Schalker Sternstunde, Desaster für Inter

6. April 2011, 13:40
121 Postings

Der deutsche Mittelständler versetzte Titelverteidiger Inter Mailand mit der Demütigung vor eigenem Publikum in Schockzustand - "Mission impossible" für Spurs gegen Real

Mailand/Madrid - Fußball spielt manchmal ganz schön "verrückt"! Der Auftakt zu den Viertelfinal-Hinspielen in der Champions League am Dienstag war wieder einmal so ein denkwürdiger Moment. Der FC Schalke 04 demütigte als krasser Außenseiter in einer sehenswerten Partie Favorit Inter Mailand in San Siro sensationell 5:2 (2:2) und hat damit vor den Rückspielen in einer Woche ebenso die Türe zum Halbfinale weit aufgestoßen wie Rekordsieger Real Madrid. Dieser schoss CL-Debütant Tottenham Hotspur mit 4:0 (1:0) aus dem Bernabeu-Stadion.

Gesetz der Serie

14 Jahre nach dem UEFA-Cup-Triumph im Elferschießen an derselben Stelle gegen Inter rächte der ersatzgeschwächte deutsche Vizemeister den FC Bayern München, der kürzlich im Achtelfinale von den "Nerazzurri" eliminiert worden war. Nun stehen die Italiener, deren gesperrter Brasilianer Lucio in der diesmal desolaten Abwehr stark abging, selbst vor dem K.o. Seit Einführung der Champions League 1992/93 ist es noch keinem Titelverteidiger gelungen, den Triumph in der darauffolgenden Saison zu wiederholen. Bisher hat es noch jeden Sieger früher oder später erwischt. Inter, nach der Lehrstunde schwer geschockt, scheint die Serie zu prolongieren.

Voreilige Gratulationen wiesen die "Königsblauen" jedoch zurück. Sie wissen, dass der Fußball manchmal eben verrückt spielen kann. Dem Wunder von Mailand müsste allerdings auch eines in Gelsenkirchen folgen, wo Inter einen 4:0-Sieg benötigt. "Solch einen Abend gibt es nur im Europacup", meinte Innenverteidiger Christoph Metzelder, der wegen eines Nasenbeinbruchs ausgefallen war. "Es war eine außergewöhnliche Leistung meiner Mannschaft. Wir haben einen großen Schritt gemacht, aber noch nicht den endgültigen", meinte der überglückliche Ralf Rangnick nach dem "größten Erfolg meiner Trainerkarriere".

Schock und Reaktion

Hätte ihm einer gesagt, dass seine Elf hier mit drei Toren Unterschied gewinnen würde, er hätte ihn für verrückt erklärt, gab der Nachfolger von Felix Magath zu und attestierte, dass das Spiel auch 10:5 oder 8:4 für Schalke hätte enden können. Dabei hatte nach 26 Sekunden alles "programmgemäß" begonnen. Inter war durch ein Traumtor von Dejan Stankovic, der nach eine Hechtkopfball-Abwehr von Torhüter Manuel Neuer vor dem Straftraum den Ball volley aus 51 Metern in die Maschen schoss, 1:0 in Führung gegangen. Die Gäste steckten diesen Schock überraschend gut weg.

Wie auch das 1:2, denn noch vor der Pause gelang der neuerliche Ausgleich. Unmittelbar nach dem Wechsel spielten sich die vielleicht entscheidenden Szenen ab. Diego Milito, der Inter im Mai 2010 in Madrid gegen Bayern mit zwei Toren zum finalen Triumph verholfen hatte, verjuxte eine 100-prozentige Chance und Augenblicke später verhinderte Neuer mit einer Glanztat nach einem Schuss des sonst unauffälligen Samuel Eto'o das 2:3. Danach nahm die Partie ihren Lauf zum bitteren Ende in Schwarz-Blau samt der gelbroten Karte für Cristian Chivu.

"Haben besseren Fußball gespielt"

Fünf Treffer hatte S04 zuvor auf italienischem Boden noch nie erzielt. Eine solchen "Wahnsinn" hatte selbst Raul, der mit Real Madrid immerhin dreimal die Champions League gewonnen hat, noch nie erlebt. "Wir haben besseren Fußball gespielt und waren physisch stärker. Es war ein wunderbarer Abend. Ich freue mich, meinen Betrag dazu geleistet zu haben. Das Wichtigste ist aber, dass wir gewonnen haben. Es war ein wichtiger Schritt, aber noch nicht die Entscheidung", sagte er spanische Torjäger nach seinem 70. Treffer in der "Königsklasse" zum 3:2 und seinem insgesamt 72. im Europacup.

Schalke jubelte, Inter trauerte nach der zweiten Ohrfeige innerhalb von drei Tagen (Samstag 0:3 im Derby gegen AC Milan). "Wir haben zwei wichtige Spiele verloren, müssen aber jetzt zusammenhalten, vergessen und ruhigbleiben. Wir benötigen die Kraft auf dem Rasen. Wir haben gegenüber Samstag einiges geändert, aber die Balance hat immer noch gefehlt. Wenn man das heutige Spiel nimmt, dann ist es unvorstellbar, auswärts vier Tore zu erzielen. Im Fußball ist aber nichts unmöglich", resümierte der brasilianische Inter-Coach Leonardo.

Moratti nimmt Leonardo in Schutz

Der Clubboss hält an seinem Trainer in dieser schwarzen Stunde - zumindest nach außen hin - fest. "Mein Glaube an ihn hat sich nicht geändert. Ich weiß, wie grausam der Fußball sein kann", erklärte Massimo Moratti. Eine ähnlich hohe Niederlage im europäischen Meister-Bewerb hat Inter mit dem 1:5 gegen Arsenal im November 2003 kassiert. Die italienische Presse ging mit Inter dementsprechend hart ins Gericht. "Inter begeht Selbstmord - nach dem Derby noch ein Alptraum", schrieb die "Gazzetta dello Sport" und sah schon den Barca-Coach als neuen Feldherrn: "So nicht Leonardo. Über ihm schwebt bereits Josep Guardiola". Und "Tottosport" wählte als Titel: "Disastro Inter!"

Jose Mourinho, der Inter im Vorjahr zum "Triple" führte, zeigte für seinen gedemütigten Ex-Arbeitgeber Mitgefühl. "Ich bin traurig, weil ich dort viele Freunde habe. Diese große Sensation habe ich nicht für möglich gehalten", gestand der portugiesische Real-Coach, unmittelbar nachdem sein Weißes Ballett mit Tottenham Hotspur leichtes Spiel gehabt hatte und fast schon fix im Viertelfinale der Champions League steht.

Der Abend des Notnagels

Dank eines Leihspielers von Manchester City feierten auch die Spanier einen sicheren Sieg und wurden ihrer Favoritenrolle gerecht. Emmanuel Adebayor, wegen Verletzungssorgen im Angriff als "Notnagel" von der Insel geholt, erzielte die ersten zwei Tore jeweils per Kopf. Für den 1,90 m großen Mann aus dem Togo, der vor seiner ManCity-Arä für Arsenal gespielt hatte, war es eine Genugtuung.

Adebayor ist so etwas wie ein Spezialist in Sachen "Heißsporne". "Von meiner Bilanz wusste ich nichts. Das ist aber nicht so wichtig. Jetzt müssen wir im Hinblick auf das Rückspiel konzentriert bleiben, um den Aufstieg ins Semifinale zu fixieren", meinte der Afrikaner, der gegen die Londoner zum zehnten Mal gespielt und dabei insgesamt zehn Tore erzielt hat. Acht Treffer gelangen ihm dabei in neun Matches im Arsenal-Dress, zwei folgten nun im Real-Trikot.

Den Schlusspunkt zum 4:0-Triumph setzte Cristiano Ronaldo, der trotz ärztlicher Bedenken von Mourinho in der Startelf aufgeboten worden war und durchspielte. Der Offensivstar donnerte den Ball in Minute 87 nach Flanke von Kaka, der ein Comeback gab, unhaltbar in die Maschen. Es war das 41. Saisontor im 47. Pflichtspiel (inklusive Nationalteam) von Ronaldo.

"Mit zehn Mann 80 Minuten auf diesem Niveau zu spielen, ist unmöglich, da kann man nicht Paroli bieten", meinte Mourinho, nachdem Peter Crouch nach 15 Minuten und seinem zweiten bösen Foul mit gelbroter Karte vom Platz geflogen war. Die erste Gelbe sieben Minuten zuvor an Sergio Ramos war schon rotwürdig gewesen. 

"Tottenhams Vergnügungsfahrt durch Europa endet mit einem Crash"

"Die Real-Stars mussten gegen die kläglichen Spurs nicht einmal ihre Frisuren in Unordnung bringen", schrieb die Sportzeitung "Marca". "Wir sind die Könige von Europa", sangen die Real-Fans auf den Tribünen und das Madrider Sportblatt "As" stellte am Tag danach fest: "Der zehnte Europacup-Sieg ist in Sichtweite!" Die Londoner Presse sieht das Spurs-Out besiegelt. "Mission impossible: Tottenhams Vergnügungsfahrt durch Europa endet mit einem Crash", befand die "Times".

"Ich bin enttäuscht. Nach dem frühen Ausschluss war es eine unlösbare Aufgabe. Aus ist es zwar erst nach dem Schlusspfiff im Rückspiel, aber wir müssten einen riesigen Berg überwinden", sieht Tottenham-Coach Harry Redknapp die Situation realistisch. Seine Schützlinge sprechen sich Mut zu. "Es wird unglaublich schwer, das 0:4 aufzuholen, aber wir geben nicht auf. Wir gehen Mittwoch raus und geben alles", versprach Kapitän Michael Dawson, während Kollege van der Vaart die Aufstiegschancen klipp und klar mit 0,0 Prozent bezifferte. (APA/Reuters/dpa/AFP)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Schalker Entschlossenheit triumphierte über nicht optimal eingestellte Titelverteidiger.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    So jubelten am Ende die Spieler von S04 und nicht die favorisierten "Nerazzurri"

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Und Inter-Coach Leonardo musste nach dem Derby gleich noch ein Alptraum hinnehmen.

Share if you care.