Sackerl sind politisch schwer abbaubar

Wieselburg hat vor drei Monaten die große Plastiksackerl-Freiheit ausgerufen – Die Umsetzung dieses Zieles ist freilich nicht so einfach – Im Landtag üben sich SPÖ und ÖVP derweilen im Antragstellen

Wieselburg/Wien - Das Ziel klingt ehrgeizig: "Optimal wäre es, die Plastiktaschen gänzlich und dauerhaft aus den Wieselburger Geschäften/Betrieben zu entfernen", heißt es in einer Resolution, die der Gemeinderat der SP-regierten niederösterreichischen Kleinstadt Ende vergangenen Jahres einstimmig beschlossen hat.

Ein Lokalaugenschein drei Monate später. Im Einkaufszentrum herrscht am Samstag reger Betrieb, die Wieselburger transportieren ihre Einkäufe nach wie vor in bunten Sackerln nach Hause. Bei kleinen Geschäften sei man durchaus erfolgreich gewesen, die großen Handelsketten seien allerdings schwerer zu überzeugen, räumt Umweltgemeinderätin Irene Weiß (SP) im Gespräch mit dem Standard ein: "Wir können ja Tchibo, Lidl oder Penny schlecht vorschreiben, dass sie keine Sackerln mehr verkaufen dürfen."

Das könnte nur der Umweltminister - an den die Stadt schon appelliert hat. Zu einem österreichweiten Plastiksackerlverbot konnte sich Nikolaus Berlakovich (ÖVP) noch nicht durchringen; das Ministerium startete Anfang März aber ein Pilotprojekt, in dessen Rahmen Sackerln aus biologisch abbaubaren Materialien in österreichischen Handelsketten eingeführt werden sollen.

Sackerlfrage beschäftigt auch Landtag

In Wieselburg versucht man einstweilen, "gute" Sackerl aus natürlichem Kunststoff ("Naku") an die Konsumenten zu bringen. Auf der Website www.mybagisnotplastic.at dokumentiert Umweltgemeinderätin Weiß, die sich zu der Aktion vom Film Plastic Planet inspirieren ließ, den unterschiedlichen Verfallsprozess zweier Sackerln: Jenes aus "richtigem" Kunststoff übersteht zehn Tage auf dem Komposthaufen völlig unbeschadet, das Naku-Produkt ist auf dem Vorher-nachher-Foto gänzlich verschwunden.

Der Spar-Markt im Einkaufszentrum verkauft die Naku-Sackerln um zehn Cent statt der Gratis-Obstsackerl; immerhin 1300 hätten in einem Monat den Besitzer gewechselt, sagt Weiß. Auch das große, natürliche Plastiksackerl schlägt mit 35 Cent deutlich mehr aufs Geldbörsel als die Papiertasche (24 Cent) oder die Plastiktasche (21 Cent).

Die Sackerlfrage beschäftigte Ende Februar auch den niederösterreichischen Landtag. Günther Leichtfried, Bürgermeister von Wieselburg und Klubobmann der Roten im Landtag, brachte gemeinsam mit den Grünen einen Antrag auf ein Plastiksackerlverbot ein. Die VP lehnte diesen ab, um postwendend ein "Verbot von nicht biologisch abbaubaren Kunststofftragetaschen aus fossilen Rohstoffen" zu fordern - und natürlich zu beschließen.

Der feine Unterschied

Der Unterschied zwischen den Ansinnen dürfte auch den Protokollführern der Landtagssitzung nicht ganz klar gewesen sein: "Der Resolutionsantrag betreffend Verbot von Plastiktaschen wurde abgelehnt, der Resolutionsantrag betreffend Plastiksackerlverbot wurde mit Mehrheit angenommen", hieß es in einer Aussendung nach der Sitzung.

SP-Umweltgemeinderätin Weiß sieht's gelassen: "Die ÖVP hat das abgeschmettert, weil anscheinend eine gute Idee nicht von woanders kommen kann. Aber mir ist das egal, Hauptsache es geht durch. Wir können uns bei Umweltfragen keine politischen Querelen mehr leisten."

Für das Land bringt derzeit Umweltlandesrat Stephan Pernkopf (VP) 50.000 biologisch abbaubare Sackerln unters niederösterreichische Volk, in erster Linie bei Märkten. Darin sollen sich Brot, Obst, Gemüse und Schwammerln sogar länger halten. Vielleicht machen Pernkopfs Sackerln auch in Wieselburg die Runde - die rote Stadt ist immerhin die Heimat des schwarzen Landesrates. (Andrea Heigl, DER STANDARD, Printausgabe, 7.4.2011)

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