Libyen ist braches Land: Ohne Verfassung oder Strukturen ist der demokratische Aufbau die größte Herausforderung der Revolution - Die USA stoppen erstmals die Luftangriffe - bleiben aber in Alarmbereitschaft
Eine Woche nach dem Sturz des Gaddafi-Regimes würden sie das erste
Mal
zusammenkommen, die Abgesandten der Rebellen aus allen libyschen
Städten. An dieser - hypothetischen - Zusammenkunft soll dann der
Fahrplan für den politischen Neuaufbau festgelegt werden. Ohne die
bewaffneten Freischärler, die das Bild der Berichterstattung dominieren.
Der Krieg gegen die Truppen von Machthaber Muammar al-Gaddafi ist nur
eine Facette der Revolution, ihr Rückgrat sind tausende Bürger und
Bürgerinnen, die sich in den Reihen der Opposition engagieren. Sie
nennen sich "zivile Revolutionäre" oder sagen schlicht, "wir sind das
Volk".
Engagement ohne Lohn
Sie stammen aus allen Schichten und allen Berufen. Der Student aus
Kanada schiebt 8-Stunden-Schichten am Kontrollpunkt der Bürgerwehr. Die
Leiterin einer Privatschule kocht Essen für die Männer an der Front. Sie
sind alle Freiwillige, arbeiten ohne Lohn und bezahlen ihre Auslagen aus
der eigenen Tasche. Mit einer Mischung aus kreativem Chaos und
Organisation versuchen sie den Alltag zu meistern. Als oberstes Organ
funktioniert der Nationale Übergangsrat, dem 31 Mitglieder aus allen
Städten angehören. Seine Beratungen finden hinter geschlossenen Türen
statt. Offensichtliche Unstimmigkeiten gibt es in der militärischen
Führung. "Alles ist im Fluss. Es wird viel geredet und viele Papiere
schwirren umher", erklärt Mustafa Gheriani, der für die internationalen
Medien zuständig ist, die Anlaufschwierigkeiten.
Der Ausbruch der Revolution hatte alle überrascht. Sie entwickelte
sich
spontan und ungeplant. Es gab keine vorbereiteten Szenarien für eine
Nach-Gaddafi-Ära. Libyen ist einzigartig, auch im Vergleich mit den
arabischen Nachbarn. Hier gab es keine Verfassung, keine Strukturen und
keine Zivilgesellschaft. "Libyen ist braches Land", sagt der Scheich des
großen Tawajir-Stammes.
Freiheit, Würde, Demokratie
Mit der neuen Freiheit sprießen auch die ersten Pflänzchen. Juristen
und
Politologen arbeiten an einer neuen Verfassung. "Al-Jazeera hat
westliche Werte in arabischer Sprache verbreitet", betont Gheriani, der
30 Jahre in den USA gelebt hat.
Auf der Städte-Ebene arbeiten Komitees, die die Versorgung
sicherstellen
und die Infrastruktur am Laufen halten. "Wir haben genug Freiwillige",
lobt Juma Ifhima, Mitglied des lokalen Rates. Er hat keine Angst, dass
die Gaddafi-Anhänger wieder an Einfluss gewinnen könnten. Jeder habe
unter Gaddafi gelitten. Die wichtigsten Forderungen lassen sich mit
wenigen Worten wie Freiheit, Würde und Demokratie umschreiben. Dagegen
gibt es noch keine konkreten Vorstellungen, wie das neue
Regierungssystem aussehen soll. Unbestritten ist, dass die
Organisationsfreiheit für alle gilt, Sozialisten wie auch Muslimbrüder.
"Die Libyer wollen nur das, was in andern Ländern auch als
selbstverständlich gilt", betont der Scheich und bestreitet, dass es
Auseinandersetzungen unter den Stämmen gebe. "Gaddafi wollte Spannungen
provozieren. Erst hat er uns politisch missbraucht, dann wollte er uns
als Soldaten missbrauchen," meint er über die Vergangenheit. Und für die
Zukunft sieht er in einem demokratischen Rechtsstaat nur noch eine
soziale und kulturelle Rolle der Stämme, die in der Gaddafi-Zeit viele
Funktionen übernommen hätten, zum Beispiel in der Streitschlichtung,
weil es keine Verfassung gab.
Auf Berichte aus dem Ausland, die Al-Kaida sei in den befreiten
Gebieten
aktiv, reicht die Reaktion von Empörung bis Belustigung. "Der Islam ist
unsere Religion, sie ist etwas Persönliches und nichts Politisches. Der
Kampf für die Freiheit schweißt alle zusammen", beschreibt Mustafa
Fatoush, Chefredakteur von Freies Libyen, der ersten unabhängigen
Zeitung in Bengasi, die bevorstehende Herkulesaufgabe.
Das Regime in Tripolis deutete am Dienstag Gesprächsbereitschaft
bezüglich politischer Reformen an - allerdings müsse der Gaddafi-Clan an
der Macht bleiben. Die USA stoppten vorerst ihre Luftangriffe auf Libyen
und zogen ihre Kampfflugzeuge zurück. Für etwaige Nato-Anfragen bleiben
sie in höchster Alarmbereitschaft. (Astrid Frefel aus Bengasi, STANDARD-Printausgabe, 06.04.2011)