Nach Japan-Beben schwingt die Erde wie eine Glocke

5. April 2011, 20:06
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Das Conrad-Observatorium in Niederösterreich ist das wichtigste Instrument heimischer Geophysik-Forschung

Die Sonne hat ihren Elf-Jahres-Zyklus fast beendet. 2013 vollzieht das Magnetfeld unseres Zentralgestirns wieder einen Polsprung, der magnetische Südpol wird zum Nordpol und umgekehrt. Magnetische Sonnenstürme können zu dieser Zeit Telekommunikation und Navigation auf der Erde beeinflussen. Polarlichter werden sich weiter im Süden als üblich zeigen, vielleicht sogar in Österreich.

Der Trafelberg südwestlich von Wien in Niederösterreich wird vorbereitet sein. Denn bis 2012 soll dort am Conrad-Observatorium der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) die Geomagnetik-Forschung anlaufen. In einem neuen, einen Kilometer langen Tunnel soll neben dem Weltraumwetter und magnetischen Stürmen vor allem das sich ständig verändernde Magnetfeld der Erde erforscht werden. Die Luftfahrt benötigt aktualisierte magnetische Karten, und man versucht, Zusammenhänge zwischen Erdbeben und Erdmagnetfeld zu finden. Die Messfähigkeit des bisherigen geomagnetischen Observatoriums am Wiener Cobenzl ist durch die Nähe zur Stadt und ihrer Elektrifizierung beschränkt. Ebenfalls neu ist eine Infrasound-Testanlage. Ein internationales Netzwerk solcher Einrichtungen überwacht die Erde auf Anzeichen illegaler Atomtests, die in einem tieffrequenten Bereich noch aus 5000 Kilometer Entfernung gemessen werden können.

Seit am 11. März das große Beben in Japan die Messgeräte übersteuern ließ und selbst in Österreich Erdbewegungen im Millimeterbereich statt üblicherweise in Nanometer-Größen aufgezeichnet wurden, ist besonders die seismologische Messstation des Observatoriums ins öffentliche Interesse geraten. Wissenschaftsministerin Beatrix Karl war im März zweimal vor Ort, so oft besuchen sonst gerade einmal die Forscher selbst die nicht permanent besetzte Anlage. Am Ende des 150 Meter langen Barbarastollens, der bereits 2002 eröffnet wurde, zeichnet ein hochempfindlicher Seismometer ungestört von Zugsverkehr, Temperaturschwankungen (konstante 7,9 Grad) oder anderen Einflüssen Bewegungen der Erdkruste auf. Gemeinsam mit 14 weiteren Messstationen im Land, die eine genaue Lokalisation ermöglichen, registrierte der Erdbebendienst der ZAMG in Österreich vergangenes Jahr 306 tektonische Beben und 480 Sprengungen. Das letzte von Menschen wahrgenommene Beben in Österreich fand am Tag nach der Katastrophe in Japan statt: Am 12. März bebte die Erde bei Mittersill in Salzburg. Die Stärke lag bei 3,5 nach Richter.

2010 wurden mithilfe der Messstation insgesamt 5039 weltweite seismische Ereignisse ausgewertet. Da jede Erschütterung am Seismogramm ablesbar ist (sogar gemeinsames Springen im Tunnel), müssen Beben von anderen Ereignissen wie Sprengungen oder Bergschlag erst unterschieden werden. Zudem gibt es eine Art "seismisches Hintergrundrauschen", langperiodische, aber messbare Bodenwellen, die von Luftdruckschwankungen über dem Atlantik ausgehen.

Das Gravimeter in einem Raum neben dem Stollen verrät, dass die Erde durch das Beben in Japan "wie eine Glocke" in Schwingungen versetzt wurde, die noch Wochen andauern. Das Gerät misst die Auswirkungen der Gravitation von Mond, Sonne und Planeten auf der Erde. Der Mond verantwortet nicht nur Ebbe und Flut, auch fester Boden hebt sich um bis zu 50 Zentimeter. Neben der Messung von geophysikalischen Phänomenen dient das Conrad-Observatorium als Test- und Forschungseinrichtung. Neue Messsysteme werden hier getestet, kalibriert und verglichen. Immer wieder sind auch internationale Forscherteams zu Gast. (Alois Pumhösel/DER STANDARD, Printausgabe, 06.04.2011)

 

  • Am Ende des Tunnels wird genau gemessen.
    foto: anna rauchenberger

    Am Ende des Tunnels wird genau gemessen.

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