Ai Weiwei droht ähnliches Schicksal wie Liu Xiaobo

6. April 2011, 17:20
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Vom systemkritischen Künstler Ai Weiwei, der am Pekinger Flughafen überraschend verhaftet wurde, fehlt nach wie vor jede Spur

Erinnerungen an die Festnahme von Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo werden wach.

Eine Vermisstenanzeige hängt an die Mauer des Hauses, in dem einst der Staatsdichter Ai Qing lebte. Dessen 79-Jährige Witwe Gao Ying schrieb die Bitte, ihr bei der Suche nach dem Sohn zu helfen: "Ai Weiwei, Mann, 53 Jahre alt. Am 3. April gegen acht Uhr wurde er auf dem Pekinger Flughafen zum letzten Mal gesehen. Zwei Männer führten ihn weg. Nach mehr als 50 Stunden haben wir immer noch keine Nachricht, wo er geblieben ist. Wer etwas weiß, wird gebeten, die Familie zu informieren." Die Suchanzeige nach dem verschollenen systemkritischen Gegenwartskünstler pflanzte sich über tausende Mikroblogs fort. Den Zensoren gelingt es nicht, sie abzufangen oder zu löschen.

Trotz der Empörung innerhalb Chinas und scharfer internationaler Proteste fehlt nach mehr als drei Tagen jedes Lebenszeichen, gibt es keinen Haftbefehl. Ai Weiweis Festnahme am Pekinger Flughafen gleicht frappant jener des späteren Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo. Im Dezember 2008 brach die Polizei in Lius Wohnung ein, nahm drei Computer und den Bürgerrechtler mit. Seine Frau Liu Xia wusste nur, dass ihr Mann ohne Richtervorführung, ohne Anklage und ohne Recht auf einen Anwalt eingesperrt war. "Jianshi juzhu" (überwachtes Wohnen) nennen das die Behörden zynisch. Liu wurde ein halbes Jahr in Einzelhaft gehalten, bevor er am 23. Juni 2009 offi- ziell wegen "staatsumstürzlerischer Umtriebe" angeklagt und zu Weihnachten 2009 zu elf Jahren Haft verurteilt wurde.

Nun wird befürchtet, dass gegen Ai Weiwei wie gegen Liu Xiaobo vorgegangen wird. Zur Razzia in seinem Pekinger Atelier präsentierten die Polizisten Durchsuchungsbefehle, ein Zeichen, dass die Aktion lange vorbereitet wurde und man offenbar nur auf Guido Westerwelles Abreise wartete. Chinas Behörden fühlen sich von der KP-Führung politisch abgedeckt; sie hielten es nicht für nötig, auf eine schriftliche Anfrage der Pekinger Global Times nach Ai Weiwei zu antworten.

Diese Zeitung untersteht als patriotisches Massenblatt dem Parteiverlag und darf politisch heikle Themen im Sinn der Parteipropaganda abhandeln. Am Mittwoch schrieb sie als einzige chinesische Zeitung über Ai Weiwei und darüber, dass der Pekinger Sicherheitschef schriftliche Fragen nach Ai Weiweis Verbleib nicht beantworten ließ. Die Global Times beschimpfte den Künstler als "dissidentischen Einzelgänger", der sich nicht über das Gesetz stellen könne. Kritik an der Verschleppung durch ausländische Regierungen und Medien verurteilte sie als Einmischung in Chinas Justiz; doch im Kommentar schimmerte Unsicherheit durch: Als politisch engagierter "Aktionskünstler" und "Avantgardist" begebe sich jemand wie Ai Weiwei immer in Gefahr, die "rote Linie zum Gesetzesbruch zu überschreiten". Chinas Gesellschaft, so gesteht die Global Times ein, "hat allerdings wenig Erfahrungen, wie sie mit solchen Künstlern umgehen soll."  (Johnny Erling aus Peking/ DER STANDARD, Printausgabe, 7.4.2011)

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    Proteste gegen die Verhaftung Ai Weiweis in Hongkong. Der Künstler und Menschenrechtsaktivist ist seit Tagen spurlos verschwunden.

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