Wenn Lehrer wie Tiere gehalten werden

6. April 2011, 17:04
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Es macht für Lehrer keinen Unterschied, wo gearbeitet wird - Hauptsache sie sind motiviert - In den Schulen ist derzeit jedenfalls nicht genug Platz

Werner Amon, der in der ÖVP für die Schulagenden zuständig ist, hat es als einen der wichtigsten Punkte bei den Verhandlungen über das neue Lehrerdienstrecht bezeichnet: Lehrer sollen länger in der Schule bleiben. Die Ausweitung der Anwesenheitspflicht sei in Zukunft nötig - auch um die Nachmittagsbetreuung aufrecht erhalten zu können. Den Kollegen von der Lehrergewerkschaft hat er damit keine Freude bereitet. 

In der Bevölkerung herrscht ebenfalls weitläufig die Meinung vor, Lehrer sollten doch mehr arbeiten. Man braucht nur erwähnen, dass die Lehrerschaft zwei Monate Sommerferien hat, schon wird über sie hergezogen. Niemand anderer habe so oft frei, lautet der Tenor, aus dem wohl auch ein wenig Neid spricht.

Doch wird immer vergessen, dass die Lehrer während der Schulzeit in der derzeitigen Form gar nicht länger im Schulgebäude anwesend sein können. Denn wo sollen sie denn hin, wenn sie am Nachmittag die Hausübungen der Schüler korrigieren wollen? Es gibt nicht genügend Platz in den Konferenzzimmern, die jungen Lehrer haben oft nicht einmal einen eignen Schreibtisch, geschweige denn Computer. Auch die Vorbereitungszeit erledigen Lehrer lieber zuhause am eigenen Schreibtisch, wo sie ungestört zur Tat schreiten können. In Wahrheit macht es ja auch keinen Unterschied, wo gearbeitet wird, Hauptsache die Lehrer sind motiviert. 

Die Lehrergewerkschaft, die für die Lehrer in den Verhandlungen das vermeintlich beste herausschlagen will, weiß um diesen Umstand natürlich Bescheid. Ihr ist vorzuwerfen, dass sie die nicht vorhandene Infrastruktur in den Schulen als Totschlagargument verwendet und von vornherein blockiert. Dabei werden auch neue Schulen gebaut und wenn Platz da ist, werden die Lehrer diesen sicher auch gerne nutzen.

AHS-Lehrergewerkschafter Eckehard Quin vergleicht den derzeit vorhandenen Platz der Lehrer in den Schulen mit jenem, der Tieren zur Verfügung steht. In seinem Blog schreibt er, dass ein Vollzeit beschäftigter Lehrer im Konferenzzimmer "2 m² Bodenfläche" zu Verfügung hat. Gemäß 1. Tierhaltungsverordnung stehe selbst einer Sau in Gruppen ab 40 Tieren eine Fläche von 2,05 m² zur Verfügung.

Quin übertreibt natürlich, und könnte ein wenig visionäre Kraft an den Tag legen. Aber in einem Punkt hat er wohl Recht: Derzeit sind die Bedingungen für Lehrer an den Schulen untragbar. (Ebenso im Übrigen für die Schüler). Deshalb entbehrt es auch jeder Sinnhaftigkeit, es als zentralen Punkt der Lehrerreform zu bezeichnen. 

Allein des Verhandlungsergebnis Willen sollten sich aber beide Seiten zusammenreißen: sowohl die Lehrervertreter als auch die Politik. Und das neue Dienstrecht nicht an der Anwesenheit in der Schule scheitern lassen. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 6.4.2011)

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