Forschungsreise in die Reviere der Kunst

5. April 2011, 20:29
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Viele Künstler arbeiten forschend und empirisch

Was die Wissenschaft von der Kunst lernen kann, erkundet ein interdisziplinäres Projekt im Grenzgebiet von Literatur, Musik, Soziologie und Philosophie.

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"Eines Tages kam Josef Winkler zu mir ins Büro und sagte: Ich suche ein Zimmer", erzählt Wilhelm Berger von der Uni Klagenfurt. Es kommt wohl nicht oft vor, dass ein Schriftsteller in das Büro eines Philosophieprofessors spaziert und um einen Arbeitsraum bittet. Doch die Zeit war günstig für eine derlei unkonventionelle Anfrage. Berger war gerade Prodekan seiner Fakultät geworden und die damalige Wissenschaftsministerin Elisabeth Gehrer hatte die Maxime ausgegeben, sich stärker an den US-Universitäten zu orientieren. "Da dachte ich: Gut, installieren wir hier etwas, das an US-Unis üblich ist: einen Writer in Residence."

Als "Raummiete" vereinbarte Berger mit Winkler, dass der Autor und spätere Georg-Büchner-Preisträger mit ihm, dem Philosophen, jährlich ein Seminar an der Uni veranstalten solle. Winkler willigte ein - und so begann eine jahrelange Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Kunst. "Zur Sprache kommen", "Heimat", "das Böse": Das sind einige der Themen, die Berger und Winkler in ihren Seminaren untersuchten. Die Kooperation der beiden erwies sich als fruchtbar, und so entstand die Idee, den Brückenschlag zwischen den zwei Welten in einem größeren Rahmen zu versuchen.

Neuartiges Förderprogramm

Es traf sich gut, dass eine Kollegin, die Soziologin Elfie Miklautz von der WU Wien, in die gleiche Richtung dachte. Berger und Miklautz taten sich zusammen, holten weitere Fachleute aus der Bildenden Kunst, aus der Theater- und Musikszene ins Boot und reichten beim Wissenschaftsfonds FWF ein Forschungsprojekt ein. Dieser hatte zur gleichen Zeit eine ähnliche Initiative gestartet und im Auftrag des Wissenschaftsministeriums im Jahr 2009 ein neues Förderprogramm namens Peek ("Programm zur Entwicklung und Erschließung der Künste") gestartet. Damit bekommen auch die Kunstuniversitäten die Möglichkeit, eine FWF-Förderung zu beantragen. Auch der Antrag von Berger und seinen Kollegen war erfolgreich: "Erkenntnis durch Kunst" lautet der Titel des soeben genehmigten Projekts, im Rahmen dessen nun Wissenschafter und Künstler zu Forschungsreisen ins Grenzgebiet ihrer angestammten Reviere aufbrechen.

"Die Verbindung von ,Art & Science' ist zurzeit modern, allerdings hat sie bisher immer unter dem Primat der Wissenschaft stattgefunden", sagt Berger. "Wir wollen dieses Verhältnis nun umdrehen und fragen: Kann die Wissenschaft auch etwas von der Kunst lernen? Uns interessiert vor allem der Künstler als Empiriker, als Person, die mit dem Rohmaterial der Erfahrung arbeitet."

Damit die Angelegenheit nicht in eine gelehrige, aber letztlich unverbindliche Diskussion auf metasprachlicher Ebene abdriftet, legen Berger und sein Team Augenmerk auf konkrete Fragestellungen und Themen. "Wir werden uns etwa mit dem Raum in Literatur, Komposition und Film beschäftigen: Welche Rolle spielen Räume in diesen Disziplinen? Und welche Parallelen lassen sich zur Wissenschaft finden?"

Um das zu beantworten, wird sich Josef Winkler auf die Spuren des französischen Malers Chaim Soutine begeben. Soutine lebte einige Zeit in der Künstlerkolonie La Ruche in Paris - ein Ort, von dem sich einst auch Marc Chagall und Amedeo Modigliani inspirieren ließen. Winkler will nun selbst einige Zeit in dem dreistöckigen, 1900 von Gustave Eiffel errichteten Rundbau verbringen, um dessen Wirkung auf Soutine nachvollziehen zu können.

Umfangreiche Notizbücher

Winkler ist auch ein Vorreiter bei der interdisziplinären Suche nach "Erkenntnis durch Kunst". Er greift beim Schreiben auf umfangreiche Notizbücher mit Beobachtungen und Gedanken zurück - eine Arbeitsweise, die jener des Ethnologen oder Anthropologen ähnlich ist. So gesehen ist es naheliegend, dass das Forschungsprojekt Parallelen zwischen Literatur und Wissenschaft zutage fördern wird. Weniger naheliegend dagegen scheint - auf den ersten Blick - die Verbindungslinie zur Musik zu sein.

Worin könnten die Parallelen zur Wissenschaft bestehen? "Die Komponistin Katharina Klement wird im Rahmen unseres Projekts gemeinsam mit der Regisseurin Ursula Mihelic Film- und Klangporträts eines Menschen im Pflegeheim erstellen, der nicht mehr sprechen kann. Auch hier können wir Fragen stellen, die für andere Disziplinen, Literatur und Philosophie etwa, von Bedeutung sind", sagt Berger. "Wie fange ich an? Nach welcher Logik reiht sich ein Satz an den nächsten? Wenn man Musik als Übersetzungsleistung von Beobachtungen und Empfindungen ansieht, stellen sich ganz ähnliche Fragen wie im Bereich der Sprache."

Historisch gesehen befinden sich Berger und Miklautz mit ihren interdisziplinären Vermittlungsversuchen in guter Gesellschaft: Unter anderem propagierte der österreichische Philosoph Paul Feyerabend schon vor 40 Jahren, dass man die Trennung von Wissenschaft und Kunst aufgeben und stattdessen als gleichwertige Ausdrucksformen betrachten solle. Berger: "Beide sind Verhältnisse zur Welt. Beide sind Versuche, den anderen etwas zu sagen, einen Gedanken zu vergemeinschaften. Die Form mag unterschiedlich sein, aber der Impuls ist ähnlich." (Robert Czepel/DER STANDARD, Printausgabe, 06.04.2011)

 


Noch bis zum 25. Mai läuft die Ausschreibung des Programmes zur Entwicklung und Erschließung der Künste (Peek). Infos: www.fwf.ac.at/de/projects/peek.html

  • Der Autor Josef Winkler begibt sich in die Künstlerkolonie La Ruche in Paris, von der sich einst auch Marc Chagall und Amedeo Modigliani inspirieren ließen.
    foto: wikimedia

    Der Autor Josef Winkler begibt sich in die Künstlerkolonie La Ruche in Paris, von der sich einst auch Marc Chagall und Amedeo Modigliani inspirieren ließen.

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