Kunst und Vernetzungskunst

6. April 2011, 18:15
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Das Donaufestival widmet sich künstlerischen und ästhetischen Netzwerken: "Nodes, Roots & Shoots" zeigt auf, wie sehr Genres heute miteinander verwoben sind

... und was dabei entstehen kann.

Krems - Als sich das Kremser Donaufestival 2005 das Motto "Ausweitung der Kampfzonen" beim französischen Bestseller-Autor Michel Houellebecq lieh, war das eine Umschreibung für ein Netzwerkgewucher, das gerade erst eingesetzt hatte. Sechs Jahre später hält Intendant Tomas Zierhofer-Kin den aktuellen Stand dieser Wucherung unter dem Arbeitstitel "Nodes, Roots & Shoots" fest: Knoten, Wurzeln und Triebe.

Was ein wenig nach Frühlingsgärtnerei klingt, beschreibt den Zustand einer modernen Infrastrukturkultur, die selbst in der tiefsten Isolation nur einen Klick vom globalen Anschluss entfernt ist. So weit, so bekannt.

Das heurige Donaufestival versucht eine Momentaufnahme. In einem Programm, das Performance, Theater, Film, eine neu geschaffene Diskurs-Reihe, Musik, bildende Kunst mit all ihren Querverbindungen an so vielen Austragungsorten wie noch nie zuvor bietet, soll ein Einblick in eine kulturelle Diaspora geboten werden, die Grenzen (fast) nur noch bezüglich der Speicherkapazitäten ihrer Rechner wahrnimmt.

Wenn etwa der US-amerikanische Produzent, Rapper und Yoga-Lehrer Sumach Ecks alias Gonjasufi seine künstlerischen Wurzeln sucht, schließt er damit Welten kurz: Am ersten der beiden Wochenenden des Festivals wird der in Las Vegas lebende Musiker mit biografischen Wurzeln in Mexiko und Äthiopien mit seiner bunt zusammengewürfelten Band auftreten. Dass daraus nicht bloß eine weltmusikalische Übung für Lonely Planet -Touristen wird, lässt sich doch mit einiger Gewissheit vorhersagen.

Das Donaufestival zeigt eine Reihe solcher Wanderschaften: Sei es, dass es den jungen Briten James Blake in der Minoritenkirche Dubstep in tradierte Pop-Formate überführen lässt, sei es, dass der US-Musikethnologe Brian Shimkovitz musikalische Fundstücke aus Afrika als Awesome Tapes from Africa zu Gehör bringt - oder dass es mit Diplo aufwartet, einem musikalischen Wanderprediger, der als einer der Ersten den Dancefloor der Dritten mit der Ersten Welt auf einer Stufe zusammenführte. Was früher ausbeuterischer Kulturkolonialismus war, erhält heute seine Legitimation über die Unmittelbarkeit, mit der sich an diesen Entdeckungen global andocken lässt.

Artist in Residence

Daneben bietet das Donaufestival Updates aus dem Schaffen ewig hungriger Künstler wie John Cale (siehe Text unten rechts), Laurie Anderson oder Lydia Lunch, die sich allesamt weigern, als Wärter des eigenen Mythos in die Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Auch sie partizipieren an den neuen Netzwerken, und so sickern die Errungenschaften von gestern in jene von heute und gehen neue Kooperationen ein.

Kunst bedeutet also zusehends auch Vernetzungskunst. Je abenteuerlicher so ein Netz gewoben ist, desto interessanter sind die Ergebnisse: Carla Bozulich gibt als Artist in Residence einen Einblick in ihr Mikrouniversum. Neben einer Auftragsarbeit für den Klangraum in Krems präsentiert die US-amerikanische Musikerin Arbeiten von und mit Künstlern wie Marc Ribot's Ceramic Dog, The Books, Laurie Anderson oder der kanadischen One-Woman-Experimental-Musikerin Gambletron. Das Donaufestival präsentiert aber nicht nur Netzwerke, es flicht auch eigene. Hartnäckige Grenzen perforiert es mittels Künstlern, die sich queeren Themen und dem Gender-Bereich verschreiben: Das Femous Orchestra wird einerseits im seltsamen Fach der Marschmusik lustwandeln - und später mit John Cale kooperieren.

Daneben präsentiert das von Arcade Fire her bekannte Multitalent Owen Pallett ein Aufeinandertreffen mit lokalen Streichern, die britischen Wild Beasts führen ihren herrlich kapriziösen Pop auf - und The Irrepressibles laden zum Barock-Schock. Die Netzwerke, sie stehen in voller Blüte. (Karl Fluch/ DER STANDARD, Printausgabe, 7.4.2011)

  • Ein Mann auf der Suche seiner Wurzeln im globalen Dorf: Gonjasufi, einer der Stars des heurigen Donaufestivals.
    foto: warp

    Ein Mann auf der Suche seiner Wurzeln im globalen Dorf: Gonjasufi, einer der
    Stars des heurigen Donaufestivals.

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