Strassergate und die Grenzen des Persönlichkeitsrechts

6. April 2011, 19:02
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Replik auf Thomas Höhnes Vorbehalte gegen den Einschleichjournalismus - Von Fritz Hausjell

Höhnes Entgegnungen zu meinem Plädoyer für Einschleichjournalismus verwundern mich. Mit dem Schutz der Privatsphäre gegen Einschleichjournalismus im Kontext des Ex-EU-Abgeordneten Strasser zu argumentieren mutet zumindest eigenartig an. Jedenfalls lenkt es vom eigentlichen Thema ab, denn Höhne will ja wohl nicht damit sagen wollen, dass Strasser hier in seiner Privatsphäre verletzt wurde. Denn gehandelt hatte er gegenüber den fiktiven Lobbyisten, die sich dann als Journalisten entpuppten, in seiner Funktion als Mitglied des Europäischen Parlaments und nicht als Privatperson.

Selbstverständlich gibt es Fälle, in denen Boulevardjournalismus zum Mittel der Einschleichrecherche greift, dabei die Privatsphäre von Opfern verletzt oder die Methode für eigentlich harmlose Themen sensationsheischend einsetzt. Aber mit dem Missbrauch sollte man nicht gegen den sinnhaften Einsatz einer journalistischen Methode argumentieren, wie es Höhne letztlich tut. Konsequenterweise könnte man nämlich mit der Gefahr des Missbrauchs und mit tatsächlichem Missbrauch etwa der Pressefreiheit auch gleich deren Abschaffung argumentieren. Das ist aber sicher nicht Höhnes Ziel. Er beschränkt sich leider nur auf juristische Aspekte und greift selbst dabei recht kurz. Wer sich mit falscher Identität als Journalist Zugang zu Bereichen verschafft, die sich mit anderen Mitteln nicht ebenso klar recherchieren lassen, verstößt erstens nicht immer und nicht nur gegen Persönlichkeitsrechte. Geklagt werden verdeckt recherchierende Journalisten von den Aufgedeckten oft wegen ganz anderer Delikte: Hausfriedensbruch, Verrat von Betriebs- oder Staatsgeheimnissen usw. Darüber gilt es viel stärker zu diskutieren, wenn wir über Hemmnisse reden wollen, die den Journalismus einschränken.

Auch wenn nun Höhne schon so viele Fragesätze formuliert hat - einige wenige möchte ich in die weitere Debatte auch einwerfen: Wie stehen die meisten österreichischen Journalisten heute zum Einschleichjournalismus? Wie viele Scheren in den Köpfen von Journalisten beschneiden denn spannende Rechercheprojekte schon im Denkansatz? Und: Haben Medien Angst, dass sich die Recherchemethode künftig stärker auch gegen sie selbst richten könnte? Dass sich jemand in Wallraff'scher Manier nicht bei Bild, sondern bei der Kronen Zeitung oder Österreich einschleicht? Dass es jemand Volker Lilienthal, der für den Fachdienst "epd-Medien" Schleichwerbung bei der ARD-Vorabendserie Marienhof aufgedeckt hatte, gleichtut und bei Puls4, ATV oder ORF prüft? Oder - so wie erst kürzlich der taz-Journalist Sebastian Heiser - nicht bei verschiedenen deutschen, sondern österreichischen Blättern als fiktive Werbeagentur auftritt, um die Käuflichkeit von redaktionellen Inhalten auszuloten?

Mir fehlt in der noch kleinen Debatte in der aktuellen heimischen Journalismusbranche der historisch fundierte Weitblick. Wer die Geschichte der Medienfreiheit ein wenig studiert, stellt rasch fest: Wir wären nicht da, wo wir jetzt sind, wenn nicht frühere Journalistengenerationen immer wieder auch Tabus gebrochen, gegen herrschende ethische Prinzipien verstoßen und auch Gesetze verletzt hätten, um zur notwendigen Vermehrung journalistischer Freiheit und Handlungsfähigkeit zu kommen ... (Fritz Hausjell, DER STANDARD; Printausgabe, 7.4.2011)

FRITZ HAUSJELL rlehrt Kommunikationswissenschaft an der Uni Wien.

Mit der Frage "Was müssen Journalisten dürfen?" befasst sich am Donnerstag (7. April) auch eine Forumsdebatte im Pressezentrum des Parlaments - es diskutieren: Michael Frank, Astrid Zimmermann, Eckart Ratz und der Autor. Beginn: 18.30.

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