"Das Individuum existiert in Nippon nicht"

5. April 2011, 18:04
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Zaghaft regen sich die ersten Proteste gegen die japanische Atombetreibergesellschaft Tepco: Die österreichische Autorin und Japan-Kennerin Elfriede Czurda über die Besonderheiten der japanischen Kultur

Standard: Die Fukushima-Debatte dreht sich mehr denn je um Informationspolitik: Was wird publiziert? Was von dem Preisgegebenen erscheint vertrauenswürdig?

Czurda: Über längere Zeit schien es ja so, als wäre der Umgang mit Information die japanische Ausprägung des weltweit üblichen Verschweigens und Verschleppens unvorteilhafter Nachrichten. Inzwischen hat sich jedoch ein Informationskonflikt zwischen Betreiber und Politik zugespitzt. Tepco versucht, seinen globalen Auftritt zu sichern, die Politik hat natürlich nationale japanische Interessen zu schützen.

Standard: Wie organisiert sich "Zutrauen" in der gebildeten japanischen Gesellschaft? In Europa misstrauen wir offiziellen Verlautbarungen. Kritisches Bewusstsein gilt als Ausweis der Bürger- und Zivilgesellschaft. Was wäre deren japanisches Gegenstück?

Czurda: Mit Begriffen wie "Subjekt" und "Mündigkeit" kommt man in Japan, oder überhaupt in Asien, nicht weiter. Die japanische Gesellschaft ist gänzlich anders strukturiert. Zuallererst gibt es eine steile Hierarchie, die bis in die jüngste Zeit so rigide durchgesetzt wird, dass ein Veränderungsvorschlag an die nächstobere Ebene schon als massive Kritik, als sozialer Übergriff verstanden und meist sanktioniert wird. Exemplarisch der Satz von Konfuzius, dass man einen herausragenden Nagel hineinschlagen muss. Sonst entsteht Schaden. Dieser Satz zielt auf das ausgeprägt egalitäre Verhalten innerhalb der Ebene. Dass gerade in solchen Strukturen der Umgang mit Information einerseits dem Hüten der eigenen kleinen Macht und ihres Vorteils im Weiterkommen entspricht, der "Informant" sich andererseits der Gefahr aussetzt, als ein herausragen wollender Nagel gedeutet zu werden, macht vermutlich diesen Eiertanz zwischen Preisgabe und Geheimhalten aus.

Standard: Wie reagiert man an der Spitze der Hierarchie?

Czurda: Wer schließlich "vorgesetzt" wird, trägt die Verantwortung. Und trägt sie natürlich im erlernten Regelkanon der Hierarchie. Der Kotau, den wir im Fernsehen jetzt häufig zu sehen bekommen, ist das öffentliche Eingestehen des eigenen Versagens, also ein kaum zu überbietender Gesichtsverlust.

Standard: Gibt es etwas "Katastrophisches" im japanischen Kollektivbewusstsein?

Czurda: Vielleicht muss man an dieser Stelle ein wenig die kulturellen Hintergründe skizzieren, die eine so ganz anders organisierte Gesellschaft konstituieren. Ich glaube, dass im westlichen Diskurs zur japanischen Katastrophe sehr viel von unserer monotheistischen Prägung mitschwingt. Einerseits die Schuldfrage: Wer ist schuld, wer hat das Cäsium aus dem Reaktor entlassen. Und das heißt: Welches einzelne Individuum ist schuld und wird ans Kreuz genagelt? Monotheismus, in diesem Zusammenhang, heißt: In unendlicher Ferne ist das Paradies. Ich tue nichts für jetzt, ich tue alles für später, für die Ewigkeit im Himmel. Ich bin auf einer Bühne, in einer Dramatisierung, die nur dazu dient, auf später zu verweisen.

Standard: Ist die technologische Überformung der japanischen Gesellschaft das Symptom einer Verdrängung?

Czurda: "Verdrängung" wäre etwas, was ich der Dramatisierung zu entziehen versuche, eine Sünde, die ich, das Individuum, nicht gestehe. Das Individuum als letztes Unteilbares aber existiert nicht in der japanischen Kultur. Daher ist es sinnlos, nach seiner Mündigkeit zu fragen. Der Einzelne ist nie losgelöst von den anderen zu denken, er befindet sich fest eingeknüpft in ein Netz. Vielleicht ist hier die Metapher der Synapse brauchbar: Er ist zwar ein einzelner Punkt, durch den aber quasi das Menschsein schlechthin ständig und auf verschiedenste Art hindurchpulst. Der Synkretismus des Shintoismus und Buddhismus bildet die Matrix für diese Auffassung von Existenz. Nirgends eine "Krone der Schöpfung". Jenes zu Tode zitierte "Hier und Jetzt" generiert einen Pragmatismus, in dem ich gleich viel wert bin wie der Baum, der Fuchs, der Stein, die Maschine, die Wolke, das Moos, der Fluss. Ich lebe wie sie unter "der lautlosen Macht der Unbeständigkeit". (Ronald Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 6. 4. 2011)


Elfriede Czurda lebt als Autorin in Wien. Sie verbrachte als Gastprofessorin mehrere Monate in Japan. Einschlägige Frucht ihres Aufenthalts: das Buch "Ich war nie in Japan", mit Zeichnungen von Maria Bussmann, erschienen im Passagen Verlag: Wien 2010. Letzte Einzelveröffentlichung: der Gedichtband "dunkelziffer", Edition Korrespondenzen, Wien 2011.

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