Eher morbid als märchenhaft

6. April 2011, 19:03
posten

"Märchen Mythos Marotte": Gruppenausstellung in der Galerie Steinek in Wien

Trotz der Anleihen an Märchen und Mythen herrscht   eine recht düstere Stimmung vor. In unterschiedliche Paradiese dringt das Grauen ein.  

Wien - Müsste man einen Test machen, würde man "Marotte" wohl aus der Wortfolge mit "Märchen" und "Mythos" streichen. Zieht man jedoch in Betracht, dass Märchen und Mythen einige Marotten hervorgebracht haben, trifft man den Punkt schon genauer, den die Ausstellung in der Galerie Steinek zu umkreisen versucht.

Gleich beim Betreten der Räume sieht man zwei großformatige Fotografien, die David Levinthal dem Nibelungenmythos gewidmet hat: Anstelle gestählter Körper zeigen die bewusst unscharf gehaltenen Aufnahmen jedoch undeutlich konturierte Figuren. Sie erinnern an Fotos von Paparazzi und sind wohl nur noch für eine Schlammschlacht geeignet.

Während Levinthal mit seiner die unterschiedlichsten Mythen dekonstruierenden Technik bereits den American Beautys die "Schärfe" nahm, fügt Michaela Spiegel ihren historischen Aufnahmen lieblicher Kinder pikante Details hinzu: eine Schlinge zum Beispiel, die den Hals eines niedlichen Burschen zuzieht, oder Brustwarzen, die dem Bild eines Mädchens mit Bällen eine schwer zu verdauende Optik verpassen.

Angst, Aggression und Sexualität sind in Spiegels Arbeit wiederkehrende Themen. Auch der Fotograf Joel Peter Witkin (geb. 1939 in New York) hat sich damit befasst: Seine Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen Menschen mit "deformierten" Körpern (u. a. Kleinwüchsige oder Transsexuelle), die er in Anlehnung an religiöse Szenen und klassische, kunsthistorische Werke höchst artifiziell inszeniert.

Für seine "queere" Körperästhetik, die die üblichen Normen befragt, wird Witkin nicht nur geliebt. Für Kontroversen hat auch die polnische Künstlerin Katarzyna Kozyra mit ihren Darstellerinnen schon gesorgt: Im Falle des Videos Summertale sind es kleinwüchsige Frauen, die als "Zwerginnen" verkleidet ein feines Leben zu haben scheinen, bis ein paar Eindringlinge in ihre Welt platzen. Als Betrachter kann man diese allerdings kaum als die Bösen identifizieren. Wenn die reizenden Damen die beiden Männer am Ende erschlagen, bleibt man deswegen doch nachhaltig irritiert zurück.

Zu dieser Märchenwelt, in der längst nichts mehr so ist, wie es scheint, passen auch die Einkaufswagen von Clemens Wolf gar nicht so schlecht dazu, die der Künstler zersägt und mit Ölfarbe beschmiert hat. Wolf versteht die Objekte als "Ruinen des Konsumismus". Denn die unbekümmerten Zeiten des Konsums sind bekanntlich auch längst vorbei. (Christa Benzer / DER STANDARD, Printausgabe, 7.4.2011)

Bis 28. 4, Galerie Steinek, Eschenbachgasse 4, 1010 Wien

 

  • In der Galerie empfängt den Besucher ein Friedhof der Einkaufswagen, 
halb 
abgesoffene Symbole des Konsums: Eine "Never Ending Story" (2011) von 
Clemens 
Wolf.
    foto: galerie steinek

    In der Galerie empfängt den Besucher ein Friedhof der Einkaufswagen, halb abgesoffene Symbole des Konsums: Eine "Never Ending Story" (2011) von Clemens Wolf.

Share if you care.