Besser als die Lehrer

7. April 2011, 07:00
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An der Volksschule St. Ursula werden Hochbegabte gefördert: Die Qualität dieses Unterrichts hängt nicht vom Geld, sondern von den Lehrern ab, heißt es dort

Drei Hände von fünf Kindern schnellen in die Höhe. Lehrerin Nathalie Rath hat ihre Schüler gerade gefragt, wer schon weiß, mit welchem Material er heute arbeiten will. Ein Bub sucht sich Bausteine aus, mit denen er eine geometrische Figur nachbauen soll. Das einzige Mädchen in der Gruppe geht schüchtern vor zum Lehrerpult und sucht sich ein rotes 3D-Puzzle aus, aus dem sie einen Würfel bauen wird.

In der Volksschule St. Ursula im 23. Bezirk in Wien werden begabte und hochbegabte Kinder gefördert. Die Schule hat das Begabungssiegel der Stadt Wien. Heute sitzen die Mathematik-interessierten Schüler der dritten Klasse im "Enrichmentkurs", der an der Schule für Begabte angeboten wird. Rath unterrichtet die Kinder einmal wöchentlich in Mathematik, Texte verfassen oder Naturwissenschaften. Ein Kurs dauert acht Wochen, danach besuchen ihn sieben andere Kinder. 

Profil von Begabung sehr verschieden

Besonders Begabte dürfen in einem Fach, in dem sie besonders gut sind, eine höhere Klasse besuchen. Dieses "Drehtürmodell" funktioniert deshalb gut, weil im Schulgebäude auch eine Kooperative Mittelschule (KMS) und eine Allgemein Bildende Höhere Schule (AHS) untergebracht sind. "Die Profile von Begabten sind extrem unterschiedlich", erklärt Andrea Fischer. Sie ist eine der sieben Lehrerinnen der Schule, die eine Ausbildung zum European Council for High Ability (ECHA) gemacht haben. "Das geht vom verhaltensauffälligen Knaben bis zum Mädchen, das ihre Leistungen versteckt oder zu Kindern, die ihre Begabungen offensichtlich zeigen", erklärt Fischer.

Für Eltern ist Begabung oft schwierig

Bei der Erkennung von Begabungen verlässt sie sich vor allem auf ihr "Bauchgefühl". Dann kann das Kind von einem klinischen Psychologen getestet werden, der die Vermutung laut Fischer meist bestätigt. "Für Eltern ist diese Bestätigung oft wichtig. Viele wollen ein normales Kind; ein Kind mit Hochbegabung kann sozial schwierig werden", erklärt sie. Es gebe aber auch "Eislaufmütter", die auf das "Überspringen" einer Schulstufe drängen. "Da muss man aufpassen, manchmal tut man dem Kind damit nichts Gutes", so Fischer. Deshalb kommt das Überspringen auch eher selten vor. Laut der Direktorin der Schule haben in den vergangenen vier Jahren fünf Kinder eine Klasse übersprungen. 

Lehrer und Lehrerinnen müssen sich auf Begabte anders einstellen. "Diese Kinder brauchen einen authentischen Lehrer, der mit seinen eigenen Fehlern umgehen kann", sagt Fischer. Ihre Schüler oder jene ihrer Kollegin Rath sind manchmal sogar besser in Mathematik als sie selbst. "Man kommt auch als Lehrerin an seine Grenze, das muss man zulassen können", erklärt Rath.

"Kinder sind kreativer und haben mehr Ausdauer"

Der Unterschied zu anderen Kindern sei, dass sie kreativer seien und mehr Ausdauer hätten. "Ein Kind, das nicht hochbegabt ist, würde dieses Würfelbauen zum Beispiel irgendwann aufgeben, aber sie probieren so lange, bis sie dahinter kommen", erzählt sie und zeigt auf das Mädchen, das geduldig ein Puzzleteil ins andere steckt, um zu verstehen, wie sie einen Würfel daraus bauen kann. 

Auch im Regelunterricht gehen die Lehrerinnen auf die begabten Schüler ein. Am besten schaffe man das mit offenem Unterricht. "Meine Kinder wissen, dass es immer Erweiterungen gibt, die sie machen können, wenn sie mit ihrer Aufgabe fertig sind", sagt Fischer.

"Optimal ist eine Normalverteilung der Schüler"

Die Volksschule St. Ursula ist eine Privatschule. Ist eine Förderung von Begabungen dieser Art auch an einer öffentlichen Schule möglich? "Das kann jede Schule, ich muss auch in anderen Bereichen einsparen um diese Förderung zu finanzieren", erklärt die Direktorin Gerda Blahota. Auch Lehrerin Fischer sieht hier keine finanziellen Hindernisse. "Das hängt vom Lehrer und den Schülern ab", sagt sie. Natürlich sei eine Förderung einfacher, wenn die Schüler vorselektiert werden. "Bei Schulen mit Klassen, die einen Anteil von Migranten über achtzig Prozent haben geht das nicht", glaubt sie. Allgemein sei es aber nicht von Nachteil, wenn hochbegabte Schüler in einer Klasse mit normal begabten Kindern sitzen. "Allerdings ist es die Hölle für einen Hochbegabten, wenn er mit vielen Schwachbegabten in einer Klasse sitzt. Er hat dann keinen Gesprächspartner. Optimal ist eine Normalverteilung, da können Schüler voneinander lernen", glaubt Fischer.

Direktor fordert mehr Geld statt der vielen Tests

Im Büro der Direktorin stapeln sich derzeit leere Kartons. Die Bögen für den Lesetest in den Wiener Volksschulen sind angekommen. "Nach Ostern bekomme ich die Testbögen für die Hochbegabten. Derzeit kämpfen viele Wiener Schulen mit Stundenkürzungen und Ressourcenmangel. Ich finde die Tests nicht gut. Der Aufwand ist hoch und sie kosten auch Geld, das man besser direkt in die Schulen investieren sollte", so Blahota. "Für uns wäre Beständigkeit wichtig; dass nicht jedes Jahr neue Schwerpunkte gesetzt werden", erklärt die Direktorin. Auch den Lehrerinnen wird die Zeit für die Interaktion mit ihren Schülern weggenommen, wenn sie die Tests durchführen müssen. An die Bildungspolitik richten sie und die Direktorin der Schule St. Ursula vor allem einen Wunsch: Ruhe zum Arbeiten. (Lisa Aigner, derStandard.at, 7.4.2011)

  • Kinder zeigen Begabungen nicht immer offensichtlich, manche versuchen sie sogar zu verstecken. Dieses Mädchen will aus Puzzleteilen einen Würfel bauen.
    derstandard.at/lis

    Kinder zeigen Begabungen nicht immer offensichtlich, manche versuchen sie sogar zu verstecken. Dieses Mädchen will aus Puzzleteilen einen Würfel bauen.

  • In Förderkurs sitzen maximal sieben Kinder. Sie werden während acht Wochen einmal wöchentlich unterrichtet.
    derstandard.at/lis

    In Förderkurs sitzen maximal sieben Kinder. Sie werden während acht Wochen einmal wöchentlich unterrichtet.

  • Dieser Bub hat sich Bausteine als Material für ausgesucht. Auf einer Vorlage ist die Figur abgebildet, die er damit bauen muss.
    foto: derstandard.at/lis

    Dieser Bub hat sich Bausteine als Material für ausgesucht. Auf einer Vorlage ist die Figur abgebildet, die er damit bauen muss.

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