Das Donaufestival widmet sich künstlerischen und ästhetischen Netzwerken: "Nodes, Roots & Shoots" zeigt auf, wie sehr Genres heute miteinander verwoben sind
... und was dabei entstehen kann.
Krems - Als sich das Kremser Donaufestival 2005 das Motto "Ausweitung der
Kampfzonen" beim französischen Bestseller-Autor Michel Houellebecq lieh, war das
eine Umschreibung für ein Netzwerkgewucher, das gerade erst eingesetzt hatte.
Sechs Jahre später hält Intendant Tomas Zierhofer-Kin den aktuellen Stand dieser
Wucherung unter dem Arbeitstitel "Nodes, Roots & Shoots" fest: Knoten,
Wurzeln und Triebe.
Was ein wenig nach Frühlingsgärtnerei klingt, beschreibt den Zustand einer
modernen Infrastrukturkultur, die selbst in der tiefsten Isolation nur einen
Klick vom globalen Anschluss entfernt ist. So weit, so bekannt.
Das heurige Donaufestival versucht eine Momentaufnahme. In einem Programm,
das Performance, Theater, Film, eine neu geschaffene Diskurs-Reihe, Musik,
bildende Kunst mit all ihren Querverbindungen an so vielen Austragungsorten wie
noch nie zuvor bietet, soll ein Einblick in eine kulturelle Diaspora geboten
werden, die Grenzen (fast) nur noch bezüglich der Speicherkapazitäten ihrer
Rechner wahrnimmt.
Wenn etwa der US-amerikanische Produzent, Rapper und Yoga-Lehrer Sumach Ecks
alias Gonjasufi seine künstlerischen Wurzeln sucht, schließt er damit Welten
kurz: Am ersten der beiden Wochenenden des Festivals wird der in Las Vegas
lebende Musiker mit biografischen Wurzeln in Mexiko und Äthiopien mit seiner
bunt zusammengewürfelten Band auftreten. Dass daraus nicht bloß eine
weltmusikalische Übung für Lonely Planet -Touristen wird, lässt sich doch
mit einiger Gewissheit vorhersagen.
Das Donaufestival zeigt eine Reihe solcher Wanderschaften: Sei es, dass es
den jungen Briten James Blake in der Minoritenkirche Dubstep in tradierte
Pop-Formate überführen lässt, sei es, dass der US-Musikethnologe Brian
Shimkovitz musikalische Fundstücke aus Afrika als Awesome Tapes from Africa zu
Gehör bringt - oder dass es mit Diplo aufwartet, einem musikalischen
Wanderprediger, der als einer der Ersten den Dancefloor der Dritten mit der
Ersten Welt auf einer Stufe zusammenführte. Was früher ausbeuterischer
Kulturkolonialismus war, erhält heute seine Legitimation über die
Unmittelbarkeit, mit der sich an diesen Entdeckungen global andocken lässt.
Artist in Residence
Daneben bietet das Donaufestival Updates aus dem Schaffen ewig hungriger
Künstler wie John Cale (siehe Text unten rechts), Laurie Anderson oder
Lydia Lunch, die sich allesamt weigern, als Wärter des eigenen Mythos in die
Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Auch sie partizipieren an den neuen
Netzwerken, und so sickern die Errungenschaften von gestern in jene von heute
und gehen neue Kooperationen ein.
Kunst bedeutet also zusehends auch Vernetzungskunst. Je abenteuerlicher so
ein Netz gewoben ist, desto interessanter sind die Ergebnisse: Carla Bozulich
gibt als Artist in Residence einen Einblick in ihr Mikrouniversum. Neben einer
Auftragsarbeit für den Klangraum in Krems präsentiert die US-amerikanische
Musikerin Arbeiten von und mit Künstlern wie Marc Ribot's Ceramic Dog, The
Books, Laurie Anderson oder der kanadischen One-Woman-Experimental-Musikerin
Gambletron. Das Donaufestival präsentiert aber nicht nur Netzwerke, es flicht
auch eigene. Hartnäckige Grenzen perforiert es mittels Künstlern, die sich
queeren Themen und dem Gender-Bereich verschreiben: Das Femous Orchestra wird
einerseits im seltsamen Fach der Marschmusik lustwandeln - und später mit John
Cale kooperieren.
Daneben präsentiert das von Arcade Fire her bekannte Multitalent Owen Pallett
ein Aufeinandertreffen mit lokalen Streichern, die britischen Wild Beasts führen
ihren herrlich kapriziösen Pop auf - und The Irrepressibles laden zum
Barock-Schock. Die Netzwerke, sie stehen in voller Blüte. (Karl Fluch/ DER STANDARD, Printausgabe, 7.4.2011)