ist kein Tourismusbüro im klassischen Sinne. Vielmehr geht es um den Abbau von Vorurteilen gegenüber einem lebendigen, im Wandel begriffenen Stadtteil

Souvenirs aus Ottakring, Schnellkurse für ReiseführerInnen, Beratung bei Mietrechtsfragen und Bühne für diverse Veranstaltungen - das temporäre "Reisebüro Ottakringer Straße" ist kein Tourismusbüro im klassischen Sinne. Es dient vielmehr als kommunikativer und partizipativer Treffpunkt, der Kultur, Freizeit und Service verbindet. Der Leitgedanke ist seit Beginn des Projekts im Jahr 2009 gleich geblieben: Die Ottakringer Straße mit Unvoreingenommenheit und der Neugierde eines touristischen Blickes wahrzunehmen.

Der Blick von innen

Schwerpunkt des Projekts zur Image-Aufwertung der "Wiener Balkanmeile" bildet heuer die "Selbstdarstellung" der Straße. So werden zum Beispiel ReiseführerInnen gesucht, die alle jenen, die die Ottakringer Straße noch nicht kennen, in Form von persönlichen Touren ihre Lieblingsplätze zeigen. "Das kann eine 60-minütige Führung durch die ganze Straße sein, oder man bietet zum Beispiel einen gemeinsamen Besuch in seinem Lieblingscafé an", erklärt Barbara Jeitler von der Gebietsbetreuung Ottakring.

Zweimal im Monat wird der Workshop "Schnellkurs ReiseführerIn" stattfinden, in dem lokale ExpertInnen - und damit sind alle BewohnerInnen der Gegend gemeint - gecoacht werden und ihre persönliche Tour durch die Ottakringer Straße professionell zusammenstellen können. Die Wahrnehmung des Straßenzuges von außen soll so durch die Blickrichtungen der Menschen, die hier ihr Leben verbringen, positiv verändert und gestärkt werden.

Kugelsichere Weste

Noch vor ein paar Jahren häuften sich die negativen Schlagzeilen über die "Balkanmeile", und nach wie vor ist die Meinung darüber häufig von Vorurteilen geprägt. Dass die Straße, die den 16. Wiener Gemeindebezirk vom 17. trennt, eine gefährliche Straße sei, bleibt trotz der Aufbesserung des Images in den letzten Jahren weiter in den Köpfen der Wiener bestehen, so Jeitler. Da bleiben derartige Fragen - wenn auch scherzhaft gemeint - nicht aus: "In der Ottakringer Straße, soll ich da meine kugelsichere Weste anziehen?"

"Darum sind positive Berichte über die Straße wichtig", betont Jeitler. "Diese rückkoppeln sich über die Medien, und gelangen so wieder in die Köpfe der Leute." Nicht die Straße an sich bedürfe einer Veränderung, sondern das Verstehen und die Kenntnis der vielschichtigen und urbanen Realitäten.

"Sonst wäre sie eine Geisterstraße"

Das Argument von alteingesessenen ÖsterreicherInnen, die MigrantInnen würden sie hier "verdrängen", sei längst obsolet, denn wie sich in Straßenzügen in weniger interkulturell geprägten Teilen der Stadt sehr deutlich zeigt, müssen kleine Einzelhandelbetriebe nach der Reihe zusperren, weil die Besitzer in Pension gehen und sich kein Nachfolger findet. Nicht so in der Ottakringer Straße: "Die MigrantInnen haben diese Straße lebendig gehalten, ohne sie wäre sie längst eine Geisterstraße", so Jeitler. "Am Anfang waren es viele Billigshops, aber jetzt gibt es zunehmend Qualität."

Nachdem der Focus des Projekts im letzten Jahr auf Experten-Diskussionen zu Themen wie Stadtleben und Identität lag, möchten die BetreiberInnen des Reisebüros ihr Angebot heuer wieder ausweiten. Die Kombination aus niederschwelligem und intellektuellem Angebot soll alle Anrainer inkludieren - Jugendliche und kleine Geschäftsleute genauso wie "Bobos".

Souvenirs aus Ottakring

Neben den Workshops für ReiseführerInnen und den daraus entwickelten Streifzügen für "Ottakring-Touristen" sucht das Reisebüro auch nach aktiven NutzerInnen der Räume - für jede Art von Veranstaltung, die in der Ottakringer Straße von öffentlichem Interesse ist, kann das Reisebüro tageweise kostenlos genutzt werden. Zudem wird mit Jugendlichen zum "Bild der Ottakringer Straße" gearbeitet: In Souvenir-Workshops werden Symbole für Ottakring als einen Ort erarbeitet, an den man sich gerne erinnert. Im Herbst sollen einige der entwickelten Souvenirs produziert werden, die in Folge im Reisebüro erworben werden können. Außerdem fungiert der neue Standort in der Ottakringer Straße 45 (Ecke Haberlgasse) an zwei Tagen der Woche auch als Servicestelle für Mietrechtsfragen und Wohnberatungen.

Öffnungszeiten nach Bedarf

Was sich sonst noch bis Jahresende im Reisebüro abspielen wird, ist weitgehend offen. "Vielleicht wird sich jemand finden, der die Bar (die sonst nur bei Veranstaltungen geöffnet sein wird, Anm.) auch am Wochenende betreiben will", spekuliert Jeitler. Das Projekt ist ein Prozess, der sich laufend weiter entwickelt." Das betrifft auch die Öffnungszeiten - diese werden je nach Bedarf angepasst.

Darum gilt für Flanierer auf der Ottakringer Straße: Auch wenn das Reisebüro gerade geschlossen ist, sollte man dennoch einen Blick in die Auslage werfen, denn hier findet man einen Veranstaltungskalender mit allen Vermietungsterminen, Führungen, Serviceterminen, Workshops und Events. (Jasmin Al-Kattib, daStandard.at, 6. April 2011)

 

Am Donnerstag, 7. April 2011 um 19 Uhr wird das neue Programm des Reisebüros Ottakringer Straße vorgestellt

Adresse: Ottakringer Straße 45 (Ecke Hubergasse), 1160 Wien

Weiter Infos:
Reisebüro Ottakringer Straße

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