Bigottes FDP-Bashing

5. April 2011, 19:24
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Deutschlands journalistische Denker und ihre gestörte Beziehung zum Liberalismus - Von Alexander Gutzmer

Feixen gehört zum Handwerk des soliden Feuilletonisten. Das Erste, was er sich antrainiert, ist dieser Ton süffisanter Schlaubergerei, der andeutet, man habe eigentlich die Erklärung für alle offenen Fragen, sei nur grad zu gelangweilt, diese zu artikulieren.

Ein Lieblingsobjekt feuilletonistischen Spottes war schon immer die FDP. Zu 15-Prozent-Zeiten amüsierte man sich über deren Hang zur substanzlosen Show. Heute zelebriert man begeistert ihren Niedergang. Und weil der Feuilletonist der Experte für den weiten Blick ist, verquickt er damit gleich die Frage, ob nun endgültig auch jeder Liberalismus in Deutschland den Bach runtergehe.

Allerdings frage ich mich, weshalb eigentlich nicht mehr intellektuelle Strahlkraft von einer Idee ausgeht, die in abstrakterer Form die Paradedisziplin des Feuilletonisten ist. Dieser hält sich ja für einen großen Freigeist, einen Kämpfer für die Kreativität des Individuums (vor allem, versteht sich, des Feuilletonisten). Für einen, der als starke Persönlichkeit bahnbrechende Meinungen vertritt und im Zweifel lieber gegen den Strom schwimmt.

Merken Sie etwas? Genau: Was die Wahrnehmung der FDP anbelangt, machen Deutschlands journalistische Denker das gar nicht. Vielmehr schwimmen sie auf einer Luftmatratze bräsig mit im Fluss der öffentlichen Meinung. Sie plappern mit im allgemeinen FDP-Bashing und beschränken sich auf punktuelle Sympathie mit leicht zu goutierenden Schmalspurliberalitäten (Bürgerinitiativen, Datenschutzfragen).

Es ist bigott, wenn Deutschlands Intellektuelle schreiben, der Liberalismus habe in Deutschland keine Grundlage. Denn sie selber könnten diese Grundlage ja schaffen. Aber sie haben sich nie eingelassen auf den Liberalismus als Idee. Es ist ja auch anstrengend, immer wieder durchzudeklinieren, wie sich Individualität leben lässt in einer Zeit, in der die Globalisierung die Menschen verunsichert und die Philosophie den Tod des Subjektes längst beschlossen hat. Vor allem ist es unbequem, gegen Mehrheitsmeinungen eine Partei zu verteidigen, die der Durchschnittsbürger ohne großen Begründungszwang als Witzveranstaltung abgestempelt hat. Wie viel leichter ist da der geübte feuilletonistische Lästerreflex.

Für Deutschlands politische Intellektuelle war die FDP immer igitt; gefühlt 90 Prozent sympathisieren ohnehin schon immer mit Grün-Rot, ein paar Versprengte neigen dem Konservatismus zu. Fast zwangsläufig führte das zu jener Inhalte- und Prinzipienarmut, durch die die Partei nun so unschön ins Trudeln gerät. Aber: Das macht den Grundansatz, nach Möglichkeiten zur Stärkung des Individuums in all seinen Widersprüchlichkeiten zu suchen, nicht falsch. Ich glaube auch nach wie vor, dass das eine institutionelle Verankerung in einer Partei braucht - und die Grünen sind dies nicht, aller gefühlten Öko-Bürgerlichkeit zum Trotz.

Aber wenn Deutschlands Intellektuelle nun, wie etwa Claudius Seidl in der FAS, bejammern, dass der Liberalismus in Deutschland keine Basis habe, so nimmt man ihnen das nicht ab. Denn sie haben selbst dran Schuld. (Alexander Gutzmer, STANDARD-Printausgabe, 06.04.2011)

Alexander Gutzmer (36), Wirtschaftsjournalist und Medienwissenschafter, lebt in Berlin.

  • Alexander Gutzmer: Individualität hat keine intellektuelle Lobby.

    Alexander Gutzmer: Individualität hat keine intellektuelle Lobby.

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