Den Despoten das Gesicht wahren lassen

6. April 2011, 21:21
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Ein Exabgeordneter der USA will auf eigene Faust als Vermittler im Libyen-Konflikt agieren und fliegt nach Tripolis. Sein Vorteil: Er kennt Gaddafi und dessen Gefolge und hat bereits Erfahrung in heikler Krisendiplomatie.

Curt Weldon will Muammar al-Gaddafi bitten, "beiseite zu treten" . In privater Mission ist der Exabgeordnete des amerikanischen Kongresses nach Libyen gereist, wo er sich am Mittwoch mit dem Revolutionsführer treffen wollte.

Weldon glaubt, dass es auf jedes Wort, auf jede Silbe ankommt. Vom Rücktritt Gaddafis spricht er nicht, das Vokabel Rücktritt will er unter allen Umständen vermeiden. Zwar meint er nichts anderes, nur möchte er den Despoten sein Gesicht wahren lassen. "Ich habe ihn oft genug getroffen, um zu wissen, dass es sehr schwer sein wird, ihn mit Bomben zur Unterwerfung zu zwingen" , schreibt der Konservative in der New York Times, wo er das Ziel seiner Reise umreißt. Man müsse von Angesicht zu Angesicht mit Gaddafi reden und ihn überzeugen, dass es am besten ist, wenn er seinen Posten verlässt.

Weldon, ein Außenpolitiker aus Pennsylvania, legt Wert auf die Feststellung, dass er nicht auf eigene Faust handelt. Das Kabinett Barack Obamas wisse Bescheid, Demokraten und Republikaner im US-Parlament seien eingeweiht, eingeladen habe ihn Gaddafis Stabschef. Als Erstes, skizziert der 63-Jährige seinen Plan, müsse man einen Waffenstillstand erreichen. Die libysche Armee müsse aus umkämpften Städten abziehen, während die Rebellen nicht länger versuchen dürften, vorwärts zu marschieren. Dann soll sich der libysche Premier Baghdadi al-Mahmoudi unter UN-Ägide mit führenden Köpfen der Opposition treffen, um einen Zeitplan für faire Präsidentenwahlen auszuarbeiten. Gaddafis Sohn Saif al-Islam, schlägt Weldon vor, könnte bei alledem eine "konstruktive Rolle" spielen, etwa als Mitglied einer Kommission, die eine neue Verfassung zu Papier bringt.

Naiv oder nicht - es ist nicht das erste Mal, dass sich der frühere Lehrer und Russland-Experte in Krisendiplomatie versucht. 2003 flog er nach Pjöngjang, um im Atompoker mit Nordkorea die Sichtweise der USA zu erklären. 2004 leitete er eine US-Delegation, die Libyen besuchte - der erste derartige Sondierungstrupp seit 1979. Im Zuge des Irakkrieges stoppte Gaddafi ein Programm zur Entwicklung von Nuklearwaffen, worauf das Weiße Haus eine Normalisierung anpeilte. Damals war Weldon der Bote, der vorfühlen sollte. Eingefädelt hatte er den Besuch bei einem Dinner mit Saif al-Islam Gaddafi in London.

Die USA haben ihre Luftangriffe vorerst beendet - dafür erhält das von der Nato geführte Militärbündnis in Libyen Unterstützung aus Jordanien. Jordanische Kampfflugzeuge seien bereits auf einem Luftwaffenstützpunkt stationiert, heißt es.

Angriff auf Ölfelder

Kritik am Einsatz kommt vom Militärführer der Rebellen, General Abdel Fattah Younes: Er warf der Allianz vor, nicht entschieden genug gegen Gaddafi vorzugehen und die Menschen im belagerten Misrata dem Verderben preiszugeben. Aus Protest gegen die reservierte Haltung der Türkei hielten die Aufständischen am Mittwoch ein türkisches Schiff mit Hilfsgütern am Hafen von Bengasi vom Anlegen ab. Am Abend kam die Meldung, die Produktion in den von Rebellen gehaltenen Ölfeldern im Osten sei nach Angriffen von Gaddafi-Truppen eingestellt worden.  (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 7.4.2011)

 

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