Das Geld und die Mädchen

7. April 2011, 13:19
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Prozess gegen den italienischen Premierminister begann am Mittwoch - Teil drei der Telefongespräche und Abhörprotokolle, exklusiv auf Deutsch auf derStandard.at

Am Mittwoch um 9.30 Uhr startete der Prozess gegen den italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, nach fünf Minuten war er auch schon wieder vertagt. Quintessenz aus den wenigen Minuten, die die Klärung der ersten Formalitäten brauchte: Das Verfahren gegen Silvio Berlusconi wegen Sex mit einer Minderjährigen und Amtsmissbrauchs wird auf den 31. Mai vertagt.

Berlusconis Anwesenheit ist nicht verpflichtend, nachdem er Gesetze - insgesamt gezählte 33 Mal (La Repubblica) - so abänderte, dass angeklagte Politiker nicht vor Gericht erscheinen müssen, so sie ihre Pflichten im Parlament sie davon abhalten. Und schon wieder bastelt der Premier an juristischen Auswegen. 20 Stunden vor Prozessauftakt setzte die Abgeordnetenkammer durch, die Zuständigkeit der Mailänder Richter vor dem Verfassungsgericht anzufechten. Um das Verfahren anschließend in politische Entscheidungsgremien zu verlagern. Darüber entscheidet das Verfassungsgericht noch.

Die Staatsanwälte stützen ihre Vorwürfe gegen den Premier vor allem auf abgehörte Telefongespräche. Fast ein Jahr lang hatten die Ermittler das Party-Umfeld von Berlusconi abgehört und Handys geortet. Daraus entstanden rund 600 Seiten Ermittlungsprotokolle. derStandard.at hat die Protokolle durchgesehen und übersetzt (Teil eins lesen sie hier, Teil zwei hier).

Viele der in den Protokollen genannten Personen möchte die Staatsanwaltschaft in den Zeugenstand rufen, darunter Minister, Abgeordnete, Promis sowie über zwei Dutzend Escort-Damen und Partymädchen.

Der dritte Teil der Übersetzung dreht sich vor allem um die bei Berlusconi stattfindenden, angeblichen Sex-Partys, die als "Bunga-Bunga-Partys" berühmt wurden. Definitionsversuch: "Silvio hat mir gesagt, dass der Ausdruck Bunga-Bunga von Ghaddafi kommt: Es sei ein Ritus in seinem afrikanischen Harem", zitiert die Tageszeitung Repubblica aus den Ermittlungsakten. Im Laufe des Augusts 2010 haben Ermittler Telefongespräche rund um Berlusconis Umfeld abgehört - private wie geschäftliche.

Die hier wiedergegebenen Gespräche fanden jeweils vor den Festen oder am Tag danach statt, meistens ging es dabei um die Auswahl der Frauen. Auch die Telefonate der Mädchen wurden abgehört, die sich um etwaige Gegenleistungen drehen - meist in Form von Geld oder Geschenken. Berlusconi selbst wird in den Protokollen immer wieder als "depressiv" und "sehr müde" bezeichnet. Zu jener Zeit war Ruby von den Beamten der Staatsanwaltschaft Mailand schon des öfteren im Zusammenhang mit Ermittlungen im Rotlichtmilieu befragt worden. Anschließend folgten die Ermittlungen im Umfeld des Premiers.

Weiterlesen in den Protokollen:


Lele Mora, Emilio Fede und die "Karrieristinnen"

Beim Prozess vorgeladen werden sollen auch der Chefredakteur der Tagesschau TG 4, Emilio Fede, der Showgirl-Manager Lele Mora und die Regionalpolitikerin Nicole Minetti. Die drei Angeklagten werden beschuldigt, Callgirls für die Partys in der Villa Berlusconis vermittelt zu haben. Ihnen wird Beihilfe zur Prostitution vorgeworfen.

In den Protokollen findet sich unter anderem die Aufzeichnung eines Gesprächs zwischen Nicole Minetti und Licia Ronzulli, seit Juni 2009 für Berlusconis Partei Popolo della Libertà (PdL), Abgeordnete im EU-Parlament. Inhalt ist die Planung des Abends des 22.8.2010. Sie verdeutlichen außerdem den Umgang der Berlusconi-Clique mit Frauen.

Aus den Protokollen geht hervor, dass es sich bei einigen Mädchen um Stammgäste handelt. Darunter etwa Marysthelle, eigentlich Maria Esther Garcia Polanco, Visan Ioana, "Annina" genannt, Imma de Vivo oder die Zwillinge Imma und Eleonora De Vivo. Auch Roberta Bonasia, die es für einige Zeit sogar in die Schlagzeilen als "Freundin" des Premiers schaffte. Oder auch Barbara Faggioli, Jus-Studentin, Showgirl, Schauspielerin und 2004 Teilnehmerin beim Miss-World-Schönheitswettbewerb, gehört ebenso zu den regelmäßig Eingeladenen. Lele Mora und Emilio Fede sollen Faggioli für eine Kandidatur für den Gemeinderat in Mailand vorgesehen haben. Mitte Mai finden in mehr als 1300 italienischen Städten, darunter in Zentren wie Mailand, Bologna, Neapel und Turin, Kommunalwahlen statt.

Telefonat zwischen Emilio Fede und Lele Mora am 23.8.2010 um 14.23 Uhr, Auszüge:

Lele: Ich bin gestern eher früh schlafen gegangen, ich war schon ziemlich hinüber.

Emilio: Ja, gestern ist es spät geworden.

Lele: Hauptsache, ihr habt einen guten Abend gehabt.

Emilio: Ja, das würde ich auch so sagen. Ich hoffe, wir haben diese Roberta verscheucht, das war ja vorhersehbar, sie ist ja ein Stück Scheiße.

Lele: Sie ist eine Karrieristin.

Emilio: Scheiße noch mal, und wie! Als diese zwei (zwei erstmals dagewesene Mädchen, Anm.) aufgetaucht sind, ist sie erblasst. Ich bin angekommen, da war er (Berlusconi, Anm.) noch gar nicht da. Draußen im Garten stehen ja dieser Couchsessel, nicht? Und irgendwann saß sie auf einem Couchsessel und zwar gegenüber von dem Platz, wo er normalerweise sitzt.

Lele: Ja, ja, klar.

Emilio: Und plötzlich meint sie: "Willst du dich hersetzen? Ich hab jetzt eh was zu tun, ich kann mich also wegsetzen, falls du dich derweil hersetzen magst?" Ich hab sie angeschaut und meinte nur: "Geht's noch?" (...) Und dann, ich rede gerade mit der wirklich sehr sympathischen Abgeordneten Maria Rosaria Rossi (Popolo della Libertà, Anm.), da höre ich, wie sie zu mir sagt: "Hör mal, wegen meines Koffers: Dass mein Koffer ausgeräumt und meine Kleider eingeräumt werden, darum kümmerst du dich, ja?"

Lele: Das gibt es ja nicht!

Emilio: Naja, dann kommt er (Berlusconi, Anm.) und hat sie den ganzen Abend über nicht eines Blickes gewürdigt, weil er die ganze Zeit diese zwei beobachtet hat.

Lele: Klar.

Emilio: Sie (Roberta, Anm.) ist komplett hirnrissig, ich mein', was erlaubt sie sich eigentlich?

Lele: Das ist verrückt, denen steigt alles sofort zu Kopf.

Emilio: Das mit ihr (Roberta, Anm.), ich sag dir, das hält nicht lange, vielleicht ist es sogar bereits vorbei. Während er sie die letzten Male immer beim Tanzen und überhaupt beobachtet hat, hat er gestern allen beim Tanzen zugeschaut außer ihr.

Lele: Okay, wie viele wart ihr denn gestern?

Emilio: 12

Lele: Okay

Emilio: 12 oder 14

(...)

Emilio: Davon sechs Gäste, darunter die beiden De Vivos (Zwillinge De Vivo, Anm.), du meine Güte...

Lele: Die schaffen es auch immer wieder, sich irgendwie einzuschleichen.

(...)

Emilio: Sagen wir, so zwischen sechs und acht Gäste und sechs von uns.

Lele: Alles klar, wunderbar.

Emilio: Er ist eh auch eine Weile geblieben. Man hat ihm angemerkt, dass er müde ist, sehr müde.

Weiterlesen in den Protokollen:


Der besorgte Berlusconi-Klan: Bunga-Bunga wird abgesagt

Die Umgebung um Berlusconi wird angesichts der laufenden Ermittlungen rund um Ruby zusehends nervös. Ergebnis: Bunga-Bunga wird an dem Abend abgesagt.

Maria Rosaria, Abgeordnete von Berlusconis Popolo della Libertà, und TG 4-Chefredakteur Emilio Fede, Auszug aus dem Gespräch am 24.8.2010 um 20.15 Uhr

Maria Rosaria: Bist du am Weg her?

Emilio: Ich bin um neun, viertel nach neun da.

Maria Rosaria: Mach halb zehn draus, aber komm! Wer ist sonst noch dort? Sicher nicht wenige, oder?

Emilio: Naja ich komm mit zwei Freundinnen.

Maria Rosaria: Ah, du nervst so! Zwei Freundinnen, also? Das bedeutet also Bunga Bunga bis zwei Uhr Früh... dann nicht, ihr entschuldigt mich also!

Emilio: Nein, warte Süße, ich muss sie auch nicht mitnehmen!? Wer ist sonst da?

Maria Rosaria: Das war doch nur ein Scherz, machst du Witze? Eine der beiden Zwillinge ist da...

Emilio: Du meine Güte.

Maria Rosaria: Manuela... und noch eine, das macht dann drei. Und ihr, du und zwei andere, also drei?

Emilio: Ja.

(...)

Maria Rosaria: Na gut, ich zieh mich also etwas weiblicher an als gestern?

Emilio: Aber nein, du kannst ruhig so angezogen wie gestern kommen.

(...)

Emilio: Und wenn ich niemanden mitnehme, glaubst du, dass wir dann alle früher schlafen gehen?

Maria Rosaria: Ach was, ihr bleibt einfach unten, und wenn ich komm, dann begrüße ich euch kurz und lass euch dann alleine.

Emilio: Nein, du machst mit! Du bleibst bei uns!

Maria Rosaria: Von mir aus bleib ich, aber ich sag dir was: Er hat morgen einen anstrengenden Tag vor sich, wenn ich also bleibe, dann ist das Tanzen um Mitternacht zu Ende.

***

Dieselben Leute, derselbe Abend, Auszug aus dem Telefongespräch um 21.19 Uhr

Maria Rosaria: Wie, du kommst doch alleine?

Emilio: Ja, die beiden waren viel zu auffällig, und das wäre im Moment ziemlich unpassend.

Maria Rosaria: Ja, das würd gar nicht gehen, im Moment muntert ihn (Berlusconi, Anm.) ohnehin nichts auf. Vielleicht redet ihr auch ein wenig über Politik?

Emilio: Ja, eben, ich hab mir gedacht, aus Respekt vor ihm darauf zu verzichten. Ich glaube, es wäre besser, es heute Abend beim Reden zu belassen.

(...)

Maria Rosaria: Vielleicht sagst du ihm, dass heute Abend niemand Zeit hatte?

Emilio: Ach was, ich erklär ihm einfach, dass das im Moment unpassend ist, so wies im Moment ausschaut... Wer weiß, vielleicht ist irgendwo ein Fotograf und so... Wir wollen ja nicht noch mehr Ärger verursachen.

Weiterlesen in den Protokollen:


Die Mädchen und die Bezahlung

Die Abende bei Berlusconi werden mit Geld und/oder Geschenken bezahlt. Unter den Mädchen brechen deswegen immer wieder Streit und Eifersucht aus.

Am 6.9.2010 sprechen Nicole Minetti und Partymädchen Iris Berardi über den bei Berlusconi verbrachten Vorabend. Auszug des Telefongesprächs um 19.24 Uhr

Iris: Gestern Abend... Du meine Güte...

Nicole: Du meine Güte, ja, sprich nicht davon.

Iris: Ja, traurige Sache.

Nicole: Nicht wahr?

Iris: Die Aris hat ziemlich viele Geschenke bekommen.

Nicole: Ja, ich weiß, das hat sie mir gesagt.

Iris: Die Barby (Barbara, Anm.) hat er dann schlafen gelegt.

Nicole: Nicht im Ernst?!

(...)

Iris: Naja, egal, wie auch immer, es nervt.

Nicole: Denk nicht dran, Schätzchen.

Iris: Du hast recht.

***

Telefongespräch zwischen den Partymädchen Francesca Cipriani und Giovanna Rigato am 20.9.2010 um 3.42 Uhr

Giovanna wundert sich, warum sie den Abend zuvor leer ausgegangen ist, während andere Mädchen Geld erhalten haben sollen. Francesca mutmaßt, dass er das Geld vielleicht vergessen habe, da sie als Erste gegangen sei.

Giovanna: Allen? Allen hat er sonst 2.000 gegeben?

Francesca: Puh, keine Ahnung, mir, Ludovica und Elena. Aber was solls, ist doch egal.

Giovanna: Ähm, nein, nein! (lacht) Er hat mir auch nicht gesagt, dass ich irgendwie warten soll. Andere haben ja auch gewartet.

Francesca: Andere sind auch gegangen, ich weiß nur nicht mehr, wer.

(...)

Giovanna: Ich frag' mich nur, warum manche schon und andere nicht.

Francesca: Keine Ahnung, vielleicht einfach so.

Giovanna: Glaubst du, wenn ich mich angestellt hätte, hätte ich was bekommen?

Francesca: Ja... ja.

Weiterlesen in den Protokollen:


Diamant-Armband oder: "Ich hätt lieber das Geld gehabt"

Maryshtelle und Diana Gonzales, Telefonat am 20.10.2010 um 13.01 Uhr, offensichtlich am Tag nach einer Feier

Marysthelle: Wie wars? Bist du schon weg?

Diana: Ja, sie bringen mich gerade weg.

Maryshtelle: Was hat er gesagt? Die Nacht? Alles gut?

Diana: Ich erzähls dir später (...) Es waren sehr viele Mädchen da. Und dieser Arsch hat mich nicht in sein Zimmer mitgenommen.

Diana: Er hat einer mehr gegeben... Weil sie mit Aris gekommen ist, hat er ihr mehr als erwartet gegeben, worüber sie sehr glücklich war.

Marysthelle: Ja.

Diana: Das Doppelte hat er ihr gegeben. Und deswegen wollte sie die Nacht bei ihm schlafen, damit sie heute Früh was bekommt... Er aber hat sie in ein anderes Zimmer geschickt.

***

Ein weiteres Gespräch nach einem Partyabend bei Berlusconi, Francesca Cipriani am Telefon mit Barbara Faggioli am 20.9.2010 um 13.49 Uhr

Francesca: Naja... Er hatte auch Umschläge mit 5.000 Euro oder auch mehr drinnen. Ich bin zufrieden, letztendlich hat er mir genauso viel gegeben als anderen. Ich dachte, dass er bei mir vielleicht einen Unterschied macht... Ale und Ludovica sind mit ihm gemeinsam aufs Zimmer gegangen. Ich bin nach ihnen aufs Zimmer gegangen, alleine... Mir hat er ein Armband aus Gold geschenkt, mit einem Diamanten drauf.

Barbara: Nicht schlecht!

Francesca: Ein kleiner Diamant und drauf steht „Francesca". Ich hätt lieber das Geld gehabt, aber das ist auch gut.

Weiterlesen in den Protokollen:


"Keine Lust, mir einen Job zu suchen"

Folgende Passagen zeigen, was für eine Art Frauenbild sich unter einem großen Anteil an Frauen etabliert hat. Das Modell des Showgirls und "Partymädchens", basierend auf Geld, Erfolg und Erotik, hat sich in Italien längst als Erfolgsmodell etabliert.

Am selben Tag telefoniert Iris um 18.53 mit einem nicht näher bekannten Mann, Auszug:

Iris: (...) Da hat heute eine zum Weinen angefangen. Von den Mädchen dort sind manche schöner als andere. Einige davon vergleichen sich miteinander, sagen also, was sie bekommen haben. (...) Und da kommt dann diese hässliche Person, ohne Haare, dick, also richtig hässlich und nicht einmal sympathisch und macht keinen Strich mehr als alle anderen und bekommt zwanzig Rosen geschenkt?? Einfach so, ohne dass sie irgendeinen Scheiß gemacht hat! Und dann kommt eine, beginnt zu tanzen, macht dies, macht das, und was kriegt sie? Zwei mickrige Rosen? Logischerweise beginnt die, nachdem sie von der anderen erfahren hat, zu weinen. Die war total verzweifelt. Ich selbst bin dann ins Büro und hab gesagt „Ah! Ich hab 1.200 Euro für mein Knie ausgeben müsse. Ah! Ich muss meiner Mutter einen Fernseher kaufen, ich muss meinem Vater einen Fernseher kaufen, ich muss meiner Cousine ein Kleid mit Perlen drauf kaufen, außerdem muss ich ein bisschen shoppen gehen, und habe nichts zu essen." Ich hab also einen auf Verzweifelt gemacht. Aber ohne dabei zu heulen! Man kann doch nicht heulen dabei! Ich hab zwar nicht viel bekommen, aber ich bin wenigstens nicht mit leeren Händen raus.

(...)

Iris: (...) Aber ich will auch was anderes haben, das Geld kommt und geht, ich will irgendwas, das bleibt.

(...)

Iris: (...) Und dann kommt er mir mit dem Auto, obwohl er ganz genau weiß, dass ich den Führerschein nicht habe!

Iris: (...) Ich brauch das Geld wirklich! Naja, eigentlich brauch ichs nicht wirklich, ich mein, ich bin erst 19 und es ist nicht so, dass ich sterbe, wenn ich jetzt kein eigenes Haus besitze, aber ich will schon mal dran denken können! Und wenn er mir nicht hilft, wer dann? Ich kenn niemanden hier im Mailand und es ist ja nicht so, dass eines Tages jemand an meiner Tür klopft und mir einen Job anbietet. Ich hab keine Lust, mir einen Job zu suchen, für den ich vielleicht 1.000 Euro bekomme.

***

Am selben Tag telefoniert Iris auch mit ihrer Mutter, um 19.21 sagt sie unter anderem Folgendes zu ihr:

Iris: Ich hätt' fast angefangen zu weinen, damit er mir was gibt.

Mutter: Wieviel hat er dir gegeben? Fünf?

Iris: Sieben.

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