Vom systemkritischen Künstler Ai Weiwei, der am Pekinger Flughafen überraschend verhaftet wurde, fehlt nach wie vor jede Spur
Erinnerungen an die
Festnahme von Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo werden wach.
Eine Vermisstenanzeige hängt an die Mauer des Hauses, in dem einst der
Staatsdichter Ai Qing lebte. Dessen 79-Jährige Witwe Gao Ying schrieb die Bitte,
ihr bei der Suche nach dem Sohn zu helfen: "Ai Weiwei, Mann, 53 Jahre alt. Am 3.
April gegen acht Uhr wurde er auf dem Pekinger Flughafen zum letzten Mal
gesehen. Zwei Männer führten ihn weg. Nach mehr als 50 Stunden haben wir immer
noch keine Nachricht, wo er geblieben ist. Wer etwas weiß, wird gebeten, die
Familie zu informieren." Die Suchanzeige nach dem verschollenen systemkritischen
Gegenwartskünstler pflanzte sich über tausende Mikroblogs fort. Den Zensoren
gelingt es nicht, sie abzufangen oder zu löschen.
Trotz der Empörung innerhalb Chinas und scharfer internationaler Proteste
fehlt nach mehr als drei Tagen jedes Lebenszeichen, gibt es keinen Haftbefehl.
Ai Weiweis Festnahme am Pekinger Flughafen gleicht frappant jener des späteren
Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo. Im Dezember 2008 brach die Polizei in Lius
Wohnung ein, nahm drei Computer und den Bürgerrechtler mit. Seine Frau Liu Xia
wusste nur, dass ihr Mann ohne Richtervorführung, ohne Anklage und ohne Recht
auf einen Anwalt eingesperrt war. "Jianshi juzhu" (überwachtes Wohnen) nennen
das die Behörden zynisch. Liu wurde ein halbes Jahr in Einzelhaft gehalten,
bevor er am 23. Juni 2009 offi- ziell wegen "staatsumstürzlerischer Umtriebe"
angeklagt und zu Weihnachten 2009 zu elf Jahren Haft verurteilt wurde.
Nun wird befürchtet, dass gegen Ai Weiwei wie gegen Liu Xiaobo vorgegangen
wird. Zur Razzia in seinem Pekinger Atelier präsentierten die Polizisten
Durchsuchungsbefehle, ein Zeichen, dass die Aktion lange vorbereitet wurde und
man offenbar nur auf Guido Westerwelles Abreise wartete. Chinas Behörden fühlen
sich von der KP-Führung politisch abgedeckt; sie hielten es nicht für nötig, auf
eine schriftliche Anfrage der Pekinger Global Times nach Ai Weiwei zu
antworten.
Diese Zeitung untersteht als patriotisches Massenblatt dem Parteiverlag
und darf politisch heikle Themen im Sinn der Parteipropaganda abhandeln.
Am Mittwoch schrieb sie als einzige chinesische Zeitung über Ai Weiwei und
darüber, dass der Pekinger Sicherheitschef schriftliche Fragen nach Ai Weiweis
Verbleib nicht beantworten ließ. Die Global Times beschimpfte den
Künstler als "dissidentischen Einzelgänger", der sich nicht über das Gesetz
stellen könne. Kritik an der Verschleppung durch ausländische Regierungen und
Medien verurteilte sie als Einmischung in Chinas Justiz; doch im Kommentar
schimmerte Unsicherheit durch: Als politisch engagierter "Aktionskünstler" und
"Avantgardist" begebe sich jemand wie Ai Weiwei immer in Gefahr, die "rote Linie
zum Gesetzesbruch zu überschreiten". Chinas Gesellschaft, so gesteht die
Global Times ein, "hat allerdings wenig Erfahrungen, wie sie mit solchen
Künstlern umgehen soll." (Johnny Erling aus Peking/ DER STANDARD, Printausgabe, 7.4.2011)