Fein sein, deppert bleiben

6. April 2011, 18:54
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Das geglückte Kinderstück "Hans im Glück" im Wiener Rabenhof-Theater

Wien - Eine Gewissheit wird man aus diesem Stück mit nach Hause nehmen: Die Pflichtschul-Dutzidutzis, die aufgewühlt von der Vorstellung aufgeregt gackernd auf der Autorückbank sitzen, werden in ihrem Leben keine Kieberer mehr werden wollen. Gerade eben haben sie 100 Minuten lang einen Exekutivbeamten erlebt, der mit dem Begriff "Zerrbild" nur unzureichend beschrieben ist.

Schauspieler Michael Schusser hat in der Rabenhof-Inszenierung von Hans im Glück Louis de Funès als Gendarm von Saint Tropez mit den grünen Intelligenzlämmern aus Kottan kombiniert. High-Speed-Narrentum trifft auf Slow-Gneißer-Mentalität. Unterbelichtet wie arrogant marschiert Schusser im Stechschritt Richtung Charlie Chaplins Der große Diktator. Er biegt aber rechtzeitig vor dem "Heil Hinkel!"-Abgrund in den Slapstick ab. Die von hierarchischen Systemen (oben die gütigen Chefs, unten die sich untereinander bekriegenden Personal Resources) zusätzlich beförderte Dummheit wird als Monstranz durchs Leben getragen.

Um die allumfassende Blödheit also geht es im Hans im Glück, diesem trügerischen Märchen. Ebenso geht es um die ewige Frage, ob denn Besitz glücklich macht. Tendenz: jein. Eigentum, das werden wir in dieser kindgerechten Tür-auf-Tür-zu-Farce anhand der Schriften der Marx Brothers lernen, beruht im Wesentlichen auf Diebstahl. So die Unschuldsvermutung zur Anwendung gelangt, sprechen wir beim Fladern von Gutglaubenserwerb. Ein juristischer Terminus, der schon abertausende Jus-Studenten über Nacht beim Strebern für Zivilrecht I ergrauen ließ. Wirklich streng bestraft muss aber am Ende beim Hans niemand werden. Dummheit richtet sich selbst. Und wenn nicht, dann richtet es sich die Dummheit gemütlich in der eigenen Selbstzufriedenheit ein. Fein sein, deppert bleiben.

Wir sehen, wir müssen nach Hans im Glück mit den Ideologie für bare Münze nehmenden Kindern daheim noch einmal reden: Unter der Regie von Roman Freigaßner und nach einem Buch von Gregor Barcal und Alex Scheurer bekommt ein Schneidergeselle als Lohn für seine Lehrjahre irrtümlich einen fußballgroßen Goldklumpen als Lohn ausgehändigt. Bar jeder Wirtschaftskompetenz täuschelt er sich im christlich-sozialen Sinne auf seinem Heimweg zu den Eltern nach unten. Und hat es dauernd mit einem Kieberer zu tun, auf dessen Schulter ein Blaulicht blinkt.

Bis er als Mitbringsel für die lieben Eltern nach Pferd, Kuh, Schwein und Gans nichts mehr hat als das seligmachende Nichts - wofür ich mich als Vater schön bedanken würde -, wird Hans nicht etwa seine Abenteuer als Bildungsroman aus dem Finanzmilieu erleben. Hier läuft ein NLP-Programm in Sachen Systemerhaltung. Herrschende herrschen - und das Volk buckelt. Das Feudalsystem bleibt erhalten. Die Kinder amüsieren sich königlich. Ein König aber, das ist der Klassenfeind. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 7.4.2011)

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