Analyse

Einsatz mit handfesten Interessen

Stefan Brändle aus Paris, 5. April 2011, 18:29

Frankreich ergreift mit seiner Militärintervention entgegen seinen Prinzipien Partei

Zum zweiten Mal binnen weniger Tage betätigt sich Nicolas Sarkozy als Feldherr: Nach dem Luftangriff auf libysche Ziele gerät nun der abgewählte, aber im Amt verharrende Präsident von Côte d'Ivoire, Laurent Gbagbo, unter Beschuss französischer Raketen. So begründet das Engagement in der libyschen Rebellenstadt Bengasi offenbar war, um ein Massaker an Zivilisten zu verhindern, so fragwürdig ist der französische Auftritt in Abidjan. Er hat zwar den Segen der Uno (siehe Wissen unten), und dass die unbedarften Blauhelme die ortskundigen und bis an die Zähne bewaffneten Fremdenlegionäre des französischen Truppenstützpunktes in Abidjan zu Hilfe riefen, lässt sich nachvollziehen.

Aber man darf sich fragen, ob Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon Sarkozy wirklich herbeirief - oder ob der französische Präsident nicht eher Ban überredete. Eines ist unbestreitbar: Frankreich verfolgt in seiner Ex-Kolonie handfeste Eigeninteressen (geo)politischer und ökonomischer Natur. Die 12.000 Franzosen in Côte d'Ivoire beherrschen nach wie vor das Kakaogeschäft, das Gbagbo vor wenigen Wochen verstaatlichen wollte; Abidjan ist die wichtigste französische Militärgarnison in Westafrika.

Sarkozy steht zudem klar auf der Seite des demokratisch gewählten Gbagbo-Herausforderers Alassane Ouattara, den er vor gut 20 Jahren - als damaliger Bürgermeister des Pariser Nobelvorortes Neuilly-sur-Seine - persönlich mit einer Französin verheiratet hatte. Frankreich ist deshalb nicht nur (militärischer) Richter, sondern auch Partei: Die Exkolonialmacht bezieht klar Stellung in dem ivorischen Präsidentenduell, das starke ethnisch-regionale Züge trägt: Gbago wurde von den christlich-animistischen Stammesvertretern im Landessüden - vor allem auch in Abidjan - gewählt, Ouattara von den Muslimen im Norden.

Sarkozys Parteinahme ist deshalb bedenklich, weil er das Abseitsstehen Frankreichs während der Jasmin-Revolution in Tunesien selbst mit den Worten begründet hatte: "Eine Kolonialmacht ist immer illegitim, wenn sie ein Urteil über die inneren Angelegenheiten einer ehemaligen Kolonie abgibt." Im Fall Côte d'Ivoire, dem eigenen geopolitischen Hinterhof, hat der französische Staatschef diese Zurückhaltung bereits vergessen. Zumal ein Militäreinsatz noch schwerer wiegt als ein bloßes "Urteil".

Und das gilt über Westafrika hinaus. Die beiden jüngsten westlichen Truppeneinsätze könnten auch eine fatale Wirkung auf die arabischen Revolutionen haben: Wie in Tripolis wird nun auch in Abidjan klar, dass die besonders hartnäckig an ihrer Macht klebenden Despoten sich nur mit militärischer Fremdeinwirkung vertreiben lassen.

Diese "Hilfe" beeinträchtigt letztlich auch die Volksaufstände von Jemen bis Syrien. Trotz aller Uno-Resolutionen, die nun bemüht werden, bestätigt sich einmal mehr das alte völkerrechtliche Gesetz: Politische oder gar militärische Einsätze der internationalen Gemeinschaft, genauer des Westens, sind nur dann wirklich legitim, wenn sie im Dienst der Sache erfolgen - nicht auch zugunsten eigener Interessen. (Stefan Brändle aus Paris, STANDARD-Printausgabe, 06.04.2011)


Wissen: Schutz mit allen Mitteln

Der Beschluss zum Einsatz der Uno-Blauhelme stützt sich nach Angaben des Uno-Sekretariats auf die UN-Resolution 1975, die der Sicherheitsrat verabschiedet hat. In dieser Resolution beschlossen die Staaten Ende März Sanktionen gegen Gbagbo und seine Vertrauten und forderten die UN-Truppen im Land zum Schutz der Zivilisten auf. Knackpunkt ist die Formulierung, diesen Schutz "mit allen notwendigen Mitteln" zu gewährleisten, militärische Mittel sind also nicht ausgeschlossen.

Das ist eine Formulierung, die sich auch in der Resolution findet, mit der der Sicherheitsrat den Einsatz in Libyen beschlossen hat. Der Schutz von Zivilisten ist auch dort laut Text mit allen notwendigen Mitteln zu gewährleisten. Experten sind sich uneinig, wie weit Mitglieder der Staatengemeinschaft mit einer solchen Vollmacht gehen können. An Luftangriffen auf Grundlage dieser Formulierung gab es bereits heftige Kritik. (red)

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Enrico Furioso
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Am europäischen Wesen wird Afrika genesen ...

Wir erleben, anders gekleidet, aber doch, die Wiederkehr dessen, was einst Kipling im Gedicht "The White Man's Burden" feierte:

"Nehmt euch des weißen Mannes Bürde -
Schickt die besten, die Ihr erzieht, hinaus !
Laßt sie schwer bewaffnet wachen
Über Menge, wankelhaft und wild -
Eure frisch eingefangenen Völkerschaften,
die halb Kinder und halb Teufel sind."

Der Doktor
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no, na!

jetzt lassen wir mal die kirche im dorf. ja, frankreich hat handfeste interessen. es unterstützt aber immerhin den legitimen präsidenten, der noch dazu aus dem muslimischen norden kommt. eines ist mal ganz klar: die elfenbeinküste ist der größte kakaoexporteur der welt, WEIL dieses geschäft noch in den händen der franzosen liegt. sonst wär doch alles längst verkommen. die eu sollte endlich diesen kolonialismus-komplex ablegen, sonst gehen wir gg. chinesen, amis und russen komplett unter. der ex-bp köhler hat den nagel auf den kopf getroffen: wir müssen endlich zugeben, dass militärische aktionen auch unseren wirtschaftlichen zielen dienen können. wer das nicht sieht - weiß nicht wie die welt funktioniert. blauaugen!

RichardRoe
00

Der 'legitime' Präsident hat schweren Erklärungsbedarf wie sein 54%-Wahlsieg zustande gekommen ist und er lehnte bisher jede Untersuchung dazu ab. In ca 2000 der 22.000 Wahllokale wählten mehr Menschen als dort als Wähler registriert waren. Es gibt eine Menge anderer Einwände, man kann sie hier
http://souverainete-africaine.com/?p=471
nachlesen. Dieser legitime Präsident hat aber einen schönen Vorteil: ein gewisser Sarkozy war sein Trauzeuge. Alles klar?

Peter W1
 
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Ah, die verbrecherischen Kolonialmächte zerstören nicht Länder und entwurzeln ihre Bevölkerung. Und die Wilden können eh nix.

Du bist doch einfach das allerletzte.

Dr. Ehrlich
00
Die Franzosen bekämpfen den Machthaber, den sie

selbst in das AMt gehievt haben, na toll!

Peter W1
 
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Den Artikel nicht gelesen? Der wollte die Kakaoplantagen der Bevölkerung zurückgeben. Keine Kolonailmacht der Welt gibt ihr geraubtes Gut kampflos zurück. Das war sein Todsurteil.

Fritz Wunderlich
00
10.4.2011, 20:38

sie verwechseln kakaogeschäft mit kakaoplantagen

wobei die privatisierung der infrastruktur ein etwas krisensicheres geschäft für französische konzerne war und ist, als der weltmarkt für kakao

Dr. Ehrlich
00
na, dann gbagbos geschichte nicht gelesen.

lernens die geschichte und postens dann neuerlich. mal schauen ob sie dann immer noch der fan gagbos sind...

Peter W1
 
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Das ist so immens nervig bei Diskussionen mit durch Propaganda manipulierten losern. Ich geb einen Dreck auf den Gbagbo.

Fakt ist aber, das er ein nicht annähernd so grosser Verbrecher wie Ouattara. Der hat 1000 Menschen letzte Woche ermorden lassen (alles von IRK und Caritas bestätigt). Der hat bei seiner Wahl mehr Stimmen in Bezirken abgeben lassen als dort Menschen wohnen.

Und jetzt überleg mal warum die Kolonialmacht Frankreich will das der letzte Verbrecher verschwindent und keine Problem mit einem Massenmörder als neuen Staatsführer hat. Alleine weil der letzte Verbrecher die natürlichen Ressourcen des Landes der Kolonialmacht entreisse wollte und daher die Kakaoplantagen der Bevölkerung zurückgeben wollte. Das war sein Fehler.

Molly, Hugh Everetts Katze
00
Das ist so immens nervig bei Diskussionen mit durch Propaganda manipulierten losern.

Danke! Schließe mich an.

Blumfeld - Diktatur der Angepassten
http://www.youtube.com/watch?v=339kTjna73I

Dr. Ehrlich
00
Das ist so immens nervig bei Diskussionen mit durch Propaganda manipulierten linken losern.

Stimmt.

Darum gehts mirt auch nicht. Gbagbo hätte 2005 abtreten sollen, oder? Gut, hoffentlich da einer Meinung.

Frankreich manipuliert weiter und setzt einen neuen "bequemen" Präsidenten ein, anstatt das Land sich selbst bestimnmen zu lassen.

Midway
00

...und täglich grüßt das murmeltier...

Molly, Hugh Everetts Katze
01

So viel zu den Usern, die eine skeptische Würdigung dieser Vorgänge aggressiv und pauschal als "Verschwörungstheorie" bezeichneten....

"A Perfect Circle" wünschen einen guten Morgen mit "Pet":
http://www.youtube.com/watch?v=lrEP3RPgEao

A. Hundsamer
00
Pest wird hier mit Cholera ausgetrieben.

Peter W1
 
10

Jetzt ist der Konflikt endlich klar: Ein Präsident wollte das gestohlene Eigentum der Kolonialmacht verstaatlichen.

Eigenartig ... da reagieren die mit Militär darauf und schauen trotz ihrer Menschlichkeit zu wenn 1000 Menschen, wie vom IRK und der Caritas bestätigt, von den Soldaten der Marionette der Kolonialmächte ermordet werden.

Ich glaub sowas gabs noch nie im Laufe der Geschichte. Kosteten ja nicht auch schon Allente die Verstaatlichungspläne sein Leben mittels CIA gesteuerten Putsches.

entenfutallesgut
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Haben wir schon den Tschad, vor 2-3 Jahren, vergessen ?

Damals, als unsere Bundesheer-Freiwilligen Zivilsiten-Schutztruppe an der Grenze zum Sudan stand

da unternahmen die Völker des Tschad - vereint wie nie zuvor, sogar Ex-Minister und Angehörige des Stammes des Diktators Déby - den beherzten Versuch, selbigen Diktator zu stürzen

Dieser hatte die UNO, die Weltbank, und sein eigenes Land nach Strich und Faden betrogen - das Geld nicht wie versprochen ins Land investiert, sondern dem Sohn Hubschrauber gekauft, usw

Die Rebellen kamen bis zum Präsidentenpalast, dann wurden sie von den franz. Legionären über den Haufen geschossen

In allen Städten und Dörfern, die die Rebellen unterstützt hatten, gab es Strafexpeditionen (Massenmord, Massenvergewaltigung)

Sarkozy spielt sehr wohl immer mit.

salman
 
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Ggagbo ist kaum besser als Outtara. Er ist ja ebenso ein Günstling Frankreichs.

Auch wenn wir es ebenso wie die Einheimischen nicht gerne hören, aber letztlich leidet Afrika immer noch an den Postkolonialistischen Strukturen, die aus den kolonialistischen Strukturen erwachsen sind: Grenzziehung, Aufoktroierung republikanischer Systeme (ob Demokratie, Demokratur oder Diktatur), Ausbeutung der Ressourcen, Elitebildung in der Kolonialzeit u. a.

Besonders Frankreich hält diese kolonialen Strukturen unverhohlen aufrecht.

Peter W1
 
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Er wollte verstaatlichen und damit den Raubbau an den nationalen Ressourcen stoppen. Damit hat er sein Todesurteil unterschrieben. Egal was er vorher gemacht hat. Aber die uneingeschränkte Kontrolle über die Ressourcen eines Landes darf nur die besetzende Kolonialmacht haben.

Aimé
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Gbagbo ist kein günstling franckreichs, sonst würde es zu dem nicht kommen... er kämpft seit 1990 für die richtige unabhängigkeit des landes... ist 3 mal von ouattara in den letzten 20 jahren für seine opposition eingesperrt worden... ouattara ist seit 1990 die marionette franckreichs, von francois mitterand geholt... er kommt aus burkina faso u hats gbagbo zu verdanken, dass er die elfenbeinküstische staatsbürgerschaft zu kandidieren erhalten hat...

Vincent_Vega
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Ansatzweiser guter artikel,

selbst wenn er die machenschaften frankreichs und seinem handlanger outarras geradezu verharmlost...

bin ja schon froh überhaupt irgendwas kritisches über diesen konflikt zu lesen...

Annapurna
84
Wenn das Neokolonialismus ist...

...dann bin ich für Neokolonialismus.

Peter W1
 
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Will die Red nicht langsam gegen die Ewiggestrigen hier vorgehen? Oder ist die Aussage "Toll, wenn die Wilden von uns massakriert werden" keine Verhetzung?

Enrico Furioso
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ja, sicher

sie wollen schließlich, dass die Rohstoffe aus der 3. Welt billig auf unsere Märkte kommen. Damit sie sich ein paar Cent sparen können. Durchaus verständlich. [/ironie]

Es wird alles gut.
00

Ich seh immer nur "Ironie aus" tags, aber nie "Ironie an".

Hannes Kartnig
00
die "sache" und die "interessen" decken sich, widerspruch aufgelöst.

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