Gesundheit der Kinder ist Politik nicht viel wert

5. April 2011, 19:56
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Die Initiative Politische Kindermedizin kämpft für mehr Ressourcen - umsonst

Kinder haben keine Lobby, das wirkt sich in Zeiten von Budgetkürzungen gravierend aus. Vor allem, was die Forschung betrifft. So ist es ein offenes Geheimnis, dass es kaum gesicherte Daten gibt, was Medikamentendosierungen für Kinder betrifft, selten werden Arzneimittel spezifisch für Kinder entwickelt, und so sind Ärzte auf die sogenannte Off-Label-Nutzung angewiesen, eine entsprechende Studie von Ruth Ladenstein vom St. Anna Kinderspital fasst die Problematik zusammen. Was das in der Praxis bedeutet? Medikamente für Erwachsene werden mangels Alternativen in der Kinderheilkunde eingesetzt, ohne dass vorher entsprechende Studien gemacht worden wären.

Die Plattform Politische Kindermedizin macht seit Jahren auf diesen Missstand aufmerksam. "Es ist nur einer von vielen Punkten, in denen wir eine krasse Unterversorgung von Kindern in Österreich orten", sagt Lilly Damm, Mitinitiatorin und Public-Health-Expertin. Die gröbsten Schwachstellen im System: eklatanter Mangel in der entwicklungsneurologischen und psychosozialen Versorgung, Fehlen von Rehab-Einrichtungen, keine abgestimmten Konzepte für Referenzzentren und Schwerpunktambulanzen für Kinder mit speziellen Defiziten.

Nur Lippenbekenntnisse 

Die Plattform für Kindermedizin fordert seit Jahren, einen Unterausschuss für diese Belange im Parlament einzurichten - und fühlt sich seit Jahren abgespeist. Vor einem Jahr wurde stattdessen der Kinder- und Jugenddialog ins Leben gerufen. "Ein reines Feigenblatt, auf das Politiker verweisen, um keine Entscheidungen treffen zu müssen", sagt Damm, die dieses Forum nicht umfassend genug und zu wenig transparent findet. In Debatten um Kindergesundheit bringen Oppositionsparteien Vorschläge zu Verbesserungen ein, die von ÖVP und SPÖ dann gemeinsam abgelehnt werden, das sei Realität.

Eine andere, gut erprobte Taktik der Gesundheitspolitik: Verantwortung für die Verbesserung der Kindergesundheit wird zwischen Ministerien, Bund und Ländern hin- und hergeschoben, "nicht einmal der Gesundheitsminister hat mehr als schöne Worte für Kinder übrig. Wenn es um Entscheidungen geht, stimmt man vereint gegen das Wohl der Kinder", so Damm. Was konkret bedeutet: Zwischen 40.000 und 80.000 Kinder mit Entwicklungsverzögerungen bekommen die Therapie nicht, die langfristige Gesundheit fördern und dem Staat zukünftig viel Geld ersparen würde. (Karin Pollack/DER STANDARD, Printausgabe, 06.04.2011)

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