Tepco: Mit Stickstoff gegen Explosionen

6. April 2011, 17:49
542 Postings

Gas soll Sauerstoff-Wasserstoff-Gemisch verdünnen - Hoch radioaktives Wasser läuft nicht mehr in den Pazifik - Kinder in Katastrophengebiet gehen wieder in die Schule

Seit Mittwochabend (Ortszeit) leitet der AKW-Betreiber Tepco Stickstoff gegen mögliche Wasserstoff-Explosionen in Reaktorblock 1 der Atomanlage Fukushima, so die japanische Nachrichtenagentur Kyodo. Die Aktion könnte mehrere Tage dauern. Wahrscheinlich folgen später die Blöcke 2 und 3. Der Sprecher der Atomsicherheitsbehörde NISA, Hidehiko Nishiyama, versuchte zuvor zu beruhigen. Eine unmittelbare Explosionsgefahr bestehe derzeit nicht.

Die Brennstäbe im Reaktorblock 1 hatten zeitweise aus dem Kühlwasser geragt und sich gefährlich erhitzt. Dadurch könnte sich das Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff getrennt haben. In der Folge könnte es zu Knallgasexplosionen kommen. Mit dem Stickstoff lässt sich das gefährliche Gemisch verdünnen. Das Gas gilt als besonders reaktionsträge, so dass keine unerwarteten Nebenreaktionen auftreten können. In den Tagen nach dem Tsunami vom 11. März war es in den Blöcken 1, 3 und 4 zu Wasserstoff-Explosionen gekommen.

Leck geschlossen

Nach dem tagelangen Auslaufen von stark radioaktiv verseuchtem Wasser ist das Leck an einer Leitung in Reaktor 2 behoben worden. Dank des Einsatzes von Flüssigglas dringe vorerst kein Wasser mehr aus der betroffenen Leitung, teilte Tepco am Mittwoch mit. Unklar ist jedoch, ob die Abdichtung halten wird und ob es noch andere Lecks im Kraftwerk gibt.

"Die Arbeiter haben um 5.38 Uhr (Ortszeit; Anm.) bestätigt, dass kein Wasser aus dem Graben mehr ausläuft", erklärte Tepco in Tokio. Die Einsatzkräfte hatten zunächst versucht, den 20 Zentimeter langen Riss in der Leitung des Reaktors 2 mit Beton zu verschließen. Dieser Versuch scheiterte ebenso wie der Einsatz einer Mischung aus Kunstharz, Zeitungspapier und Sägespänen. Zum Erfolg führte laut Tepco schließlich der Einsatz eines als Flüssigglas bekannten Silicats.

Starke Radioaktivität im Meerwasser

Durch den Riss an der Leitung waren große Mengen radioaktiv verseuchten Wassers ins Meer gelaufen. Das Wasser stammte von den Kühlarbeiten am Reaktordruckbehälter, das sich im Untergeschoß des an den Reaktor angrenzenden Turbinengebäudes gesammelt hatte. Durch den Riss war es in eine Betongrube gelangt und von dort aus in den Ozean geflossen.

Das Wasser hatte einen Strahlenwert von mehr als 1000 Millisievert. Es wurde daher als Ursache angenommen, dass im Meerwasser in der Nähe von Fukushima der Gehalt an radioktivem Jod 131 den gesetzlichen Grenzwert um mehr als das 4000-fache überstieg. Wenn ein Mensch in kurzer Zeit konzentriert einer Strahlung von einem Sievert beziehungsweise 1000 Millisievert ausgesetzt ist, entsteht bei ihm eine Strahlenkrankheit mit Kopfschmerzen, Übelkeit und eventuell Blutarmut.

Unabhängig von dem Leck an der Leitung des Reaktors 2 hatte Tepco am Montag damit begonnen, 11.500 Tonnen schwach radioaktives Wasser in den Pazifik zu leiten. Die Maßnahme sei erforderlich, um Platz für stärker radioaktiv verseuchtes Wasser zu schaffen, hieß es zur Begründung. Experten machen sich Sorgen, weil das Wasser nicht nur schnell abbaubares Jod 131, sondern auch langlebiges radioaktives Caesium 137 enthalte. Dadurch könnten Meerestiere dauerhaft radioaktiv belastet werden.

Erhöhung der Grenzwerte, Fischfang verboten

Angesichts der Atomkrise überdenkt die Regierung nun die Bestimmungen zur erlaubten jährlichen Strahlendosis. Weil die Bewohner aus der Region um das zerstörte Kernkraftwerk Fukushima eins über einen längeren Zeitraum dem Risiko radioaktiver Strahlen ausgesetzt seien, könnten Anpassungen notwendig werden, sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Mittwoch laut japanischen Medienberichten. Die gegenwärtig geltenden Höchstgrenzen seien für den Fall festgelegt worden, dass Menschen über einen nur kurzen Zeitraum hoher Strahlung ausgesetzt sind. Nach den derzeitigen Bestimmungen erfordert eine radioaktive Konzentration von über 50 Millisievert eine Evakuierung

Im Umkreis von 20 Kilometern um das Atomkraftwerk ist weiterhin jeder Fischfang verboten. Die Regierung setzte neue Grenzwerte für die zulässige Strahlenbelastung bei Fischen und Meeresfrüchten fest. Eine Fischerkooperative der Präfektur Fukushima äußerte sich erbost darüber, dass Tepco absichtlich radioaktives Wasser in den Pazifik leitet. Auch Südkorea äußerte sich besorgt über die Einleitung des verseuchten Wassers ins Meer und bat Japans Außenministerium um genauere Angaben. Das Ministerium musste jedoch zunächst selbst Angaben zu den Strahlenwerten einholen, wie ein Sprecher sagte.

Als erstes Land verhängte Indien am Dienstag ein Importverbot für Lebensmittel aus ganz Japan. Das Verbot trete sofort in Kraft, erklärte die indische Regierung in Neu Delhi. Es gelte zunächst für drei Monate oder bis es "glaubwürdige Informationen" gebe, "dass die Strahlengefahr auf akzeptable Grenzen gesunken" sei. Bisher hatten mehrere Länder wie China, die USA und Singapur Einfuhrverbote für Lebensmittel aus bestimmten japanischen Gebieten erlassen, nicht aber für Produkte aus dem ganzen Land.

Kinder in Katastrophenregion gehen wieder zur Schule

In der japanischen Katastrophenregion können Kinder endlich wieder zur Schule gehen. In der Stadt Fukushima in der gleichnamigen Provinz, wo auch das havarierte Kernkraftwerk steht, wurden am Mittwoch mehrere Kinder aus der Evakuierungszone in für sie neue Volksschulen eingeschult, meldeten lokale Medien. Sie lebten ursprünglich innerhalb der jetzigen 20-Kilometer-Sperrzone nahe der Atomruine Fukushima Eins. Seit Beginn der Katastrophe hausen sie in Flüchtlingslagern. Wegen der plötzlich gestiegenen Zahl an Kindern an den erhalten gebliebenen Schulen wurden nun mehr Lehrer eingestellt.

Der japanische AKW-Betreiber Tepco erwägt unterdessen einen Entschädigungsfonds für die Opfer der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Wie die japanische Nachrichtenagentur Jiji Press am Mittwoch meldete, würden sich demnach sowohl der Betreiber als auch der Staat daran beteiligen. Wie hoch die Entschädigung für die Opfer am Ende ausfällt, wird noch geprüft. Es sind nicht nur die Bewohner betroffen, auch Landwirte, Fischer und Produktionsfirmen haben enorme Schäden durch die weiter andauernde Katastrophe erlitten. Tepco wird nach Einschätzung von Analysten kaum in der Lage sein, alle Kosten allein zu tragen. Ministerpräsident Naoto Kan hatte denn auch zuvor versichert, dass die Regierung letztendlich die Verantwortung trägt. Auch über eine Verstaatlichung des Atombetreibers wird diskutiert. (APA)

  • Das Leck im Atomkraftwerk Fukushima Eins, aus dem radioaktiv verseuchtes Wasser ausgetreten war, ist behoben.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Tagelang war hoch radioaktives Wasser in einen Betonschacht und dann weiter ins Meer geflossen (Bild oben). Das Leck wurde nun erfolgreich abgedichtet.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Tepco-Vorsitzende Tsunehisa Katsumata (2.v.l.) verneigt sich vor Ikuhiro Hattori, Vorsitzender der Nationalen Fischereivereinigung, nachdem letzterer einen Protestbrief übergeben hat.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    In über 70 Schulen in der Provinz Fukushima wurden die Schulen wieder geöffnet.

Share if you care.