ORF-General "kann nicht alles gelingen"

5. April 2011, 18:12
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Alexander Wrabetz will - wie erwartet - ein zweites Mal ORF-General werden - Die SP jubelt darüber, das Kanzleramt schwieg zunächst*, und die ÖVP sprach von "gefährlicher Drohung"

STANDARD: Rudas, Cap, Niessl, Pelinka: Die SPÖ jubelt im Minutentakt über Ihre Kandidatur. Was hat denn der Kanzler gesagt?

Wrabetz: Statements zu seiner Meinung kann Ihnen der Kanzler nur selbst geben.

STANDARD: VP-Generalsekretär Fritz Kaltenegger nennt Sie eine "gefährliche Drohung" für den ORF, die den ORF in zehn Jahren zu völliger Bedeutungslosigkeit bringen wird ...

Wrabetz: Ich habe noch nicht gesagt, dass ich 2016 wieder kandidieren will. Im Ernst: Ich habe mehr als zehn Jahre gezeigt, dass man den ORF trotz größter Herausforderungen als größtes Leitmedium des Landes und Marktführer in allen Medien erhalten kann. 

STANDARD: Sie sind jetzt viereinhalb Jahre ORF-General. Haben Sie Fehler gemacht.

Wrabetz: Ja.

STANDARD: Welche aus Ihrer Sicht?

Wrabetz: Das sollen sich die Historiker einmal überlegen. Wenn man doch sehr, sehr viele Entscheidungen trifft, kommt es darauf an, dass sie mit großer Mehrheit richtig sind. Manche Personalentscheidungen des vergangenen Jahres waren heftig diskutiert. Aber an den von mir Bestellten gibt es nun keine Kritik. Ich beschäftige mich lieber mit der Zukunft.

STANDARD:  A propos: Welche Fehler, haben Sie sich vorgenommen, machen Sie nicht noch einmal?

Wrabetz: Nicht noch einmal eine größte Programmreform ankündigen ...

STANDARD:  Einfach machen?

Wrabetz: Ja. Die Programmreform von 2007 zeigt: 80 Prozent der damals neuen Sendungen funktionieren jetzt nach vier Jahren eigentlich sehr gut. Die nicht so funktioniert haben, gibt es schon lange nicht mehr. Wären wir in der Kommunikation zurückhaltender gewesen, hätten wir uns leichter getan. Die Lehre ziehe ich für mich. Dinge rasch tun in großer Abfolge, sich freuen, wenn's funktioniert, Konsequenzen ziehen, wenn man draufkommt, man hat daneben gegriffen. Daraus muss man auch kein großes Gesellschaftsdrama machen. Das ist Fernsehen. Wichtig ist, dass neue Personen, neue Sendungen passieren, und man weiß, dass nicht alles gelingen kann.

STANDARD:  Einen Fehler könnte man in der Zusammensetzung Ihres Teams 2006 sehen. Da gab es heftige Friktionen, wenige sind noch im Amt. 

Wrabetz: Da haben auch zwei tragische Krankheitsfälle eine Rolle gespielt. Generell werde ich darauf schauen: Vertrauensvoller Umgang spielt eine besondere Rolle. Dinge können sich entwickeln, auch auseinander entwickeln, dann muss man frühzeitig die Konsequenzen ziehen.

STANDARD: Karl Amon und Richard Grasl wollen Sie wieder im Team haben, wieder als Radiodirektor, künftig wohl mit Online, und als Finanzdirektor?

Wrabetz: Im Wesentlichen in diesen Bereichen.

STANDARD:  Braucht es eine/n technischen Direktor/in?

Wrabetz: Ja. Die Neugestaltung des ORF, an welchem Standort auch immer, ist ein sehr großes Projekt, das braucht ein Vorstandsressort.

STANDARD: Für ein solches Großprojekt, bei dem man warnend „Skylink" klingeln hört, wäre Betriebsrat und Stiftungsrat Michael Götzhaber, der für den Job kolportiert wird, ein idealer Direktor?

Wrabetz: Ich sage nichts zu Kandidaten, aber er macht einen sehr guten Job als technischer Leiter des ORF Kärnten und Mitglied des Leading Teams in der technischen Direktion. Ich ernenne jetzt auch via STANDARD keine Direktoren.

STANDARD: Bleibt eigentlich nur der Job des Fernsehdirektors, um eine Frau im Team zu haben.

Wrabetz: Der Frauenanteil soll steigen. 

STANDARD: Eine Direktorin mehr als jetzt ist schon 100 Prozent mehr Frauen.

Wrabetz: Unter den Direktoren und den Landesdirektoren haben wir derzeit eine Frau. Das ist eindeutig zuwenig. Das sollte signifikant steigen.

STANDARD: Wie definieren Sie signifikant. 

Wrabetz: Nicht nur eine mehr. Darüber hinaus wird es neue Strukturen geben, ein Leading Team mit Channel Managern und weiteren Führungskräften mit hohem Frauenanteil. 

STANDARD: Sie sehen sich in Deutschland nach einer Fernsehdirektorin um?

Wrabetz: Es gibt außerhalb Österreichs sehr qualifizierte Frauen. Es wäre durchaus möglich, im internationalen Bereich jemanden zu finden, wie bei unserem neuen Universum-Chef Andrew Solomon. Kein Muss, aber es wäre eine Bereicherung, ein Signal, uns zu öffnen.

STANDARD: Haben Sie da schon eine konkrete Frau im Auge?

Wrabetz: Da gibt es mehrere qualifizierte. Aber konkrete Gespräche kann man erst führen, wenn man ein Mandat dazu hat.

STANDARD: Wie hat man sich mehr TV-Information in der Früh vorstellen, wie Sie angekündigt haben?

Wrabetz: Als Minimum brauchen wir eine Früh-ZiB vor neun Uhr, etwa um sieben. Das wäre auch leistbar. Dann fragt sich: Wie schließt man die Lücke leistbar und innovativ zwischen diesen beiden Früh-ZiBs?

STANDARD: Klingt nach Textinfos von ORF.at mit dem Ton der Frühinformationsfläche, die sich Radiochefredakteur Stefan Ströbitzer von sechs oder sieben Uhr früh weg wünscht, womöglich mit Elementen aus dem Ö3-Wecker.

Wrabetz: Das kann ein Element sein. Nachdenken, entwickeln, und nach Möglichkeit etwas Neues schaffen, das Synergien zwischen unseren Medien nützt und nicht mit viel Geld unsere Kompetenz im Radio in den Schatten stellt. Vielleicht gelingt etwas Mehrmediales, das auch die Landesstudio-Information aus den neun „Bundesland heute" nützt.

STANDARD: Was heißt leistbar?

Wrabetz: Die Info-Schiene von 17 bis 19 Uhr in ORF 2 kostet acht, neun Millionen Euro. Das hätten wir sicher nicht für ein neues Frühprogramm. Das muss deutlich drunter liegen.

STANDARD: Was soll die geplante Dokuleiste in ORF 1 leisten - Beiträge und Themen wie in "Direkt" in Langfassung?

Wrabetz: Nein. Ich könnte mir vorstellen, dass Energiezukunft, zur Ernährung und ähnliche globale Trends ein jüngeres Publikum interessieren.

STANDARD: Als Herbst-Showevent dürfen wir mit Talentesuche rechnen.

Wrabetz: Wir sind sehr weit mit "Die große Chance" reloaded. Das war ein erfolgreiches ORF-Format in Radio und Fernsehen. Wir würden dafür die beiden Medien zusammenführen, wie es beim Song Contest gelungen ist.

STANDARD: Mit Bundesländer-Ausscheidungen, wie sie vor zwei Jahren probiert, aber nicht umgesetzt wurden?

Wrabetz: Wir sind da noch in der Entwicklung, eine gewisse Regionalisierung ja, aber nicht mit Landesausscheidungen.

STANDARD: Stichwort Sendeplatzstreit zwischen Sport- und Infokanal, Sportler gegen Senioren, Darabos gegen Blecha. Wie wird dieses Match ausgehen? Damit werden Sie wohl nicht bis nach der Generalswahl warten können, weil Sie auf Unterstützung von Sport- wie Seniorenvertretern hoffen.

Wrabetz: Ich glaube nicht, dass das in irgendeiner Form wahlrelevant sein kann. Das ist eine Sachentscheidung. 

STANDARD: Nach unserem Infomationsstand soll der derzeit gemeinsam genutzte Satellitenkanal dürfte an ORF Sport Plus gehen, der Infokanal Satellitenkapazität nutzen, die Sie nur um 19 Uhr eine halbe Stunde für neunmal "Bundesland heute" brauchen.

Wrabetz: Wir müssen versuchen, Kosten zu optimieren. Zusätzlicher Satellitenplatz kostet 800.000 Euro im Jahr. Und ich kann schlecht mitten in Sportübertragungen für Bundesland heute aussteigen. 

STANDARD: Die Entscheidung über den künftigen ORF-Standort haben Sie sicherheitshalber auf nach der Wahl verschoben, um keine Stiftungsräte zu vergraulen. Was erwartet uns denn noch nach der Wahl? Millionen ORF-Satkarten sind schon überfällig für einen Austausch.

Wrabetz: In Schritten werden wir ab Herbst Smart Cards tauschen, da muss man einmal mit Tests beginnen. Beides hat aber nichts mit der Wahl zu tun. Würde das Denkmalamt nächste Woche einen Bescheid erlassen ...

STANDARD: Da wäre ich jetzt vorsichtig.

Wrabetz: Wir wollen das ja im Einvernehmen durchführen. Der Stiftungsrat würde eine solche Jahrhundertentscheidung wohl lieber von einer neu gewählten Geschäftsführung vorgelegt bekommen.

STANDARD: Auf eine Gebührenerhöhung können wir uns dann auch langsam wieder einstellen - die EU schreibt die nächste Prüfung dieses Themas 2012 vor.

Wrabetz: Ich habe keine Pläne, Gebührenerhöhungen durchzuführen.

STANDARD: Das heißt, Sie schließen sie für die nächsten fünf Jahre aus?

Wrabetz: Gebührenerhöhungen schließe ich aus. Irgendwann muss es aber eine Inflationsabgeltung geben. Wann, wird man bei der Mittelfristplanung sehen.

STANDARD: Der ORF und seine Gebührentochter GIS haben sich schon für das ORF-Gesetz 2010 eine von Empfangsgeräten unabhängige Rundfunkabgabe für alle Haushalte wie in Deutschland gewünscht. Wann sehen Sie Chancen dafür?

Wrabetz: ORF-Gesetze entwickeln sich erfahrungsgemäß ungefähr in Fünfjahresschritten. Bis zur nächsten Etappe wird man schon beurteilen können, wie diese Modelle in Deutschland und anderen Ländern funktionieren und was für Österreich das richtige wäre.

STANDARD: Vor der letzten Wahl haben Sie ja - laut dessen Mail - Walter Meischberger für seine Stimme etwas versprochen. Was werden Sie denn diesmal welchen Stiftungsräten versprechen, in Diskussion stehen etwa ORF-Landesdirektionen?

Wrabetz: Ich habe niemand was versprochen. Für Mails, die man kriegt, kann man nichts. Ich habe nicht vor, irgendwelche Versprechungen zu machen, außer dem Publikum.

STANDARD: Und wenn Sie für Ihre Wahl welche machen müssen?

Wrabetz: Ich stelle mich der Wahl mit guten Argumenten, guten programmatischen Überlegungen für das Unternehmen.

STANDARD: Sie behaupten, Sie glauben, Sie könnten ohne personelle oder sonstige Versprechungen an die Politik gewählt werden?

Wrabetz: Ja.

STANDARD: Nach den Affären Meischberger kam nun die Affäre Strasser. Der ORF soll mit der VCP Geschäfte gemacht haben, bei der Strasser jedenfalls Aufsichtsrat war.

Wrabetz: Die VCP hat im Zusammehang mit der ORS beraten, aber das war, bevor Strasser damit zu tun hatte. Strasser hat dabei nie eine Rolle gespielt. 

STANDARD: Sie waren einige Jahre ORF-Aufsichtsrat. Wenn Sie sich in einen solchen Stiftungsrat hineindenken, der etwa zwischen Ihnen, Gerhard Zeiler und Karin Kraml wählen soll. Was täten Sie als Stiftungsrat?

Wrabetz: Ich spekuliere weder direkt noch indirekt über potenzielle und tatsächliche Mitbewerber. Klar ist, dass ich ein modernes öffentlich-rechtliches Verständnis habe und mich da klar positionieren möchte. Ich setze auf die Stärken des ORF setzen, Information, Eigenproduktionen, für Österreich relevantes Programm in höchster Qualität und für alle Bevölkerungsgruppen. Da ist ein klarer Weg, der ist überprüfbar. Vieles ist gelungen, nicht alles. Aber in der Richtung, die ich gehen möchte, gibt es keine Überraschungen.

STANDARD: Ihnen wird Entscheidungsschwäche nachgesagt.

Wrabetz: Es kommt bei Entscheidungen auch auf den richtigen Zeitpunkt an, wenn man erfolgreich sein will. Bei HD waren wir zurecht sehr früh dran, bei anderen Entscheidungen ist es gut, die nötigen Informationen abzuwarten. Bei einem Unternehmen wie dem ORF, der eine Institution der Öffentlichkeit ist, der "Rundfunk der Gesellschaft", ist ein ausbalancierter Managementstil der richtigere als Horuck, rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. Und: Wir haben wahnsinnig viel entschieden. Und durch keine Entscheidung oder Nichtentscheidung haben wir Chancen verpasst. Darauf kommt es ja an. Manchmal war ich sogar zu forsch in meinen Entscheidungen, etwa bei der Ankündigung der großen Programmreform 2007.

STANDARD: Niederösterreichs Landeshauptmann hat Sie jetzt schon zweimal öffentlich gelobt. Macht Ihnen das nicht Angst?

Wrabetz: Warum? Das bezog sich auf zwei konkrete Projekte, Grafenegg und die Produktion "Vermisst", wo die Zusammenarbeit mit dem Land NÖ sehr gut war. 

STANDARD: Sie nehmen das nicht als Garantie, dass der niederösterreichische Stiftungsrat Sie wählt?

Wrabetz: Ich glaube, das ist klar zu trennen. (Harald Fidler, DER STANDARD; Printausgabe, 6.4.2011/Langfassung)

*) Bei Kanzler Werner Faymann verwies man auf Medienstaatssekretär Josef Ostermayer, sein Büro verstand die - etwas knapp formulierte - Anfrage des STANDARD miss und verwies auf ein Statement Ostermayers gegenüber ATV. Das wiederum klang mir, als wollte Ostermayer darüber hinaus nichts sagen. Nun haben wir auch die Stellungnahme aus dem Kanzleramt: "Staatssekretär Josef Ostermayer begrüßt - ebenso wie einige Stiftungsräte und Landeshauptleute - eine Wiederkandidatur von GD Wrabetz." (fid)

ALEXANDER WRABETZ (51) war roter Studentenfunktionär, ÖIAG-Manager, ist seit 2007 ORF-Generaldirektor.

  • "Freuen, wenn's funktioniert; Konsequenzen ziehen, wenn man draufkommt, man hat danebengegriffen. Das ist Fernsehen", sagt Wrabetz. Die ÖVP sähe optimistischer mit RTL-Chef Gerhard Zeiler in die Ferne.
    foto: standard/corn

    "Freuen, wenn's funktioniert; Konsequenzen ziehen, wenn man draufkommt, man hat danebengegriffen. Das ist Fernsehen", sagt Wrabetz. Die ÖVP sähe optimistischer mit RTL-Chef Gerhard Zeiler in die Ferne.

  • Wrabetz gab seine Wiederkandidatur am Dienstag bekannt.

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