Ermittlungen

Causa Stradivari: 200 Geigen abgängig

Renate Graber, 6. April 2011, 17:46

Suche auf Hochtouren: Im Vermögen von Geigenhändler Dietmar M. fehlen bis zu 30 wertvollste Instrumente

Wien - Spannend gestalten sich die Ermittlungen von Justiz und Kriminalbeamten in der Causa Stradivari rund um die Pleite des Geigenhändlers Dietmar M. Er ist persönlich und mit seiner Wiener Gesellschaft in Konkurs; allein in der Privatinsolvenz haben seine Gläubiger Forderungen von 100 Mio. Euro angemeldet, 80 davon hat der Masseverwalter anerkannt. Allein seinen Banken schuldet der 62-jährige Schlossbesitzer 30 Mio. Euro; für die Schulden seiner Wiener Kadenza GmbH hat er gebürgt. M. wurde jüngst in der Schweiz festgenommen, die Österreicher ermitteln unter anderem wegen Betrugsverdachts, es gilt die Unschuldsvermutung. Zuletzt haben sich übrigens Geschädigte aus Sydney gemeldet.

Während M. in Auslieferungshaft sitzt, läuft die Geigen-Suche auf Hochtouren. M. verrät nämlich den Aufenthaltsort seiner luxuriösen Handelsware nicht - obwohl er die wertvollsten Instrumente, Stradivaris und Guarneris, an seine Banken verpfändet hat. Die übernahmen die Instrumente aber nicht, sondern belegten sie mit Eigentumsvorbehalten.

Nun fehlen den Masseverwaltern mehr als 200 Geigen, nur ein paar weniger wertvolle (Gesamtwert um die 300.000 Euro) wurden in der Kadenza gefunden. Vor allem der Verbleib der verpfändeten 20 bis 30 Streichinstrumente, "M.s wichtige Geigen" (ein Jurist), interessiert Ermittler und Masseverwalter, bisher haben sich aber alle Spuren als falsch erwiesen.

Etwa jene zu M.s deutscher Gesellschaft. Laut Bilanz des Unternehmens hat M. dort 2009 sieben Geigen zum Gesamtwert von 80 Mio. Euro eingebracht. Zwar hat der Wirtschaftsprüfer die wertvollen Stücke nicht gesehen, aber den Bilanzierungsvorschriften wurde genüge getan:_Es gab den erforderlichen Gesellschafterbeschluss; zudem Zertifikate und ein diese bestätigendes Gutachten von M. Er ist selbst Gerichtssachverständiger für alte Streichinstrumente. Die Geigen konnten in Bremen aber nicht geortet werden, sie seien in der Schweiz, hieß es. Im Ein-Zimmer-Büro der Zürcher Geigenbau M. GmbH wurde dann zwar eine Ein-Prozent-Teilhaberin gefunden - aber keine Geige. Nur Tipps gab es: Man möge doch in Italien und Japan suchen.

Geigenmäßig schaut es bei der Vermögensverwertung derzeit also düster aus. Das Katzelsdorfer Schloss von "Weltbürger" M. (Erwin Pröll, als er ihm 2005 das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Bundesland Niederösterreich verlieh) ist mit Hypotheken für die Erste Bank belastet. Und die bei der Schlossdurchsuchung sichergestellte Uhrensammlung dürfte auch nicht der große Geldbringer sein. Das Dorotheum hat sich einige der Chronometer angeschaut: Fälschungen. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.4.2011)

Kommentar posten
20 Postings
jack johnson
 
00
11.4.2011, 17:58
Geigen, das ist es!

Die deppaten Häuslbauer bekommen nur mehr 50% ihres Immobilienwerts als Kredit, aber bei antiken Holz (zugegeben kunstvoll verarbeitet) samma ned so.

btw.: wikipedia kennt gerade mal 141 Stradivari- Geigen.

Cuchullain
00
14.4.2011, 16:31
"Causa Stradivari: 200 Geigen abgängig"

LOL! Erinnert mich an den Rubens-Witz:
"P. P. Rubens hinterließ 274 Skizzen, von denen noch 307 erhalten sind"

Heinz Anderle
 
00
Die Uhren waren falsch,...

... aber Zorkis (russische Leica-Imitate) dürfte man doch schon beim Kauf vom Vorbild unterscheiden gekonnt haben, wie sich jetzt zeigt.

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

chris bondy1
02
solange die geigen nicht da sind

besteht verdunkelungsgefahr (eig. sogar tatwiederholungsgefahr) und damit fast zwangsläufig die notwendigkeit M. nach der auslieferung bis zum abschluss des prozesses in haft zu belassen. aber wahrscheinlich reicht auch der umstand der fluchtgefahr aus um M. solange festzuhalten und deshalb ist es M egal ob die geigen auffindbar sind oder nicht.

und

sollte man aus den gefälschten uhren vielleicht auch auf die originalität der (nicht vorhandenen?) geigen schliessen?
also 'money for nothing and a schloss for free' für M. ?

Slaveverwandler
00
13.4.2011, 21:51

Wenn ich den Artikel richtig lese, hat er die Gutachten für seine Geigen kurzerhand selbst erstellt.
Tja, da werdens wohl lang suchen, die Gläubiger.

Dr. Lari and Mr. Fari
 
00
11.4.2011, 16:52
aneren Meldungen zufolge sei M. der Erbe eines seit Generationen

auf Stradivaris und dgl. spezialisierten Unternehmens, das sich immer und nachweislich mit den besten der besten Geigen abgegeben habe. Fälschungen hat es aber auch schon früher gegeben, jedoch muß eine Geige gespielt werden, damit sie nicht verfällt - als lange liegendes Wertobjekt im Tresor ist die am falschen Platz: und wenn es gespielt wird, dann fällt auf, ob da ein billiges Hölzl, das auf Cremona geschminkt ist, tönt, oder ein Meisterstück.

Vielleicht gehts hier auch um eine Cardillac-artige Persönlichkeit, nur nicht ganz so mörderisch?

chester nori
00
basel II entsprochen

M. scheint die Kriterien für Basel II gekannt / erraten haben und eine schöne Dynamik mit (Luft)-Geigen - und dies über Jahre - dargestellt haben;

Geschieht den Banken recht, da diese nur mehr bilanzgeil und ziffernhörig sind; Bankgeschäft im Sinne der guten alten Art sind verpönt bzw. haben im derzeitigen System keinen Platz!

Heavyweather
00
Luftgeigen Weltmeister.

Verluste über Luftgeigen externalisieren.
Auch nicht schlecht.

Doris Glied
00
Gab es die Geigen überhaupt!?! Oder hat er die, ihres Wertes wegen, "erfunden", um u.a. sein Schloss kreditfinanzieren zu können!?! Gewissermaßen als "stimmige" Hypothek!?!

---

Schließlich müssen ja Instrumente, um ihren Wert halten zu können, gespielt werden. - "Ich hab da a Geige. - Wo? Na da, hier, im Fidel Castro. Anschauen? Geh bitte, das verstehst eh nicht. Ich könnte dir auch nur an hölzernen Krüpel zeigen. Vorspün? I? Bin i da Paganini? Wert? A halbe Mille. Genau, die stetz' ma ein, i kümmer mi um an virtuosen Geiger, du gibst ma dafür die Kohle, ok!?!"

Stegbuchner
00
Ziemlich vergeigt!

Nachdem er schon Geigen-Madoff genannt wurde: vielleicht gibt´s den größten Teil der 200 Fideln gar nicht ...
Am besten ist ja die Nationalbank: Der Hypo-Alpe-Adria bescheinigt sie "alles ok", bevor der Staat übernehmen und Milliarden wertberichtigen muss, und dann begeben sie sich in ihrer rot-schwarz austarierten Weisheit in ein Gebiet, auf dem sie von Tuten und Blasen und Fideln keine Ahnung haben, und gehen einem Geigen-Zampano auf den Leim! Alles kein Problem, weil das Geld drucken wir uns ja selbst ....

Michael B
00
Gleich morgen geh ich mit der Geige meines Neffen auf die Bank.

Ich muß nur noch ein Pickerl "Stradivari" ausdrucken.
Und selber eine "Gutachten" schreiben, dass dieses Instrument aber mindestens 4,5 Millionen wert ist.
Hoffentlich find ich die Geige aber dann wieder, wenn die Bank den Kredit fällig stellt...

Georg K1
00

Sehr gut, ungefähr so dürfte das funktioniert haben ;-)

legion
010
"200 Geigen abgängig"

Beschreibung: Dunkler Korpus, langer Hals, möglicherweise etwas überspannt. Hören auch auf den Namen Violine. Zuletzt mit einer verdächtig aussehenden Gruppe Bogen gesehen.

Sachdienliche Hinweise bitte an das nächste Polizeiinschpektorat.

afterthought
00

Gruen!

van Korff
03
Möglicherweise hat der gute Mann ...

... das Gleiche, wie die Banken getan. Diese erfinden Geld, das es gar nicht gibt, und schreiben's in ihre Bilanz. (Geldschöpfung nennt man das) Und er erfand halt Geigen, die's gar nicht gab.
"Brauchen's a Rechnung?", "Nein, eigentlich nicht ... oder vielleicht doch, aber wissen's was? Schreiben's ma bittscheen Stradivari 1728 d'rauf statt Testarossa. Oder no' bessa. Da hab' i' an Freund, der kauft si' den Ferrari, weil er mia a Geign vakauft hat. Schreibn's den sein Namen auf die Rechnung. Des is a Italiena und der haast ...".

Möglicherweise nicht ganz so einfach und direkt aber vom Prinzip her.

KammerlExperte
05
Die Dekade der Prölleten hat wieder eine Seite mehr.

"Erwin Pröll, als er ihm 2005 das Große Goldene
Ehrenzeichen für Verdienste um das Bundesland
Niederösterreich verlieh."

Schon damals war Hr. Machold verschuldet, aber egal
bei den Prölleten leben ja Viele vom Geld der Anderen.

W.Hammerl
00

Mag. Machold besitzt nicht das Schloss Katzelsdorf, sondern Schloss Eichbüchl, das in der selben Großgemeinde liegt. Es wurde von ihm bestens restauriert.

Wörtherseefähre Potemkin
00
Schön hat er es restauriert. Jetzt brauchen...

... wir nur noch rausfinden, wer es bezahlt hat. Ich fürchte, dass sind - letztlich, über die Bankhaftungen - wir alle.

Wolf X
02
Mit fremden Geld lässt sich "bestens restaurieren".

Dafür aber gleich das "Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Bundesland Niederösterreich", finde ich ein bisserl übertrieben.

Herr der Ringe
05
Dann sind sie der Ortsansässige

Baumeister, in Person des Bürgermeisters und Bauunternehmers. Ach ja und von der Pröllpartie.

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