CA IB verdiente durch mehrere Beratungen

6. April 2011, 16:49
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Investmentbank beriet UIAG und Telekom Austria bei Libro-Deals

Wiener Neustadt - Am 22. Verhandlungstag im Libro-Prozess in Wiener Neustadt ist die Rolle der Bank-Austria-Investmentbank CA IB beim Einstieg der Telekom Austria im Jahr 1999 beim Buch- und Papierhändler im Vordergrund gestanden. Die Bank nahm die Libro-Bewertung für die Telekom vor. Außerdem arbeitete sie nach dem Libro-Börsegang im November 1999 an den gemeinsamen Businessplänen im Internetgeschäft. Die damals noch mehrheitlich staatliche Telekom erlitt mit dem Libro-Deal ein riesiges Verlustgeschäft. Gekauft um 1,175 Milliarden Schilling (85,4 Mio. Euro) im Herbst 1999 wurde der 25-Prozent-Anteil im Konzernabschluss 2000 bereits vollständig abgeschrieben.

Vor dem Telekom-Deat hatte die CA IB bereits die Unternehmens Invest AG (UIAG) bei ihrem Erwerb des Buch- und Papierhändlers Libro aus dem Geschäftsimperium von Karl Wlaschek um 1,1 Milliarden Schilling (79,9 Mio. Euro) im Jahr 1996 beraten und sich damals ein Erfolgshonorar für den Fall versprechen lassen, dass die UIAG die Libro-Anteile zu einem gewissen Mindestpreis verkauft. Darüber hinaus war die CA IB auch selbst an Libro und der UIAG beteiligt sowie federführend beim Börsegang der Telekom im Jahr 2000.

Nach Angaben des damaligen Leiters des CA IB-Beratungsgeschäftes, Nikolas Requat, wurde die Telekom Austria in der Zeit der Interneteuphorie beraten, als "aberwitzige Preise" für Unternehmenskäufe und -verkäufe bezahlt wurden. "Hat man damals Plausibilisierungen hinangestellt?" wollte Richterin Birgit Borns vom Zeugen wissen. Man konnte damals wie heute viel Geld mit Internet-Unternehmen verdienen, aber auch verlieren, so Requat, der nun Unternehmer ist und die Bank nach eigenen Angaben 2009 verlassen hat.

Requat leitete im Jahr 1999 das Beratungsteam für die Telekom. Sowohl das Telekom-Mandat als auch jenes der UIAG kam vom damaligen Bank-Austria-Vorstand Willi Hemetsberger, was ungewöhnlich war, meinte heute Requat im Zeugenstand und fügte hinzu: "Wenn jemand die Positionierung der CA IB erklären kann, dann er."

Das Resümee von Richterin Birgit Borns, dass die CA IB dreimal verdient habe, durch die Beratung der UIAG und der Telekom sowie durch den Verkauf der eigenen Libro-Aktien kommentierte Requat nicht. Kern der Beratung war laut dem ehemaligen Investmentbanker, ob der Libro-Wert darstellbar und die Business-Pläne möglich waren, also ob der Preis, den die Telekom für die Libro-Beteiligung zahlen wollte, fair war. Die Entwicklung von Libro wurde von der Bank durchaus positiv eingeschätzt.

Danach wurde der Bankangestellte der CA IB befragt, der den Bericht verfasst hatte. Josef H. war zu jener Zeit mit Übernahmen und Fusionen (M&A) in Österreich beschäftigt. Mit der Erstellung der Bewertung von Libro wurde die Bank im September 1999 von der Telekom beauftragt. Den Auftrag umschrieb er damit, dass die Bank die Telekom bei dem Deal zu unterstützen hatte. Als Grundlagen für seine Arbeit dienten unter anderem Geschäftsberichte und der Entwurf des Börseprospektes von Libro.

Ein Ergebnis des CA IB-Berichts war, dass Libro Deutschland keinen Beitrag zum Unternehmenswert leistete, weil in den betrachteten Zeitraum von fünf Jahren hohe Investitionen vorgesehen waren. Dass Libro Deutschland in einem Gutachten der KPMG, das der Zeuge nicht kennt, mit 140 Mio. Schilling bewertet wurde, sieht er keinen Widerspruch zu seinem Befund. Die Gesamtbewertung von Libro betrug 4,5 bis 5 Mrd. Schilling, da würden die 140 Mio. Schilling nicht ins Gewicht fallen. Den Unternehmenswert sah der Bankexperte im Wesentlichen im Österreichgeschäft und 15 bis 20 Prozent davon in der Bewertung der Internetaussichten.

Tonnenweise Papier

Letztendlich hatte sich die Telekom entschlossen, einen eigenen Weg im Internetgeschäft zu gehen, sodass tonnenweise Papier produziert, aber das Ganze nicht umgesetzt wurde. An Zahlen, die Bauchweh verursacht hätten, kann er sich nicht erinnern. Die Verschuldung von Libro war relativ hoch, dies wäre aber bekannt gewesen. Eine Due Diligence (Tiefenprüfung) wurde erst nach dem Einstieg der Telekom Austria durchgeführt - was nicht ungewöhnlich sei. Auf die Frage von Richterin Borns, ob die CA IB eine Kaufempfehlung abgegeben hätte, meinte der Zeuge: "Wir haben keinen Grund gesehen, es nicht zu machen."

Konflikte beim Mandat wurden seitens der Bank geprüft. Man hatte der Telekom offen gelegt, dass man an der Libro und UIAG beteiligt war, erinnert sich der Zeuge heute. Die im Jahr 1999 ausbezahlte Sonderdividende im Ausmaß von 440 Mio. S hätte sich mit einem geringeren Unternehmenswert zu Buche geschlagen.

Der ehemalige Aufsichtsratschef der Telekom Austria und Vorgänger von Johannes Ditz in dieser Funktion, Josef Sindelka (72), erinnerte sich daran, dass der Libro-Einstieg als relativ einfach eingestuft wurde. An Details konnte er sich heute aber nicht mehr erinnern. Interessant für die Telekom waren vor allem die Libro-Filialen, um diese als Vertriebswege zu nutzen, so der Zeuge.

Ungereimtheiten bereits im Jahr 2000

 

Als zweites Großthema ist die nachträgliche Prüfung von Libro durch Ernst & Young im Auftrag der Telekom Austria auf der Tagesordnung gestanden. Nach dem 25-prozentigen Einstieg der Telekom beim Buch- und Papierhändler wurde die Due Diligence aufgrund des Zeitdrucks nach der Vertragsunterzeichnung durchgeführt. Bei der Prüfung kamen zahlreiche Probleme zutage, dennoch gab es keine offenbaren Konsequenzen.

Markus Jandl, Wirtschaftsprüfer und Geschäftsführer von Ernst & Young, erinnerte sich heute im Zeugenstand, dass die "Post-Due-Diligence" im März 2000 nur schleppend verlief, weil viele Unterlagen bei Libro immer wieder urgiert werden mussten. Er habe den Bericht zwar mitunterschrieben, vor Ort war aber sein Kollege Karl Rab, ebenfalls ein Geschäftsführer von Ernst & Young. Libro wollte den Zeitraum und die Intensität der Prüfung einschränken, die Gründe dafür kannte er nicht, so Jandl heute.

Als ein Problem wurde in dem Bericht Libro Deutschland thematisiert. Demnach hätte das Geschäftsmodell und die Entwicklung der deutschen Filialen bzw. die Perspektive die man dabei gesehen hatte, nicht gepasst. Für den Wert der drei Filialen kann nicht der Zukunftswert von über 50 geplanten Filialen herangezogen werden, brachte es Jandl auf den Punkt. Deshalb wurde im Bericht an die Telekom festgehalten, dass "der Wert auf Grundlage dieses Gutachtens (Anm. von seiten der KPMG) nicht nachgewiesen" wurde.

Der Kärntner Hypo-Chef Gottwald Kranebitter hatte als damaliger KPMG-Geschäftsführer im Auftrag der Libro ein Gutachten über den Unternehmenswert der deutschen Tochter erstellt. Demnach war sie zwischen 140 und 160 Mio. S wert. Daraufhin wurde Libro Deutschland in der Libro-Bilanz 1998/99 auf 140 Mio. S aufgewertet. In weiterer Folge konnte eine Sonderdividende in Höhe von 440 Mio. S ausgeschüttet werden.

Jandl zufolge war auch der Betrachtrungszeitraum für die Post-Due-Diligence seitens des Buch- und Papierhändlers mit 31. August 1999 eingeschränkt worden. Unterlagen nach diesem Datum wurden nicht zur Verfügung gestellt. Der Auftrag der Telekom Austria sah vor, mögliche Risiken für die Libro-Bilanz per 29. 2. 2000 zu prüfen. Das war damit laut Jandl unmöglich.

Auch sein Kollege Rab berichtete im Anschluss von zahlreichen Hürden bei der Post-Due-Diligence. So wurden etwa der Internetbereich und Interviews mit dem Libro-Vorstand ausgeschlossen - später dann doch wieder zugelassen. "Libro konnte aufgrund unserer Prüfung nur verlieren, daher wurden wir nicht mit offenen Armen empfangen", erklärte Rab heute die damalige Situation, denn der Vertrag mit der Telekom war ja schon unterschrieben.

Die Bewertung von Libro Deutschland hielt Rab für nicht stichhaltig, weil die KPMG die zugrunde gelegten Zahlen nicht verplausibilisiert hatte - worauf die KPMG ausdrücklich in ihrem Gutachten hinwies.

"Bloße Absichtserklärung"

Für Rab war die Deutschland-Expansion eine bloße Absichtserklärung, die nicht überprüfbar sei. Dazu zitierte er aus einem mitgebrachten Artikel des "WirtschaftsBlatts" vom 9. Februar 2000, in dem der damalige Libro-Chef Andre Rettberg 200 Geschäfte für den "riesigen Buchmarkt Deutschland" in Aussicht stellt. In einer Presseaussendung damals sprach Rettberg laut dem "Standard" von 100 Filialen. "Den Firmenwert aus einem Plan abzuleiten, halte ich für unzulässig", so Rab heute.

Real gab es hingegen die drei bestehenden verlustbringenden Filialen. Er habe mit der damaligen Geschäftsführerin von Libro Deutschland telefoniert. Auch sie hielt die Planzahlen für die Expansion für nicht nachvollziehbar.

Bei der Bewertung der Vorräte erhielt Rab die Unterlagen bis zum Schluss des Gutachtens nicht. Probleme gab es auch mit dem sofort verbuchten Mietzuschuss in Höhe von 9,6 Mio. S, den Libro für seine Amadeus-Filiale im Kaufhaus Steffl erhielt. "Dieser Betrag ist nicht geflossen", so Rab. Hintergrund war laut seiner Aussage, dass ein langfristiger Mietvertrag geschlossen wurden, darauf ein monatlicher Nachlass gewährt wurde. Dieser Rabatt wurde aber auf einmal gebucht. Darüber hinaus wurden die notwendigen Aufwertungen bei einem Schweizer Franken-Kredit im Ausmaß von 9,3 Mio. S nicht vorgenommen.

Den Bericht hat Rab nach eignen Aussagen der Telekom am 9. Mai 2000 samt einem Begleitbrief in zehnfacher Ausführung übergeben. Was die Telekom damit gemacht habe, wisse er nicht.

Das Verfahren wird morgen, Donnerstag, um 8 Uhr mit der weiteren Zeugenaussage von Chef der Kärntner Hypo, Gottwald Kranebitter, als damaliger KPMG-Gutachter fortgesetzt. Sein Aussage konnte am 2. März aufgrund intensiver Befragung durch den Verteidiger des angeklagten Ex-Librochefs Andre Rettberg, Werner Sporn, nicht zu Ende gebracht werden.

Auf der Anklagebank im Libro-Strafprozess sitzen insgesamt fünf Beschuldigte - neben Rettberg auch Ex-Finanzvorstand Johann Knöbl, Ex-Aufsichtsratschef Kurt Stiassny, dessen Stellvertreter WU-Professor Christian Nowotny sowie den Wirtschaftsprüfer Bernhard Huppmann. Ihnen wird Untreue, Betrug und Bilanzfälschung vorgeworfen. Ihnen drohen bis zu zehn Jahre Haft. Sie weisen die Vorwürfe zurück. (APA)

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