Im Nildelta brennen die Heiligenschreine

6. April 2011, 17:28
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Der Westen zerbricht sich den Kopf über die Muslimbrüder - Dabei sind die Salafiten noch viel radikaler

Mohamed ElBaradei, der ägyptische Oppositionspolitiker mit Wiener IAEO-Karriere, hat die seltene - und seltsame - Ehre, von einem radikalen Islamistenprediger eine Entschuldigung erhalten zu haben: Hazem Shoman nahm im TV-Sender al-Rahma die Behauptung zurück, ElBaradei sei ein "Ungläubiger". Denn, so Shoman, es habe sich herausgestellt, dass ElBaradeis Tochter Leila, anders als von einigen Medien behauptet, nicht mit einem Christen verheiratet sei. Nachdem ElBaradei diese "schwerwiegende Sache" glaubwürdig dementiert habe, akzeptiere man, dass er nicht vom Islam abgefallen sei.

Solch eine Anschuldigung wird in Ägypten immer gefährlicher. Während westliche Beobachter noch immer in Überlegungen über die Muslimbrüder versunken sind, werden diese längst rechts überholt. Die Salafiten oder Salafis, wie sie pauschal genannt werden, wittern Morgenluft, und alles, was nicht zu ihrem radikalen Islam passt, wird attackiert: Das sind nicht nur die Kopten, denen die westliche Aufmerksamkeit gilt, sondern im Moment vor allem die Sufis, Muslime, die in mystischen Orden organisiert sind.

Allein in Alexandria wurden bereits 16 Moscheen und Sufi-Schreine angegriffen. Im Nildelta gab es in mehreren Orten solche Vorfälle (allein fünf Schreine in Qalyub). In Kairo waren sogar die Al-Hussein-Moschee (oben im Bild) und die Aischa-Moschee Ziele von Attacken.

Unter Salafiten versteht man ursprünglich jene Muslime, die sich auf die ersten Generationen des Islam (Salaf) beziehen: Alles, was danach kommt, steht unter dem Geruch, eine unislamische "Neuerung" zu sein. Dazu gehört im religiösen Bereich die unter Sufis starke Heiligen-Verehrung, die in Ägypten gewissermaßen auch das schiitische Erbe weiterträgt, wie eben die Verehrung des schiitischen Imams Husseins, des Enkels des Propheten Muhammad, oder der Aisha, in diesem Fall nicht die Frau Muhammads, sondern eine Tochter des schiitischen Imams Jafar al-Sadiq.

Doktrin aus Saudi-Arabien

In Saudi-Arabien ist mit den Wahhabiten eine salafitische Strömung Staatsdoktrin - und von dort haben auch die ägyptischen Salafis vorwiegend ihre Indoktrinierung erhalten. Hass auf Volksreligion und Schiiten gehört dazu. Jahrzehntelang hat Saudi-Arabien viel Geld für Mission ausgegeben, außerdem wurde die Verbreitung durch arabische Gastarbeiter, darunter viele Ägypter, die in Saudi-Arabien arbeiteten, favorisiert.

Manche Ägypter glauben jedoch auch, dass das alte Regime hinter den religiösen Attacken stehe: Es seien Leute von der früheren Regimepartei NDP, die Terror säen wollen, sagt eine Demokratieaktivistin. Andere nehmen die salafitische Gefahr ernst, meinen jedoch, dass sich diese durch ihre Radikalität nur selbst schaden. Er sei zwar kein Sufi, sondern "normaler" Muslim, aber die Sufi-Schreine gehören zum religiösen Schatz Ägyptens, sagt ein Beamter. Die Zivilgesellschaft formiere sich bereits überkonfessionell gegen die Salafis. Unter dem Revolutionskitsch, den man in Kairo erwerben kann, gibt es auch Aufkleber mit dem Slogan "Die Religion für Gott, die Nation für alle".

Andere machen das alte Regime insofern verantwortlich, als es zwecks Schwächung der Muslimbrüderschaft den salafitischen Umtrieben nie etwas entgegengesetzt habe, die es auch schon unter Mubarak gab. Tatsächlich warnt eine durch Wikileaks an die Öffentlichkeit gelangte Depesche der US-Botschaft in Kairo bereits im Jahr 2009: "Salafismus in Ägypten im Aufwind".

"Unislamische" Revolte

Angesichts der Revolution waren auch die Salafis, wie die Muslimbrüder, desorientiert: Aber anders als die Brüder waren sie nicht einmal auf die Revolte aufgesprungen, sondern hatten sie sogar als "unislamisch" verurteilt - nach ihrem Erfolg jedoch als "legitim" anerkannt. Vor kurzem verkündeten sie, dass sie am politischen Leben teilnehmen werden. Wie genau das aussehen wird - demokratische Institutionen wie Parlament sind ja "unislamisch" - weiß man noch nicht. Hingegen gibt es auf Seite der bisher völlig unpolitischen Sufis Überlegungen, eine wehrhafte Partei zu gründen. Die Muslimbrüder sind hingegen momentan mit Richtungskämpfen beschäftigt, alles deutet auf Spaltungen hin.

Kairo ist jedenfalls dieser Tage voll von Schreckensgerüchten über die Salafis, von denen nicht alle verifizierbar sind - ein 12-Jähriger wird erschlagen, weil er nicht zum Morgengebet aufstehen will, einem Kopten wird das Ohr abgeschnitten, einer Prostituierten wird das Haus verbrannt. Aber es gibt auch Ägypter, die meinen, dass die Berichte nicht nur über die religiöse Gewalt, sondern über die Kriminalitätswelle allgemein - so scheinen sich Entführungen und Vergewaltigungen zu häufen -, von alten Regimekräften bewusst gestreut werden. Es soll gezeigt werden, dass Ägypten ohne sie unregierbar ist. (Gudrun Harrer aus Kairo/DER STANDARD, Printausgabe, 7.4.2011)

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    Die "Sayyidna Al-Hussein"-Moschee in Kairo, Ziel salafitischer Angriffe: Hussein, Enkel des Propheten, ist schiitischer Imam, aber auch ein von den ägyptischen Sufis verehrter Heiliger. In der Moschee ist sein Kopf begraben, sagt der Volksglaube.

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