Österreich exportiert Strom nach Deutschland

6. April 2011, 20:28
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Die Stillegung deutscher Kernkraftwerke wird zum Lackmustest für den europäischen Strommarkt

Die Abschaltung der sieben deutschen AKWs stellt Europas Stromhandelsmarkt auf den Kopf. Österreich, das in den letzten Jahren zum Strom-Importland wurde, hat kurzfristig wieder Strom nach Deutschland geliefert - der guten Wasserführung im März wegen. Auch Frankreich und Tschechien lieferten Strom. Damit importierte Deutschland Atomstrom, denn etwa in Frankreich kommt der Strom zu 80 Prozent aus Kernkraftwerken.

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Es war eine Art Domino-Effekt. Als am 17. und 18. März dieses Jahres fünf deutsche Kernkraftwerke mit einer Leistung von gut 5000 Megawatt vom Netz genommen wurden, führte dies schlagartig zu einem enormen Ausfall an Strommengen. Mittlerweile sind alle alten deutschen AKWs vom Netz, und das Strom-Exportland Deutschland importiert fleißig Strom. Seither zeigen die Preise nach oben.

Die meisten Auswirkungen des deutschen Kernkraft-Njet im Zuge des japanischen Atomkraft-Desasters waren so nicht geplant. Die deutschen Stromimporte kommen nämlich zu einem Gutteil aus den Kernkraft-Nationen Frankreich und Tschechien, so der BDEW, der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, in einer Analyse über das, was im März strommäßig passierte.

Auch aus Österreich fließt seither deutlich mehr Strom nach Deutschland. Dies hängt auch damit zusammen, dass im März die Wasserführung in den Strömen hervorragend war, heißt es von Expertenseite. Soll heißen: die heimischen Strom-Exporte nach Deutschland im März werden nicht ausschließlich im Zusammenhang mit den abgeschalteten deutschen AKWs gesehen.

In Deutschland wird der Ausfall der AKWs schnell Auswirkungen auf das Preisniveau haben. Bei den Großhandelsmärkten sind bereits höhere Preise zu bemerken, so der BDEW - und zwar bei allen Stromprodukten. Auch die CO2-Emissionsberechtigungen haben um rund zehn Prozent zugelegt. Der Grund: Schon mittelfristig wird Deutschland seine Stromlücke nicht nur über mehr Importe schließen, sondern bestehende Kraftwerke stärker ausfahren. Diese konventionellen Kraftwerke arbeiten im besten Fall mit Erdgas und im schlechtesten mit Kohle, das bei Verbrennung die höchsten CO2-Emissionen aufweist.

In Österreich will man noch keine Prognose zu steigenden Preisen machen. Bei höheren Preisen in Deutschland würde es sich auch lohnen, eigene Gaskraftwerke stärker zu fahren. Denn bei niedrigeren Preisen wird importiert, obwohl es im Land genug Kapazität zur Versorgung gibt.

Die größere Gefahr gehe von Netz-Instabilitäten aufgrund der Lücke durch die deutschen AKWs aus, befürchten Experten der Stromwirtschaft. Wegen routinemäßiger Revisionen werden in Deutschland imMai weitere 8000 Megawatt vom Netz genommen - eine Kapazität, die dem Stromverbrauch in österreichischen Spitzenzeiten entspricht.

Atomverflechtungen

Nicht nur die Stromwirtschaft, auch andere österreichische Wirtschaftsbereiche sind mit der Atomindustrie verflochten. Die Grazer Firma Andritz versorgt wie berichtet weltweit AKWs mit Bauteilen. Die Baufirma Strabag ist in der Slowakei am Bau der Reaktoren 3 und 4 des AKW Mochovce beteiligt. Auch das Welser Transportunternehmen Felbermayr hat dort seine Finger im Spiel. Das zeigt ein Video, das auf der Seite von derStandard.at/wirtschaft zu sehen ist. Mitarbeiter von Felbermayr haben im September 2010 das Reaktordruckgefäß für das AKW geliefert und eingebaut. Der grüne Abgeordnete Peter Pilz wird eine parlamentarische Anfrage an Kanzler Werner Faymann richten.

Rasche Aufklärung wird bei nun bekannt gewordenen Bestechungsvorwürfen gegen den Atomkonzern Areva mit Sitz in Erlangen gefordert. Mitarbeitern wird vorgeworfen, Schmiergeld in Millionenhöhe im Auslandsgeschäft gezahlt zu haben.

Kritik an Ökostromgesetz

Als "kryptisches Gebilde, das komplett überarbeitet werden müsste" , beschrieb der Papierindustrielle Alfred Heinzel das Ökostromgesetz. Fehlende Impulse für Kosten- und Energieeffizienz im Fördersystem mache dies zu einer Übergangslösung. Auch die Förderung von Biomasse-Kraftwerken mit schlechtem Wirkungsgrad kritisiert Heinzel. Diese werden zu einer immer größeren Rohstoffkonkurrenz für die Papierbranche. Effizientere Kraft-Wärme-Kopplungen, die Abfallprodukte der Papiererzeugung in Energie umwandeln und drei Viertel des Eigenbedarfs der Branche decken, werden im laufenden Betrieb nicht gefördert. Allerdings schießt der Staat hier bis zu 30 Prozent der Investitionskosten zu. (ruz, nik, mal)

(ruz, nik, mal, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.4.2011)

  • Vor dem Kontakt mit Wasser wird in der Nähe des Kernkraftwerks Essenbach gewarnt.

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