"So an Trottel wie mi' wird's nie mehr geben"

6. April 2011, 18:06
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Rotlicht-Boss wollte ehemaligen Sturm-Präsident stürzen

Graz - Anklagesessel haben die verblüffende Eigenschaft, Menschen, sobald sie vor dem Richter darauf Platz genommen haben, in einen Zustand der Depersonalisierung zu versetzen.

G'standene Männer verhalten sich plötzlich wie ängstliche Wesen, Großmäuler werden stumm wie Fische. Das funktioniert in erster Linie bei Angeklagten, das Phänomen ist aber auch bei Zeugen zu beobachten - wie am Mittwoch im Grazer Straflandesgericht, als der ehemalige wirtschaftliche Koordinator des Fußballklubs Sturm Graz auf dem Stuhl Platz nahm.

Obwohl er freiwillig, um Ex-Präsident Hannes Kartnig zu entlasten, als Zeuge hierher kam, mutierte er rasch - wie seine auf der Anklagebank hinter ihm sitzenden Funktionärskollegen zuvor - zu einer bedauernswerten Person ohne Eigenschaften und Erinnerung. Auch ihm fehlten wichtige Passagen seiner Sturm-Vergangenheit: Er war nirgendwo dabei, nie eingebunden, nie hatte er von Schwarzgeldzahlungen oder Steuerhinterziehungen gewusst. Dabei ist Dipl. Ing. K. nicht irgendwer. Er war Topmanager in einem Industriekonzern und als solcher zu Sturm wegen seiner Wirtschaftsmeriten geholt worden.

Der meist in sich ruhende Staatsanwalt Johannes Winklhofer rastet fast aus: "Ich frage mich wirklich, was haben Sie als Vorstand, als wirtschaftlicher Koordinator, eigentlich gemacht? Warum waren sie im Vorstand?"

Zeuge Dipl.Ing. K.: "Aus Fußballleidenschaft. Ich habe meine Freizeit geopfert." Der Staatsanwalt: "Jetzt hören Sie auf mit der Opferrolle. Sie waren für nix dort."

Wer habe eigentlich den Verein geführt, wenn Kartnig - wie bei der Hochzeitsreise - monatelang nicht anwesend war, will der Staatsanwalt wissen. Na ja, schon irgendwie er als Vizepräsident und der zweite Vize, Klaus L., der im "Nachtgeschäft" tätig gewesen sei. Dieser habe übrigens versucht, "Kartnig in seiner Abwesenheit abzusetzen". Er habe "mit allen Mitteln Präsident werden wollen". Der Zeuge: "Er hat gesagt, ich hab 17 Messerstiche überlebt, überleb ich den Kartnig auch." Diesen hebt es aus dem Sessel: "Des san Leut'..."

Staatsanwalt Winklhofer, will es nicht glauben: "Haben Sie wenigstens die Spielerverträge angeschaut? Spieler sind doch die größten Kostenträger, das musste Sie doch interessieren."

"Nein."

Kartnig steht auf: "Herr Rat, darf ich etwas dazu sagen, dass Sturm nur eine One-Man-Show gewesen sein soll? Ich hab den Verein in den Medien vertreten, aber die anderen waren keine Marionetten. Okay, ich hab gesagt: Wer das Geld hat, schafft an. Aber wenn die Leute ehrlich san: So an Trottel wie mi' wird's nie mehr geben." (Walter Müller DER STANDARD Printausgabe 07.04.2011)

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    Hannes Kartnig ist während der Zeugenaussagen nur noch Zuhörer, springt aber immer wieder hoch, "um etwas klarzustellen".

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