Wiederaufbau

Demokratische Planspiele in Bengasi

Astrid Frefel aus Bengasi, 5. April 2011, 18:24

Libyen ist braches Land: Ohne Verfassung oder Strukturen ist der demokratische Aufbau die größte Herausforderung der Revolution - Die USA stoppen erstmals die Luftangriffe - bleiben aber in Alarmbereitschaft

Eine Woche nach dem Sturz des Gaddafi-Regimes würden sie das erste Mal zusammenkommen, die Abgesandten der Rebellen aus allen libyschen Städten. An dieser - hypothetischen - Zusammenkunft soll dann der Fahrplan für den politischen Neuaufbau festgelegt werden. Ohne die bewaffneten Freischärler, die das Bild der Berichterstattung dominieren.

Der Krieg gegen die Truppen von Machthaber Muammar al-Gaddafi ist nur eine Facette der Revolution, ihr Rückgrat sind tausende Bürger und Bürgerinnen, die sich in den Reihen der Opposition engagieren. Sie nennen sich "zivile Revolutionäre" oder sagen schlicht, "wir sind das Volk".

Engagement ohne Lohn

Sie stammen aus allen Schichten und allen Berufen. Der Student aus Kanada schiebt 8-Stunden-Schichten am Kontrollpunkt der Bürgerwehr. Die Leiterin einer Privatschule kocht Essen für die Männer an der Front. Sie sind alle Freiwillige, arbeiten ohne Lohn und bezahlen ihre Auslagen aus der eigenen Tasche. Mit einer Mischung aus kreativem Chaos und Organisation versuchen sie den Alltag zu meistern. Als oberstes Organ funktioniert der Nationale Übergangsrat, dem 31 Mitglieder aus allen Städten angehören. Seine Beratungen finden hinter geschlossenen Türen statt. Offensichtliche Unstimmigkeiten gibt es in der militärischen Führung. "Alles ist im Fluss. Es wird viel geredet und viele Papiere schwirren umher", erklärt Mustafa Gheriani, der für die internationalen Medien zuständig ist, die Anlaufschwierigkeiten.

Der Ausbruch der Revolution hatte alle überrascht. Sie entwickelte sich spontan und ungeplant. Es gab keine vorbereiteten Szenarien für eine Nach-Gaddafi-Ära. Libyen ist einzigartig, auch im Vergleich mit den arabischen Nachbarn. Hier gab es keine Verfassung, keine Strukturen und keine Zivilgesellschaft. "Libyen ist braches Land", sagt der Scheich des großen Tawajir-Stammes.

Freiheit, Würde, Demokratie

Mit der neuen Freiheit sprießen auch die ersten Pflänzchen. Juristen und Politologen arbeiten an einer neuen Verfassung. "Al-Jazeera hat westliche Werte in arabischer Sprache verbreitet", betont Gheriani, der 30 Jahre in den USA gelebt hat.

Auf der Städte-Ebene arbeiten Komitees, die die Versorgung sicherstellen und die Infrastruktur am Laufen halten. "Wir haben genug Freiwillige", lobt Juma Ifhima, Mitglied des lokalen Rates. Er hat keine Angst, dass die Gaddafi-Anhänger wieder an Einfluss gewinnen könnten. Jeder habe unter Gaddafi gelitten. Die wichtigsten Forderungen lassen sich mit wenigen Worten wie Freiheit, Würde und Demokratie umschreiben. Dagegen gibt es noch keine konkreten Vorstellungen, wie das neue Regierungssystem aussehen soll. Unbestritten ist, dass die Organisationsfreiheit für alle gilt, Sozialisten wie auch Muslimbrüder.

"Die Libyer wollen nur das, was in andern Ländern auch als selbstverständlich gilt", betont der Scheich und bestreitet, dass es Auseinandersetzungen unter den Stämmen gebe. "Gaddafi wollte Spannungen provozieren. Erst hat er uns politisch missbraucht, dann wollte er uns als Soldaten missbrauchen," meint er über die Vergangenheit. Und für die Zukunft sieht er in einem demokratischen Rechtsstaat nur noch eine soziale und kulturelle Rolle der Stämme, die in der Gaddafi-Zeit viele Funktionen übernommen hätten, zum Beispiel in der Streitschlichtung, weil es keine Verfassung gab.

Auf Berichte aus dem Ausland, die Al-Kaida sei in den befreiten Gebieten aktiv, reicht die Reaktion von Empörung bis Belustigung. "Der Islam ist unsere Religion, sie ist etwas Persönliches und nichts Politisches. Der Kampf für die Freiheit schweißt alle zusammen", beschreibt Mustafa Fatoush, Chefredakteur von Freies Libyen, der ersten unabhängigen Zeitung in Bengasi, die bevorstehende Herkulesaufgabe.

Das Regime in Tripolis deutete am Dienstag Gesprächsbereitschaft bezüglich politischer Reformen an - allerdings müsse der Gaddafi-Clan an der Macht bleiben. Die USA stoppten vorerst ihre Luftangriffe auf Libyen und zogen ihre Kampfflugzeuge zurück. Für etwaige Nato-Anfragen bleiben sie in höchster Alarmbereitschaft. (Astrid Frefel aus Bengasi, STANDARD-Printausgabe, 06.04.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 123
1 2 3
alo cin
00

Es gibt dort keine Freiheit, wo es kein Gesetz gibt, das die Rechte der Bürger schützt, denn Freiheit bedeutet frei zu sein von Vorherrschaft und Gewalt durch andere. Ob westliche Mächte dem lybischen Volk glaubwürdig dieses Ideal von Freiheit durch eine gewalttätige militärische Intervention- die das Land nun vollends in ein Chaos stürzt- vermitteln können, bleibt mehr als fragwürdig

alo cin
00

das Versprechen der Herrscher das Recht auf Leben, Freiheit und Eigentum seiner Bürger zu schützen. Ein reziprokes Bündnis, getragen von der Idee dass das Recht des Staates dort aufhört, wo das des Bürgers anfängt, dass das Recht eines Individuums dort aufhört wo das des anderen anfängt, ist die Idee auf die sich die Forderungen von Menschenrechtsbewegungen in Libyen beziehen.

alo cin
01

Die Entdeckung reicher Erdölvorkommen 1959 hat Libyen zu einem der bedeutendsten erdölexportierenden Länder der Welt gemacht. Ein Ignorieren dieser Tatsache in der Einschätzung der Krise in Libyen beziehungsweise des Konfliktes mit Westlichen Mächten würde wohl dem tatsächlichen Hintergrund auf dem sich die Doktrin einer humanitären Intervention abspielt nicht gerecht werden. Aber Gaddafis Sichtweise von politischer Legitimität beinhaltet nichts anderes als den Gehorsam der Bürger gegenüber der Staatsgewalt unter der sie leben. Warum thematisieren Sie in diesem Forum nicht den Begriff von politischer Legitimität, z.B. im Kontext eines Sozialvertrages zwischen Herrschern und Beherrschten und den Gehorsam der Bürger als bedingt durch das Ver

grumbleduke
 
12
Astrid Frefel mit einem Schüleraufsatz zum Thema "Mein schönster Revolutions-Ferientag"

Freiwillige ... check
Alltag meistern ... check
spontaner Volksaufstand ... check
Pflänzchen der Freiheit sprießen ... check
lokaler Rat lobt ... check
keine Al-Kaida unter den Rebellen ... check
Herkulesausgabe ... check
Kampf schweißt alle zusammen ... check

Aber hallo! Das sind geschätzte 10,5 auf der nach unten hin offenen NATO-Propagandaskala.

trestigres
 
31
grumbleduke mit einem Schüleraufsatz zum Thema "Meine vordründigsten Gedanken für den Fortbestand einer 42 Jahre dauernden Alleinherrschaft"

ich muss dort nicht leben....doppelcheck
grünes Büchlein im Bücherschrank....check
ich bin sowieso gegen das System....check
der Feind meines Feindes....doppelcheck
ich Ideologe, er Ideologe...check
er antiimpi, ich antiimpi....dreifachcheck

Aber hallo! Das sind geschätzte 11.5 auf der nach unten hin offenen Gaddafi-Propagandaskala..

grumbleduke
 
11
LOL :)

Einen Versuch war es wert :)

manfred maier
01
sie erwecken offenbar den redaktionellen trotz!

...je mehr beschämende g`schreibsl verissen wird, an umso prominentere stelle rücken sie es.
an der aktualität kann es ja nicht liegen, die fehlte dem frevel an journalistischer ethik bereits von anbeginn an.

tramtatam
101
dies ist die Bewertung der Leser für diesen Standard-Artikel

leider können die LeserInnen generell einen Standard -Artikel nicht bewerten.

hier die Lösung:

wer diesen Standard-Artikel schlecht findet, bewerte meine Post bitte rot.

wer diesen Standard-Artikel gut findet, bewerte meine Post bitte grün.

los gehts.

manfred maier
01
bisschen spät die aktion, der artikel ist aus dem fokus.....

...der aufmerksamkeit gerutscht.
sie können allerdings davon ausgehen, das die umfrage zu recht tiefrot ausgefallen wäre.

el dus
 
10
Netiqette habe ich keine verletzt

Gibt es eine Regel, nicht zuviel zu posten? Gibt es eine eigene Regel, die sich gegen die Gegner der EU richtet?
Oder eine eigene Regel, die sich gegen die jeweilige Blattlinie richtet?
Geh bitte, erweitert die Netiqette und schreibt, was wirklich Sache ist.

manfred maier
02
der putsch in libyen muss doch auch ideologisch unterlegt werden......ob sich diese faschismustheorie nicht geradezu aufdrängt?

"Faschismus ist die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“. Damit ist gemeint, dass „bürgerliche Demokratie“ und Faschismus zwei verschiedene Ausprägungen des Kapitalismus seien, diese Herrschaftsformen also auf der gleichen ökonomischen Basis beruhen würden: In dem Moment, in dem der Kapitalismus bedroht sei – wie zbwährend der Weltwirtschaftskrise in D – wandelt sich die bürgerliche Demokratie zur faschistischen Diktatur, die auch mit brutalsten Mitteln die Kapitalverwertung aufrecht erhalten würde"
und - natürlich nur um zivilisten zu schützen - drängt sich die frage auf, ob es nicht angebracht sei schnell nürnbergII anzustreben?

trestigres
 
00
Zur moralischen Rechtfertigung fällt Ihnen wohl jetzt nichts mehr anderes ein als Schwachsinn im Quadrat zu posaunen.

Ihr offenbar zwangsläufiger ideologischer Dogmatisierungsprozess lässt es zu, die Totalitäre Ausprägung der Gaddafi-Alleinherrschaft nicht nur auszublenden sondern auch noch auf andere zu projizieren. Bei dieser Entgleisung hört der Spass auf. Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft können Sie bei Gaddafi nicht entdecken? Damit belegen Sie höchstens die Untauglichkeit sämtlicher marxistisch orientierter Faschismusanalysen. Wobei bei Ihren Auslassungen von Analyse zu sprechen schon ziemlich abgegriffen erscheint. Was Sie hier versuchen ist ein dümmlicher Instrumentalisierungsversuch, frei nach der Theorie wonach auch eine Agitation auf untersten Reichweite gegen den "Klassenfeind" tauglich sei. Ihre Engstirnigkeit ist Legende.

trestigres
 
00
So fällt Ihnen weiter beim Regime Gaddafis nicht das Führerprinzip, der Totalitätsanspruch, eine kulturstiftende, auf Myhten, Riten und Symbole basierende, irrationale weltliche Ersatzreligion in Zügen auf?

Am Fernsehen hat der Führer verkündet Zitat: "Seine Milizionäre würden "von Siedlung zu Siedlung, von Haus zu Haus und von Zimmer zu Zimmer ziehen" und "diese Ratten" vernichten. Gaddafi: "Es wird keine Gnade geben." Der Selbsternannte Lenker des "Volksmassenstaat" weckt in Ihnen ebenso wenig wie sein absurdes System der volksfreien Volksherrschaft, das die simpelsten Bedürfnisse seiner Bürger missachtet: Freiheit und einfachen Wohlstand. Stattdessen hat er das ölreichste Land Nordafrikas zum Privatbesitz für sich und seine nicht weniger verhaltensauffälligen Söhne gemacht.

manfred maier
00
viel text, kein inhalt.....

...schellack atta wie er leibt und lebt!
ich möchte mich nicht auf ihre ebene der ausführlichen persönlichen "analyse" begeben und ich möchte sie auch nicht mit ihren - gleichlautenden tiraden anlässlich des US terrorschlages gegen dne irak oder afghanistan konfrontieren.
sehr wohl konfrontieren möchte ich sie mit der vorgestellten theorie sowie mit dem umstand, dass sie auch nicht im ansatz versuchen, sie zu widerlegen.
der norw. friedenforsche j. galtung zu dem thema: "die USA, im inneren durchaus mit demokratischen zügen, sind seit jeher ein geofaschistisches land"....
eine ideologie also, welcher sie seit jahren begeistert das wort reden.

manfred maier
01
die bankrott-erklärung des investigativen journalismus in schriftlicher form.......

...freude kommt da über den bedauernswerten zustand der 3. kraft im demokratischen staate mit angeblicher kontrollfunktion keine auf.
bitte teilt euren lesern wenigstens mit, dass ihr dem geschreibsel der frau frefel als absolutes sonderangebot einfach nicht widerstehen konntet.
die red. als schnäppchenjäger ohne jeden anspruch auf qualität, sozusagen!

trestigres
 
22
Es ist inzwischen zur Gewohnheit geworden, dass die post so mancher mit den Inhalten zum Artikel nicht nur keine Verbindung suchen, sondern diese Negieren.

Zitat: "Sie stammen aus allen Schichten und allen Berufen. Der Student aus Kanada schiebt 8-Stunden-Schichten am Kontrollpunkt der Bürgerwehr. Die Leiterin einer Privatschule kocht Essen für die Männer an der Front. Sie sind alle Freiwillige, arbeiten ohne Lohn und bezahlen ihre Auslagen aus der eigenen Tasche." Diese Wirklichkeit passt nicht ins Bild der konstruierten Wirklichkeit der Regimepropaganda, die seien doch alle nur islamistische Terroristen, drogensüchtige Jugendliche.... Ohne Scham und Reflexion werden die Ereignisse mit der Propagandabrille des Regimes betrachtet und die gleiche Rhetorik aufgezogen.

manfred maier
02
"„Leider hat uns die NATO bisher enttäuscht“, ...sprechen sie den beitrag.....

...von @Cpt. Bligh an?
und haben sie nicht den eindruck, der beitrag würde ganz hervorragend demonstrieren, WAS hier asl "artikel" verkauft wird und wie unverschämt das - sozusagen öffentliche - lügen bereits über die bühne geht?

Cpt. Bligh
00
„Leider hat uns die NATO bisher enttäuscht“, sagte Junis. Von einem Kontakt der Rebellen zur NATO bis zum Luftangriff dauere es bis zu acht Stunden. (Rebellenanführer Junis) "

gestern nacht gabs dazu einen bericht auf dem standard. wo ist der hin verschwunden? passte er nicht zur blattlinie einer qualitätszeitung?

tramtatam
00
PSST! das widerspricht der NATO-Erklärung, dass NATO ihre Angriffe nicht mit Rebellen koordiniert

Killer Bunny
32

Mama Africa or a Drag Queen?
http://tinyurl.com/3s527e7

Poker Face
http://tinyurl.com/3ja7jv9

How do you spell Gaddafi?
http://tinyurl.com/6z4yaef

Beim Barte des Proleten!
21
Gadaffi hat Tötung von Zivilisten fest eingeplant

http://www.focus.de/politik/a... 15603.html

Vincent_Vega
00
"Zunächst sollte Tränengas geworfen werden. Wenn das nicht gewirkt hätte, sei der Einsatz von Schusswaffen fest eingeplant worden."

so zerbricht eine PropagandaLüge.....

MACH PONYS ROT1
28
zum wiederholten Male

Das Gleiche ist auch im Lissaboner Vertrag für Aufstände vorgesehen, wobei nicht näher erläutert wird, was ein Aufstand genau ist. Ich nehme stark an, wenn Demonstranten ein Parlament niederbrennen und die Regierung stürzen wollen, sollte dies genügen, dann darf auch in der EU auf Zivilisten geschossen werden. Das mit dem mit Abstand höchsten pro Kopf- Einkommen in Libyen wurde nun auch schon mehrfach erwähnt(einfach mal bei Wikipedia nachschauen. Ein immenser Unterschied zwischen dem ehem. Ostblock und dem heutigen "Westen" besteht wohl darin, dass Pr*paganda dort als solche erkannt wurde, während sie hier und heute für bare Münze genommen wird und das obendrein auch immer wieder funktioniert! http://www.youtube.com/watch?v=HBHefedY4fw

Zuckerlilly Zuckerlilly
23
Richtig und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat eben erst entschieden, dass es rechtens ist einem mit einem Feuerlöscher "bewaffneten" Demonstranten aus 4 m Entfernung in den Kopf zu schießen.

Der Fall Carlo Giuliani, G-8 Gipfel, Genua 2001.

DieBo
23
Ich finde es auch erschreckend wie hörig die Menschen den Medien gegenüber sind.

Ist überhaupt ein Standard Reporter in Libyen? Alles Information aus zweiter Hand oder dritter Hand.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 123
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.