"Schutzschicht aus den Tiefen der Meere"

5. April 2011, 20:14
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Im Meer findet Eva Prieschl-Grassauer Substanzen, aus denen sie Medikamente für die Behandlung von Schnupfen und Grippe entwickelt

Aus Rosskastanien will sie ein Allergiemittel entwickeln. Kurt de Swaaf fragte.

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Ob Salicylsäure, Digitalis oder Johanniskraut: Seit Jahrtausenden nutzen Menschen Pflanzen und ihre Wirkstoffe gegen vielerlei Krankheiten. Auf der Suche nach neuen Substanzen erforschen moderne Ethnobotaniker die Flora tropischer Urwälder und Gebirge, doch der Artenvielfalt der Ozeane wurde diesbezüglich erstaunlich wenig Aufmerksamkeit zuteil.

STANDARD: Ihre Firma entwickelt Medikamente auf Basis von Substanzen, die in Meeresorganismen gefunden werden. Ein Anti-Viren-Nasenspray mit Rotalgen-Wirkstoff ist bereits auf dem Markt. Wie funktioniert dieses Präparat?

Prieschl-Grassauer: Dieser Wirkstoff, Iota-Carrageen, lagert sich an Virenpartikeln an, hauptsächlich an respiratorischen Viren wie Schnupfen- oder Grippe-Erregern, und verhindert so deren Ausbreitung. Das Carrageen legt sich wie eine Schutzschicht über die Schleimhaut. Das ist eigentlich recht einfach, wenn man weiß, wie es funktioniert, und man muss erst mal darauf kommen. Der Wirkstoff kann zudem mit unterschiedlichen Präparaten wie zum Beispiel abschwellenden Mitteln kombiniert werden und eröffnet so vielfältige Anwendungen im Bereich Schnupfen- und Grippebekämpfung.

STANDARD: Was sind die Vorteile von Carrageen?

Prieschl-Grassauer: Bei Schnupfen gibt es noch gar keine spezifischen antiviralen Medikamente. Carrageen hilft gegen die Mehrzahl der Erkältungserreger. Der Patient und der Arzt wissen bei einer Infektion schließlich nicht, um welchen Virentyp es sich genau handelt. Gegen Grippemittel wie Oseltamivir können Viren resistent werden. Diese Gefahr ist bei Carrageen höchstwahrscheinlich nicht gegeben. Grippeimpfungen wiederum sind zwar wirksam und sinnvoll, aber es lassen sich nur zehn bis zwanzig Prozent der Bevölkerung impfen. Man braucht also ein Präparat für all die anderen Menschen, die von der Grippe betroffen sind. Ein weiterer Vorteil von Carrageen: Diese Medikamente können auch Kindern unter einem Jahr verabreicht werden. Die leiden bekanntlich besonders häufig unter Schnupfen.

STANDARD: Könnte Carrageen sogar helfen, eine gefährliche globale Grippewelle zu unterbinden?

Prieschl-Grassauer: Da bin ich vorsichtig. Man braucht größere klinische Studien. Wir haben den Wirkstoff zwar im Tiermodell erfolgreich gegen mehrere H1N1-Stämme getestet, doch zwischen einer Maus und einem Menschen gibt es einen Unterschied.

STANDARD: Wie kamen Sie auf die Idee, ausgerechnet eine Rotalge zur Virenbekämpfung zu nutzen?

Prieschl-Grassauer: Wir haben eine Reihe ähnlicher Wirkstoffe, alles Polysaccharide, getestet, und das Iota-Carrageen hat die breiteste und beste Wirksamkeit gezeigt. Es gab jedoch schon vorher Hinweise aus anderen Forschungsgruppen, dass solche Substanzen gegen andere Virentypen wirksam sein könnten.

STANDARD: Welche Funktion erfüllt das Carrageen in den Rotalgen?

Prieschl-Grassauer: Es ist eine Ersatzsubstanz für die bei höheren Pflanzengruppen vorkommende Zellulose und bildet ein Stützskelett, welches die Struktur der Alge intakt hält.

STANDARD: Könnte Carrageen auch gegen andere Krankheitserreger eingesetzt werden?

Prieschl-Grassauer: Für Erreger, die über die Haut oder Schleimhäute erreichbar sind: ja. Der Wirkstoff kann aber wegen seiner großen Moleküle nicht tiefer eindringen. Man testet den Einsatz von Carrageen auch in Vaginal-Gels zur Prävention von HIV-Infektionen. Diese Studien sind allerdings sehr kompliziert und sehr mühselig.

STANDARD: Woher stammen die Algen, die für die Produktion von Carrageen genutzt werden? Lassen sie sich eigentlich in großen Mengen züchten?

Prieschl-Grassauer: Es handelt sich um die Rotalgen-Arten Euchema spinosa und Chondrus crispus. Diese Seetang-Spezies werden bereits in Aqua-Farmen weltweit angebaut. Carrageen wird schließlich schon lange speziell von der Nahrungsmittelindustrie als Bindemittel eingesetzt. In Joghurt zum Beispiel.

STANDARD: Haben Sie bereits andere Meeresorganismen als potenzielle Wirkstofflieferanten im Auge?

Prieschl-Grassauer: Wir haben auch einen Kooperationsvertrag mit einer spanischen Biotechnologie-Firma, die Wirkstoffe aus der indopazifischen Meeresschnecke Elysia rufescens untersucht. Sie enthält eine Substanz mit dem hawaiianischen Namen Kahalalide, ein Peptid, welches in der Krebsforschung verwendet wird.

STANDARD: Sie arbeiten auch an der Entwicklung eines Allergiemittels auf pflanzlicher Basis. Worum handelt es sich dabei?

Prieschl-Grassauer: Um Escin, einen Wirkstoff aus der Rosskastanie, dessen antiallergische Wirksamkeit wir entdeckt haben. Wir testen es für den Einsatz gegen die typische Klasse-I-Allergien wie Heuschnupfen oder allergisches Asthma. Escin hemmt die Aktivität der sogenannten Mastzellen, die für das Auslösen von allergischen Reaktionen verantwortlich sind. Die klinische Entwicklung entsprechender Medikamente wird aber noch mindestens fünf Jahre dauern. (DER STANDARD, Printausgabe, 06.04.2011)

=> Wissen: Geld für Life-Sciences


Wissen: Geld für Life-Sciences

Die Pharmafirma Marinomed, die marine Lebensformen erforscht, um neue Medikamente zu entwickelt, ist ein etabliertes Wiener Unternehmen im Bereich Life-Sciences - einem Forschungsschwerpunkt in der Bundeshauptstadt, in dem es immer wieder Fördermittel durch die öffentliche Hand gibt, unter anderem von der Wiener Technologieagentur ZIT. Noch bis zum 16. Juni (24 Uhr) läuft die aktuelle Ausschreibung mit einem Volumen von zwei Millionen Euro. Die besten Forschungs- und Entwicklungsprojekte werden dabei mit maximal 750.000 Euro gefördert. Zusätzlich gibt es ein Beratungsangebot der Lisa Vienna Region.

Juryvorsitzender ist der klinische Pharmakologe Markus Müller, Leiter des Bereichs Forschungssupport an der Medizinischen Universität Wien. Einreichungen sind online unter cockpit.zit.co.at möglich. (red)

Eva Prieschl-Grassauer wurde 1968 in Linz geboren und studierte an der Uni Wien Biologie, Studienzweig Genetik. Ihr Forschungsinteresse gilt dem Immunsystem und der Entstehung von Allergien. Für ihre Studien erhielt die Wissenschafterin 1999 den Clemens-von-Pirquet-Preis der Österreichischen Gesellschaft für Allergologie und Immunologie. 2006 gründete sie mit ihrem Ehemann und zwei weiteren Experten die Firma Marinomed. Im Dezember 2007 wurde sie durch die Initiative Femtech des Verkehrsministeriums ausgezeichnet.

Links

  • Blick auf Wirkstofflieferanten: Eva Prieschl-Grassauer denkt auch über Krebsmedikamente aus einer Meeresschnecke nach.
    foto: standard/heribert corn

    Blick auf Wirkstofflieferanten: Eva Prieschl-Grassauer denkt auch über Krebsmedikamente aus einer Meeresschnecke nach.

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