Naturwissenschaft im Habsburgerreich

5. April 2011, 19:08
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Wie Wissenschaft im Vielvölkerstaat nationalisiert wurde

Das Erinnern an die k. u. k. Monarchie schwankt beständig zwischen "guter alter Zeit" und explosivem Vielvölkerreich. Man denkt an Mahlers Musik und Klimts Kunst, aber wohl eher nicht an Machs Mechanik, Boltzmanns Gleichung oder Mendels Genetik.

Mit moderner Forschung assoziiert man das Habsburgerreich am allerwenigsten. Angeblich glaubte ja Kaiser Franz Joseph noch Mitte des 19. Jahrhunderts an die Möglichkeit, Gold zu machen. In der Wissenschaftsgeschichte ist dieses Klischee von der vermeintlichen Rückständigkeit längst widerlegt. Nur: Wie funktionierte die Wissenschaft in einer Zeit in der aus einem multiethnischen ein multinationaler Staat wurde?

Der Wissenschaftshistoriker Mitchell Ash von der Universität Wien forscht gemeinsam mit Kollegen aus Österreich, Tschechien, Ungarn, Kroatien und Polen schon seit Jahren über das Verhältnis von Naturwissenschaft und Nationenbildung im Habsburgerreich.

Ja aber ist denn Wissenschaft nicht per se international? Hier ist Vorsicht geboten, denn Internationalität war immer auch Teil der Rhetorik der Naturwissenschaften.

Wissenschafter aus Zentral- und Osteuropa befanden sich oft in einem Dilemma. Sollte man in einer regionalen Sprache publizieren und Gefahr laufen, übersehen zu werden? Polnischen Linguisten etwa ging es nicht nur darum, die eigene Sprache zu kodifizieren, sondern diese auch mit entsprechender naturwissenschaftlicher Terminologie zu versorgen - um so auf dem internationalen Parkett mitreden zu können, wie der Wissenschaftshistoriker Jan Surman zeigen konnte. Nationalisierung und Internationalisierung gingen also Hand in Hand. Konflikte, in welcher Sprache an k. k.-Universitäten unterrichtet werden sollte, waren Ende des 19. Jahrhunderts häufig. In einem extremen Fall führte dies 1882 zur Aufspaltung in eine deutsche und eine tschechische Universität in Prag.

Wissenschaft war eine Ressource, um das eigene Nationalbewusstsein zu stärken, sie wurde aber auch im umgekehrten Sinne vom Zentrum aus eingesetzt, um die Habsburgermonarchie zu stärken. Hier spielte etwa die Geologie eine wichtige Rolle. Vorhandenes Wissen wurde vereinheitlicht, das Reich in seiner Diversität als solches erstmals auf Karten sichtbar gemacht, wie die Wissenschaftshistorikerin Marianne Klemun darlegt. Nächstes Jahr sollen die Ergebnisse der Forschergruppe rund um Ash in einem Sammelband mit dem Titel The Nationalization of Scientific Knowledge in 19th-century Central Europe publiziert werden. (oh/DER STANDARD, Printausgabe, 06.04.2011)

 

  • Mitchell Ash forscht zum Wissen im 19. Jahrhundert.
    foto: standard/heribert corn

    Mitchell Ash forscht zum Wissen im 19. Jahrhundert.

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