Nimm ein Pickerl für dein Packerl

5. April 2011, 20:24
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Auf den Frühstückstisch kommt die Nanotechnologie über ein sorgsam gewobenes europäisches Netzwerk

Wie sich intelligente Verpackungssysteme definieren, bestimmt in der EU aber letztlich noch immer der Konsument.

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Das Adjektiv "intelligent" ist für Markus Dürrschmid ein Reizwort im doppelten Sinn. Zum einen ärgert ihn, dass sogar Lebensmittelverpackungen kognitive Fähigkeiten unterstellt werden, obwohl deren Umsetzung ganz schön blöd sein kann: "Was genau soll eigentlich klug sein an Temperaturindikatoren auf Schokomüsliriegeln?", fragt er sich als Leiter des Qualitätsmanagements bei Österreichs größtem Erzeuger von Müsliprodukten, "wenn doch bereits jedes Kind weiß, dass man Schokolade niemals in die pralle Sonne legt?"

Zum anderen reizt ihn aber an intelligenten Verpackungssystemen, dass sie dennoch ganz praktisch sein können. "Unsere Kunden interessiert ja nur eines: Wie bleibt das Müsli lange knusprig?", formuliert Dürrschmid seine Forschungsfrage für die Niederösterreichische Gutschermühle.

Eine Antwort dürfen sich die Müslihersteller nun vom Wiener Neustädter Spezialisten Attophotonics erwarten. Dieser ist zwar bekannt für komplexe Umsetzungen von Bioscience-Anwendungen, aber Nanotechnologie erfüllt natürlich auch auf Müslipackerln den Zweck: Mikroskopisch kleine Strukturen auf einem Indikator sollen dafür sorgen, dass Konsumenten ohne Aufwand die Luftfeuchte der Umgebung erkennen.

"Am liebsten wär's mir so", erklärt Dürrschmid: "Wird das Pickerl rot, dann es ist zu feucht fürs Müsli. Bleibt es grün, kann das Produkt ohne Bedenken gelagert werden." Ob die Nanotechniker nun geeignete Materialen finden für eine chemische Reaktion nach diesem Farbschema, kann Dürrschmid noch ebenso wenig abschätzen wie die Kosten für diesen Feuchtigkeitsindikator. Einen Produzenten für die kommerzielle Umsetzung hätte er aber mit dem Verpackungsspezialisten Mondi sogar schon gefunden.

Forscher für Fleischhauer

Ganz egal, ob nun ein Müsli nicht "letschert" werden soll, wie es der Qualitätsmanager ausdrückt, oder ob ein Zeit-/Temperaturindikator über die Frische von Fleischprodukten informiert, stellt sich aber noch eine ganz andere Frage: Wie kommen kleine und mittlere Lebensmittelproduzenten überhaupt zu Forschungspartnern, die sie sich im eigenen Unternehmen nie leisten könnten?

Als Wirtschaftsagentur des Landes Niederösterreich hat ecoplus in diesem Fall die Initiative ergriffen und sich zuerst überlegt, wie man ein Netzwerk aufbauen könnte, das potenzielle Partner an einen Tisch bringt: Im ecoplus-Lebensmittel-Cluster sind einerseits 2500 niederösterreichische Einzelhandelsunternehmen vertreten, die andererseits mit den 409 Mitgliedern im Kunsstoff-Cluster zusammenarbeiten könnten. Überdies gibt es EU-Programme wie die Förderschiene cornet, die genau solche Vorhaben unterstützt: Ein KMU äußert präzise Kundenwünsche, die Entwicklern aus der angewandten Forschung verraten, was gebraucht wird und was nicht.

Organisiert wurde das Vorhaben, den Bäcker in St. Pölten mit dem Verpackungsprofi in Tirol zusammenzubringen, denn auch in einem solchen cornet-Projekt: Im Juni 2009 begonnen und vorerst auf zwei Jahre angesetzt, soll mit der sogenannten Active and Intelligent Packaging Competence Platform zweierlei erreicht werden: Das Österreichische Forschungsinstitut für Chemie und Technik (Ofi) will in Pilotprojekten zuerst einmal klären, was überhaupt sinnvoll und machbar ist. Danach wird eine Datenbank für Lebensmittelhersteller aufgebaut, in der diese Forschungs- und Entwicklungspartner für ihre Vorhaben finden.

Reagieren auf Konsumenten

Einfache Zeit-/Temperaturindikatoren für die Überwachung der Kühlkette lassen sich bis dato in rund acht Varianten realisieren. "Am Ofi wird gerade eine Variante mit UV-Licht und eine mikrobilogische mit Gel getestet", erklärt die Verpackungstechnikerin Mareike Szelies. Beim ersten Verfahren kommt es zu einer Entladung und dadurch zu einer Verfärbung des Etiketts. Die chemische Reaktion des Gels entspricht jener eines Teststreifens für den pH-Wert.

Szelies sieht aber noch Schwierigkeiten für den Einsatz beim Konsumenten: Die Farbschemata der Indikatoren (in einigen Fällen nur Grauschattierungen) seien oft zu wenig aussagekräftig. Und für die Interpretation der optischen Information gäbe es noch keine einheitlichen EU-Normen.

Wertvoll sei für das Ofi auch der regelmäßige Austausch mit dem Fraunhofer-Institut, das das EU-weite Projekt für Deutschland koordiniert. Jedes beteiligte Mitgliedsland hat dabei einen Forschungsschwerpunkt - in Österreich sind es Frischeindikatoren, in Deutschland oder Slowenien aktive Verpackungen, also solche, die mit dem Füllgut aktiv in Wechselwirkung treten.

In genau diesem Umstand sieht Magdalena Geißberger, die Österreich-Koordinatorin von ecoplus, auch die Stärke des Projekts: "Ein KMU kommt auf kurzem Weg rasch zum Entwicklungspartner der nationalen Cluster, aber das Forschungsnetzwerk ist dabei freilich ein europäisches." (Sascha Aumüller/DER STANDARD, Printausgabe, 06.04.2011) 

=> Wissen: Sehr kooperativ


Wissen: Sehr kooperativ

Das nationale Netzwerk hinter einem KMU auf der Suche nach Forschungspartnern hat noch zwei weitere Ebenen: Das Forschungsinstitut für Chemie und Technik ist ein Institut der Austrian Cooperative Research (ACR). Die ACR realisiert jährlich 1200 kooperative Forschungsprojekte, fast 80 Prozent ihrer Kunden sind KMUs. Und hinter der ACR steht wiederum die Forschung Austria als Dachverband der außeruniversitären angewandten Forschung - mit einem Netz von rund 2500 Wissenschaftern und dem Infrastrukturministerium. (saum)

  • Intelligente Lebensmittelverpackungen wissen über den Zustand ihres Inhalts Bescheid und können dies auch mit geeigneten Mitteln kommunizieren.
    illustration: fatih aydogdu

    Intelligente Lebensmittelverpackungen wissen über den Zustand ihres Inhalts Bescheid und können dies auch mit geeigneten Mitteln kommunizieren.

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