Salzburg entzaubert den KAC - Analyse zu Spiel drei

6. April 2011, 01:57
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Die Bullen holen sich den ersten Auswärtssieg der Finalserie. Die Analyse zu Spiel drei in unserem Eishockey-Blog

Ein über 60 Minuten dominierender EC Salzburg hat sich mit einem 5:2-Erfolg die Führung in der Finalserie und damit verbunden auch den Heimvorteil geholt (Nachlese Live-Ticker). Vieles an diesem Abend sprach dafür, dass es das einzige Break im finalen Titelkampf bleiben wird. Auch die Statistik: 23 der 30 Play-Off-Serien seit der Internationalisierung der EBEL im Jahr 2006 hat jenes Team gewonnen, das in Spiel drei erfolgreich blieb.

Schulbuchmäßiges Powerplay

Wie schon in den ersten beiden Finalspielen startete der Titelverteidiger auch am Dienstagabend in Klagenfurt besser in die Partie. Erst nach gut 90 Sekunden rutschte die Scheibe erstmals und eher zufällig ins Verteidigungsdrittel der Gastmannschaft. Im Gegensatz zu den bisherigen Spielen verabsäumte es die Pagé-Truppe diesmal jedoch, das schnelle erste Tor zu erzielen. Folgerichtig ging erstmals in der Serie der KAC mit 1:0 in Führung. Eine Tripping-Strafe gegen Marco Pewal, die eigentlich mit Ausschlüssen auf beiden Seiten geahndet werden hätte müssen, brachte das erste Überzahlspiel der Partie, das der Rekordmeister auch gleich in einen Torerfolg verwandelte. Salzburgs Box stand zu tief und passiv - ein Fehler, den die Bullen im weiteren Spielverlauf auch nicht mehr begingen.
Klagenfurt legte dieses erste Powerplay sehr breit an, was den unbeweglichen Sean Brown an der blauen Linie zwar sehr statisch wirken ließ, den schnellen Skatern Scofield und Spurgeon jedoch mehrfach die Möglichkeit eröffnete, über den Flügel in den Slot zu schneiden. Klagenfurts punktbester Spieler in den Play-Offs, Tyler Scofield, nützte eine dieser Gelegenheiten dann auch zum ersten Tor. Dass dieses hier so ausführlich dokumentiert wird, liegt daran, dass es an diesem Abend sonst nicht viel Positives vom KAC zu berichten gab.

Scofields Qualitäten

Ein Wort noch zu Scofield: Ein großartiger Spieler! Technisch beschlagen, toller Eisläufer - dem KAC, der bei der Besetzung seiner Import-Plätze in der letzten Dekade nicht immer glücklich agierte, ist hier ein Goldgriff gelungen. Einen Spieler nach vier College-Jahren und einer durchwachsenen Saison in der tschechischen Extraliga ohne Try-out zu verpflichten, ist nicht frei von Risiko, Viveiros und Company wurden jedoch für den Mut belohnt. Es wäre verwunderlich, würde der Rekordmeister den zudem recht preiswerten 26jährigen nicht längerfristig an sich binden.

Salzburg demaskiert den KAC

Scofield stand auch zu Beginn des zweiten Drittels am Eis, diesmal jedoch bei einem Gegentreffer. Nur 22 Sekunden nach Wiederbeginn glich Salzburg durch Duncan aus. Seinen eher verlegenen Schlenzer schüttelte Goalie Chiodo aus seiner Fanghand ins Tor. Es war der Auftakt für neun sehr rasante Minuten, in denen Salzburg den KAC vor eigenem Publikum nach allen Regeln der Eishockeykunst demaskierte. Zur Hälfte des Spiels führten die Bullen mit 3:1, ruhten sich in der Folge in den verbleibenden gut zehn Minuten des Mittelabschnitts aber zu sehr auf dem Erreichten aus. Dass der KAC in dieser Phase nicht zulegen und zurückschlagen konnte, mag ein erstes Indiz für den weiteren Verlauf der Serie sein. Zwar versuchte Rotjacken-Trainer Viveiros mit Umstellungen in seinen Angriffsformationen für neue Impulse zu sorgen, der Effekt verpuffte jedoch.

Österreicher-Linie

Augenscheinlich wurde in dieser dritten Begegnung auch einer der wesentlichen Faktoren, der die beiden Teams in dieser Serie bisher unterscheidet. Von zwei defensiv anfälligen Mannschaften ist Salzburg in der Abwehr ein wenig stabiler, von zwei Goalies fernab ihrer Topform haben die Bullen den etwas souveräneren. Mindestens gleich entscheidend - und in der Betrachtung der bisherigen Finalspiele weitestgehend unbeachtet - sind jedoch die Performances der rein österreichischen Paradeformationen im Angriff. Während Salzburgs Block mit Latusa, Pewal und dem eigentlich eher formschwachen Koch schon 16 Scorerpunkte sammelte, gelingt ihrem Klagenfurter Gegenstück noch sehr wenig. Dieter Kalt setzt nur verhaltene Akzente, Christoph Brandner hält bei erst zwei Punkten (den einzigen Scorerpunkten der Spieler dieser Linie überhaupt) und David Schuller (-6 nach drei Partien) ist die Beeinträchtigung durch seinen Kreuzbandriss - Schiene hin oder her - in nahezu jeder Aktion anzusehen.
Gerade bei den österreichischen Angriffsspielern waren im Vorfeld der Finalserie nominelle Vorteile für den KAC auszumachen, nach drei Spielen stellt sich hier jedoch ein völlig anderes Bild dar. Über weite Strecken der bisherigen Partien drängte sich auch kaum der Verdacht auf eine baldige diesbezügliche Trendumkehr auf. Will Klagenfurt in dieser Serie noch einmal zurückschlagen, muss dieser Block der Rotjacken seine gesamte Routine in die Waagschale werfen und sich selbst aus der Formkrise bringen.

Das Torhüterduell

Neben dem kompakteren Gesamtauftritt und der größeren Kreativität im Offensivspiel waren am Dienstagabend auch die Leistungen der Torhüter ausschlaggebend. "Will der KAC im weiteren Verlauf der Serie realistische Chancen auf die nötigen drei weiteren Siege haben, muss auch Goalie Andy Chiodo souveräner werden." - Das schrieb ich in meiner Analyse zu Spiel zwei vom Sonntag. Nach Spiel drei gilt dieser Satz mehr denn je, muss sich der kanadische Schlussmann doch mindestens zwei der Gegentreffer ankreiden lassen. Chiodo hatte einen schlechten Abend, seine Statistiken (GAA: 3,57 in den Play-Offs, 3,75 in direkten Saisonduellen mit Salzburg, 5,37 in der Finalserie) deuten aber selbst unter Berücksichtigung von Klagenfurts Unzulänglichkeiten in der Defensive darauf hin, dass es in den letzten Wochen nicht sein einziger war.

Es sind viele Rädchen, an denen der Trainerstab des KAC bis zum nächsten Spiel am kommenden Donnerstag drehen muss, viele Bereiche, in denen sich der Rekordmeister auf seiner "Mission 30" verbessern muss. Die matte bis ernüchternde Leistung aus Spiel drei legt nahe, von "zu vielen" zu sprechen. (Hannes Biedermann; derStandard.at; 6.April 2011)

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