"Wir arbeiten nur mehr mit registrierten Lobbyisten"

6. April 2011, 13:19
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Neo-EU-Mandatar Heinz Becker über die "Opas nach Europa"-Strategie der ÖVP, die Zeit nach Strasser und seine Werbeagentur

"Ein Mädchen, das heute geboren wird, hat eine 50-prozentige Chance 100 Jahre alt zu werden. Da kann man doch nicht mit 55 in Pension gehen", sagt Heinz Becker, VP-Delegationsmitglied in Brüssel und Generalsekretär des Seniorenbundes. Darüber, warum man an den "Pensionisten nicht mehr vorbei kommt",  seinen "Kampf für die nachfolgenden Generationen" und über die neuen Lobbying-Regeln der Volkspartei in Brüssel,  sprach er mit Katrin Burgstaller.

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derStandard.at: Werden Sie mit Andreas Khol nach Mariazell pilgern? Das hat er ja versprochen, so Sie nach Brüssel geschickt werden.

Becker: Natürlich. Da will ich dabei sein, auch ich als Evangelischer respektiere diesen Wallfahrtsort.

derStandard.at: Sie sind erst Anfang der Woche nach Straßburg gekommen. Wie ist die Stimmung in der ÖVP-Delegation?

Becker: Othmar Karas wurde mit einer großen Entschlossenheit von uns allen gewählt. Wir sind froh, dass nun eine integre Person die Aufgabe des Delegationsleiters übernommen hat. Auch die Wahl von Elisabeth Köstinger zu seiner Stellvertreterin ist eine gute Entscheidung. Wir wollen einen Neustart und werden angesichts der Vorkommnisse in der Vergangenheit keinesfalls zur Tagesordnung übergehen. Es soll ganz klare Regeln geben: Gewerbliches Lobbying ist mit jedem Mandat unvereinbar. Und wir arbeiten nur mehr mit Lobbyisten, die im entsprechenden Register eingetragen sind.

derStandard.at: Trotz vieler Vorzugsstimmen haben Sie den Einzug ins Europaparlament 2009 verpasst. Jetzt kommen Sie doch zum Zug, weil Hella Ranner zurückgetreten ist. Ist die Freude über das Mandat unter diesen Umständen gedämpft?

Becker: Die Freude ist nicht gedämpft. Die Schnelligkeit des Prozesses kompliziert jedoch den Alltag. Es macht schon zu schaffen, so blitzartig plötzlich an einem anderen Ort in einer anderen Funktion zu arbeiten. Aber das Wissen um die Gestaltungmöglichkeiten, die man hat, ist ja auch eine große Bestätigung für einen selbst.

derStandard.at: Sie haben Ihre ersten Plenartage hinter sich gebracht. Wie wars?

Becker: Unglaublich. Es ist alles sehr groß. Die Tagesordnung ist gespickt von spannenden und aktuellen Themen. Natürlich war ich noch nicht ganz eingelesen. Aber ich habe mich vorher schlau gemacht. Es ist eine Herausforderung mit dieser Themenvielfalt arbeiten zu können.

derStandard.at: Sie betreiben auch eine Werbeagentur. Sind sie auch ein gewerblicher Lobbyist?

Becker: Meine Tätigkeit als Werber ist weit weg von dem, was inkriminierbar wäre. Ich bin nicht einmal in der Nähe von PR und Lobbying. Das Gewerbe habe ich aber dennoch sofort stillgelegt. Mein Frau Anna Becker hat ohnedies schon länger die Geschäftsführung gemacht.

derStandard.at: Haben Sie in der Vergangenheit durch Ihre Rolle als Seniorenratsvertreter Vorteile für Ihre Werbeagentur gehabt? Sprich: Haben Sie Aufträge aus der Politik erhalten?

Becker: Wir haben für die Gemeinde Perchtoldsdorf eine Servicebroschüre Tipps für Alt und Jung aufgelegt, das war aber keine politische Sache. Bei der Euro-Einführung hatte ich einen Auftrag und Informationsveranstaltungen für Senioren organisiert. Damals war ich aber noch nicht in der Politik tätig. Aufgrund dieser Organisationstätigkeit für bundesweite Veranstaltungen wurde mir später übrigens die Mitarbeit im Seniorenbund angeboten, aus dieser wurde dann ab 2001 die Aufgabe des Generalsekretärs.

derStandard.at: Ihr Name stehe für "nicht lockeres dilettieren, sondern für verlässliche Realisation" steht auf Ihrer Werbeagentursite - werden Sie das auch in der Politik so umsetzen?

Becker: Ich habe mich der Professionalität verschrieben. Und sage: Himmel, bereiten wir uns doch wirklich vor und überlegen uns vorher was wir machen. Wenn man unter Zeitdruck ist muss man manchmal aus dem Fundus des Wissens der Erfahrung schöpfen. Aber im Normallfall muss man sich vorbereiten.

derStandard.at: Warum sind die Senioren in Österreich eigentlich so schlagkräftig?

Becker: Sie treffen sich oft persönlich. Sei es auf Diskussionsveranstaltungen oder bei Ausflügen. Das macht sonst keine andere Organisation in dieser Intensität. Man kann wirklich nicht mehr an uns vorbei. Wir sind klar positioniert als Vertreter der größten Wählergruppe die zugleich auch die größte Kaufkraft hat. Das Seniorengesetz mit dem Seniorenrat als gesetzliche Vertretung ist beispielgebend für ganz Europa. Aber wir setzen uns trotzdem nicht in allen Bereichen durch. So gehört zum Beispiel das Wort Pensionserhöhung aus dem Sprachschatz gestrichen. Es gibt nur Pensionsanspassungen.

derStandard.at: Für die ÖVP sind vor allem Herren im fortgeschrittenen Alter nach Brüssel geschickt worden. Wer vertritt denn die Jungen?

Becker: Elisabeth Köstinger ist sehr jung und sie vertritt die Interessen der Jungen. Und ob Sie es glauben oder nicht: Auch ich sehe es als meine Aufgabe für alle Generationen zu arbeiten. Wir gehen auf die Jungen zu. Es gibt keinen Generationenkonflikt zwischen Jung und Alt in unserer Gesellschaft, am ehesten haben noch die Elterngenerationen mit ihren Kindern Probleme, aber nicht die Enkelinnen und Enkel mit ihren Großeltern.

derStandard.at: Aber das Problem ist doch: Die Jungen machen sich Sorgen um ihre Pensionen. Unter anderem wird oft argumentiert, dass die Pensionisten jetzt schon so hohe Pensionen erhalten und für die Nachfolgenden einfach nichts mehr übrig bleibt.

Becker: Das ist ein Klischee. Wir haben ein sicheres Pensionssystem und das wird auch in der Zukunft so bleiben. Denn wir als Pensionsvertreter sind Reformkraft Nummer eins für das Pensionssystem. Deshalb sind wir auch sehr engagiert in der Pensionssicherungskommission. Wenn irgendetwas zu Lasten der Jüngeren ausgehen würde, würden wir die allergrößten Probleme mit unseren Mitgliedern bekommen. Abgesehen von jenen, die eine höhere Pension bekommen, haben eine Durchschnittspension von 1.000 Euro, mit denen Wohnung, Heizung, Lebensmittel und Medikamente bezahlt werden.  Und unsere Pensionisten stecken ihren Enkeln trotzdem immer noch etwas zu. Unsere Gruppe der jetzt Alten hat wenig Angst. Wir kämpfen auch für die nachfolgenden Generationen.

derStandard.at: Sie werden unter anderem für den Ausschuss Arbeit und Soziales eingesetzt. Was sind Ihre Visionen?

Becker: Ich werde mich auch in Brüssel für die Sicherung der Pensionen einsetzen. Die Parole lautet: Länger arbeiten und zwar über das gesetzlichen Pensionsantrittsalter hinaus. Alle Schlüpflöcher für die Frühpensionen müssen ohne Pardon geschlossen werden.

derStandard.at: Länger Arbeiten, erschwerte Frühpension. Werden Sie damit nicht Wählerzuspruch verlieren?

Becker: Bei jenen, die dies ihr eigenes Seniorenleben als relevant erkennen, kommt das gut an. Ich weiß, dass wir da oder dort auch zukünftige Mitglieder verlieren werden weil manche sich schon gefreut haben, mit 55 in Pension gehen zu können. Wir haben in Österreich vielleicht eine Kultur der Frühpensionitis erzeugt. Wenn wir immer älter werden, müssen wir länger arbeiten.

derStandard.at: Ich bin jetzt 31. Wann kann ich in Pension gehen?

Becker: Ich schätze mit dem gesetzlichen Pensionsalter plus maximal ein, zwei Jahre Mehrarbeit. Da habe ich mit uns allen kein Mitleid. Denn ein Mädchen, das heute geboren wird, hat eine 50-prozentige Chance 100 Jahre alt zu werden. Da kann man doch nicht mit 55 in Pension gehen.

derStandard.at: Als Sie gemeinsam mit dem im Alter ebenfalls schon etwas fortgeschrittenere Hubert Pirker nach Brüssel geschickt wurden kam ein Scherz auf: Hast du einen Opa, schick ihn nach Europa. Was sagen Sie dazu?

Becker: (lacht) Ich muss schon zugeben, wir alle tun gut daran, dafür zu sorgen, dass noch mehr Junge in die Politik gehen. Wir müssen die Politik attraktiver und glaubwürdiger machen. Mir das zu sagen, zeugt aber von einem speziellen Humor, denn wenn ich als Kandidat des Seniorenbundes aufgestellt wurde kann man wohl nicht verlangen, dass der Kandidat keinen Senior ist. Der Spruch reflektiert, dass wir Senioren da oder dort noch gebraucht werden. Man erlebt jetzt schon, wir gut es ist, Jung und Alt im Arbeitsprozess zusammenzuspannen. Die Alten haben eine lange Vorpraxis, die ein Junger nicht haben kann. Die Jungen sind dafür belastbarer und flexibler. Da gibt es enorme Synergien. Wir sind auch diesbezüglich entschlossen, keine Ruhe zu geben.

derStandard.at: Im Europaparlament sind jetzt einige junge, engagierte Mitarbeiter von Strasser und Ranner arbeitslos geworden. Werden diese bei Ihnen Unterschlupf finden?

Becker: Othmar Karas hat sofort alles unternommen, um diese Leute für die nächsten Monate abzusichern. Mein Kollege Hubert Pirker und ich werden diese Mitarbeiter nun kennen lernen. Ein Gutteil von ihnen wird bei uns unterkommen.

derStandard.at: Strassers Büro steht ja nicht zur Verfügung. Haben Sie genug Platz?

Becker: Ja, ich habe ein Reservebüro bekommen. Es wird halt nicht in den Innenhof schauen, aber das tangiert mich nicht. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 6. April 2011)

HEINZ K. BECKER, geboren 1950 ist seit zehn Jahren Generalsekretär des Österreichischen Seniorenbundes und wurde kürzlich zum ÖVP-Delegationsmitglied des Europäischen Parlaments ernannt. 1992 gründete er seine eigene Werbeagentur.

  • "Himmel, bereiten wir uns doch wirklich vor und überlegen uns vorher was 
wir machen."
    foto: standard/cremer

    "Himmel, bereiten wir uns doch wirklich vor und überlegen uns vorher was wir machen."

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