Das dreißigste Jahr

6. April 2011, 17:51
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Marlene Streeruwitz' "Jessica, 30." in einer bewegungsreichen Dramatisierung in der Drachengasse

Wien - Die Situation ist für Jessica, 30. unbefriedigend, privat wie beruflich. Als überqualifizierte und unterbezahlte Lifestyle-Journalistin läuft die zwiegespaltene Heldin (ausdrucksstark in den Rollen: Anna Morawetz und Stefanie Philipps) aus dem gleichnamigen Roman der Autorin Marlene Streeruwitz ihrem Leben hinterher. In einer bewegungsreichen Dramatisierung (Regie: Alex. Riener) reflektiert die "beziehungsgestörte" Single-Frau joggend die Affäre mit Gerhard, dem Minister.

In der Bar des Theaters Drachengasse ist sie sich ihrer prekären Lage bewusst, kann aber die gesellschaftlichen Fesseln nicht sprengen und ringt um Stabilität, indem sie sich über Männer, Sex oder Figurenmaße definiert. Jessica erhält durch das Theaterensemble "dielaemmer" Unterstützung, das ähnlich einem antiken Chor ihre Handlungen und psychischen Abgründe zum Ausdruck bringt.

Prekariat oder Generation Praktikum beschreiben Lebensgefühle, die sich im zeitgenössischen Theater oftmals wiederfinden. Am Beispiel der 30-Jährigen bahnen sich assoziative Gedankenflüsse ihren Weg und zeigen das Spannungsverhältnis zwischen ehrgeizigem Idealismus und beruflicher Realität in einer männerdominierten Welt sowie dem Verlangen nach Freiheit bei gleichzeitiger mütterlicher Geborgenheit.

Im Gegensatz zum Roman tritt hier die fürsorgliche Mutter (Karola Niederhuber) auf, die den Niedergang aller emanzipatorischen Errungenschaften beklagt. Eine Ernsthaftigkeit ohne belehrenden Zeigefinger trägt Streeruwitz' feministisches Stück, das auf eingehende Weise das Innenleben Jessicas ausleuchtet. (Sebastian Gilli/ DER STANDARD, Printausgabe, 7.4.2011)

Bis 16. April, Di-Sa, 20 Uhr

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