"Es fehlen die traditionellen Heldengeschichten"

5. April 2011, 19:15
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Mit ihrem aktuellen Buch liefert die Britin Patricia Fara neue Blickwinkel auf 4000 Jahre Wissenschaft

Mit Oliver Hochadel sprach sie über das "big picture problem", babylonische Astronomie und Newtons Alchimie.

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STANDARD: Ihr Buch ist nicht zuletzt eine Geschichte derjenigen, die in den gängigen Überblicken überhaupt nicht vorkommen. Wie war da Ihr Ansatz?

Fara: Ja, es geht etwa um Frauen, deren Beitrag oft unter den Tisch fällt. Aber es geht auch um Laborhelfer und Amateurwissenschafter, um Sammler und Instrumentenmacher, um Mäzene und Popularisierer, die im komplexen Prozess der Forschung eine wichtige Rolle spielten. Und es geht um den enormen Beitrag nichtwestlicher Kulturen zur Wissenschaft.

STANDARD: Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, ein Buch über 4000 Jahre Wissenschaft zu schreiben?

Fara: Die Wissenschaftsgeschichte hat sich in den letzten Jahrzehnten stark professionalisiert, aber sie fokussiert fast ausschließlich auf Fallstudien. Bei all der Schärfe im Detail fehlt ein Gesamtüberblick, wir nennen das das "big picture problem". Den wollte ich nun liefern.

STANDARD: Wie schafft man es, vier Jahrtausende inhaltlich zu meistern?

Fara: Für die Zeit vom 17. bis zum 19. Jahrhundert fühlte ich mich sicher, denn das muss ich in Cambridge auch unterrichten. Für die Zeit davor, insbesondere für die islamische Wissenschaft wie auch für das 20. Jahrhundert benötigte ich Hilfe. Aber dafür ist Cambridge ein idealer Ort, denn dort gibt es Spezialisten für alles. In gewissem Sinne ist das Buch also ein Gemeinschaftswerk. Eine Bekannte hat mir beigebracht, wie man Lehmtafeln herstellt - Lehmtafeln sind die entscheidende Quelle zum Verständnis der babylonischen Wissenschaft.

STANDARD: Ihre Geschichte beginnt in Babylon. Ist das nicht ein wenig willkürlich?

Fara: Natürlich ist jeder Anfang willkürlich. Aber die babylonische Astronomie wirkt bis heute. Von ihr haben wir etwa die Sieben-Tage-Woche, die sechzig Minuten pro Stunde und das 360-Grad-Winkelmaß.

STANDARD: Das Buch ist in sieben Hauptkapitel unterteilt, die sich wiederum in je sieben Unterkapitel gliedern. Glauben Sie an die Magie der Zahlen?

Fara: Nein, aber die Zahl sieben spielt in vielen Kulturen eine wichtige Rolle, und so spiele ich darauf an, dass Magie, Religion und Wissenschaft dieselben Wurzeln haben. Die Aufteilung ist willkürlich, damit möchte ich Periodisierungen unterlaufen.

STANDARD: Wie war das Feedback von Wissenschaftern?

Fara: Die Rezensionen sind ganz überwiegend positiv ausgefallen. Zwar heißt es, Fara hätte dies weglassen und stattdessen jenes einfügen sollen, aber: Sie hat es gewagt! Die Kollegen aus der Wissenschaftsgeschichte sind froh, dass jemand aus der eigenen Disziplin diesen großen Bogen geschlagen hat. Viele Naturwissenschafter hingegen mögen das Buch überhaupt nicht, denn es fehlen die traditionellen Heldengeschichten.

STANDARD: Der größte Bestseller in der Wissenschaftsgeschichte wurde 1995 von einer Fachfremden publiziert. Dava Sobel verkaufte Millionen ihres Buchs "Längengrad".

Fara: Wir Wissenschaftshistoriker mögen dieses Buch nicht. Es handelt von einem einfachen englischen Uhrmacher, der angeblich allein das größte wissenschaftliche Problem seiner Zeit löste. Das sind die alten Heldengeschichten in neuem Gewand. Die Kontextgebundenheit von Forschung geht verloren. Das Problem ist: Auch Verlage mögen Helden, weil sich solche Bücher besser verkaufen. Ich wollte einmal ein Buch darüber schreiben, wie die Royal Society um 1800 begann, die britische Wissenschaftspolitik maßgeblich zu beeinflussen. Nicht gerade ein sexy Thema. Also schlug ich dem Verlag den Titel Sex, Botany and Empire vor, und der war gleich begeistert.

STANDARD: Ihr Antiheldentum in Ehren - aber besteht da nicht eigentlich die Gefahr, ins andere Extrem zu fallen?

Fara: Ja, die besteht. In einer Lehrveranstaltung über die Wissenschaft im 18. Jahrhundert ist es mir einmal sogar passiert, dass ich ein Semester lang kein Wort über Isaac Newton verlor! Das geht natürlich auch nicht. Gerade Studierende brauchen auch Wegweiser, und dazu gehören selbstverständlich große Namen.

STANDARD: Wo steht die Wissenschaftsgeschichte heute?

Fara: Wir Wissenschaftshistoriker haben viel von anderen Disziplinen gelernt. Umgekehrt ist das leider allenfalls ansatzweise geschehen. Viele Menschen sind immer noch regelrecht schockiert, wenn sie erfahren, dass Isaac Newton Alchimie und intensive Bibelexegese betrieben hat. Das ist an sich seit Jahrzehnten bekannt, aber das Bild des genialen und durch und durch modernen Wissenschafters Newton ist nur schwer zu erschüttern.

STANDARD: Wie schaffen Sie es, so produktiv zu sein?

Fara: Ich habe eine besondere Position in Cambridge. Ich unterrichte zwar am Department für Wissenschaftsgeschichte, angestellt bin ich aber am Clare College, wo ich unter anderem für die Betreuung der Studierenden verantwortlich bin. Deswegen bin ich nicht zur Forschung verpflichtet und kann Bücher schreiben, die auf eine breitere Öffentlichkeit zielen. (DER STANDARD, Printausgabe, 06.04.2011)

 

Patricia Fara (62) studierte Physik in Oxford, produzierte dann fast zwei Jahrzehnte lang Unterrichtsmaterialien für Computer und wandte sich erst Ende der 1980er-Jahre der Wissenschaftsgeschichte zu. 1993 promovierte sie am University College London und hat mittlerweile ein halbes Dutzend populärwissenschaftliche Bücher geschrieben. Das Buch "Science. A four thousand year history" entwickelte sich zu einem kleinen Bestseller. Übersetzungen in neun Sprachen sind erschienen bzw. im Erscheinen begriffen. Auf Deutsch wurde es Ende letzten Jahres publiziert: "4000 Jahre Wissenschaft" (Spektrum Akademischer Verlag, 452 S., € 41,10).

  • Die Historikerin Patricia Fara wagt in ihrem Buch, die Überlegenheit Europas in der Wissenschaftsgeschichte infrage zu stellen - und zeigt eine Weltkarte von 1979, die Australien im Zentrum zeigt.
    grafik: karin gsöllpointner

    Die Historikerin Patricia Fara wagt in ihrem Buch, die Überlegenheit Europas in der Wissenschaftsgeschichte infrage zu stellen - und zeigt eine Weltkarte von 1979, die Australien im Zentrum zeigt.

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