"Permanente Erneuerung" statt der großen Reform

5. April 2011, 17:11
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Künftig keine eigene Onlinedirektion - Frauenanteil in Geschäftsführung soll "signifikant steigen" - 20 plus als neuerliches Ziel im Stiftungsrat

Alexander Wrabetz (51) will wieder ORF-Generaldirektor werden. Der amtierende ORF-Chef hat am Dienstag seine Wiederkandidatur bekanntgegeben. Radikale Änderungen kündigt er zunächst nicht an, in der künftigen Geschäftsführungsperiode stehen aber einige einschneidende Entscheidungen an, etwa über die Standortfrage oder die neue Struktur der Führungsebene. Im Folgenden ein Interview mit dem amtierenden ORF-General:

APA: Fast jeden Tag gute Nachrichten aus dem ORF, gestern die Ankündigung der Wiederkandidatur von US-Präsident Obama, heute Abend mit der Übertragung von "Anna Bolena" öffentlich-rechtliches Hardcore - das Timing und die Begleiterscheinungen Ihrer Wiederkandidatur gleichen fast einer Operninszenierung. Opern haben es aber auch an sich, dass zum Schluss immer Tote auf der Bühne zurückbleiben: Wen wird es denn bei der ORF-Wahl treffen?

Wrabetz: Ich bin ja bekannt für ganz gutes Timing. Und es war meine Überlegung, meine Kandidatur nicht zu früh zu erklären, aber auch nicht zu spät. Ein Quartal im Vorhinein ist ein ganz guter Zeitraum dafür. Ansonsten ist es keine große Oper, sondern eine sachliche Entscheidung über richtige Zukunftsüberlegungen und das richtige Team. So läuft es etwa mit den beiden Direktoren, die ich zuletzt bestellt habe (Radiodirektor Karl Amon und Finanzdirektor Richard Grasl, Anm.), sehr gut.

APA: Heißt das, dass Onlinedirektor Thomas Prantner Ihrem Team nicht mehr angehören soll?

Wrabetz: Auch Thomas Prantner macht einen guten Job als Direktor, wir werden künftig aber keine eigene Onlinedirektion haben. Grundsätzlich ist es sicher zu früh, über konkrete Namen zu reden.

APA: Sie wollen sich bis Juni überlegen, wie die neue Struktur des ORF aussehen soll. Es wird künftig nur mehr vier statt sechs Direktoren geben, dafür haben Sie in der Vergangenheit bereits Überlegungen geäußert, zwei Channel-Manager für ORF eins und ORF 2 einzusetzen. Ist das für Sie bereits eine fixe Struktur?

Wrabetz: Es kann schon sein, dass sich da etwas ändert, Zielrichtung ist aber, die neue Struktur einzuführen, und das beinhaltet zwei für die Kanäle verantwortliche Channel-Manager. Wobei man sich auch die Auswirkungen auf die Strukturen der Hauptabteilungen ansehen muss. Es muss durch neue Strukturen möglich sein, mehr jüngeren Mitarbeitern die Chance zu geben, sich zu erproben. Grundsätzlich muss die Innovationsgeschwindigkeit höher werden. An die Stelle der großen Reform möchte ich die permanente Erneuerung stellen.

APA: Können Sie sich auch vorstellen, die Information im ORF quer durch alle Mediengattungen unter die Verantwortung einer einzigen Direktion zu stellen?

Wrabetz: Grundsätzlich möchte ich, dass die Strukturen flacher werden. Die Information soll jedenfalls zentral verantwortet bleiben und sich auf Channels aufteilen. Wie das konkret aussehen wird, ist noch zu erarbeiten. Ich möchte mir zur Struktur zahlreiche europäische Modelle ansehen und dann meine Entscheidung treffen.

APA: Die Zahl der Frauen auf der Direktorenebene ist ein ständig kritisierter Mangel im ORF. Werden Sie das in einer künftigen Geschäftsführung ändern?

Wrabetz: Es wird in manchen Landesdirektionen wahrscheinlich einen altersbedingten Wechsel geben. Da sollen bei der Nachbesetzung Frauen eine besonders große Chance haben. Wir haben derzeit 14 Direktorenposten, von denen nur einer mit einer Frau besetzt ist. Das soll doch signifikant steigen.

APA: Soll auch in der zentralen Geschäftsführung eine Frau vertreten sein? Derzeit haben sie ja nur zwei Männer genannt, die sie gerne fix bestellen würden.

Wrabetz: Ja. Wobei ich über Namen nicht spekulieren möchte. Da gibt es zwei oder drei, die sehr infrage kommen würden, wobei sich das sowohl auf Österreich als auch aufs Ausland bezieht. Es kann sein, dass wir für einzelne Funktionen Leute von außerhalb des ORF holen, wie zuletzt beim "Universum"-Chef.

APA: Die Vorsitzende des ORF-Stiftungsrates, Brigitte Kulovits-Rupp, hat auf Anfrage sinngemäß erklärt, sie wäre nicht abgeneigt, die Landesdirektion im Burgenland zu übernehmen, wenn man ihr diese anböte. Gibt es dazu aus Ihrer Sicht Überlegungen?

Wrabetz: Im Burgenland haben wir mit Karlheinz Papst einen sehr erfolgreichen Landesdirektor. Daher stellt sich aus meiner Sicht die Frage nicht.

APA: Sehen Sie RTL-Chef Gerhard Zeiler im Falle einer Kandidatur als ernsthafte Konkurrenz für den Posten des ORF-Generals?

Wrabetz: Gerhard Zeiler ist ein ganz erfolgreicher kommerzieller Fernsehmanager. Über seine Motivation oder persönlichen Beweggründe möchte ich nicht spekulieren.

APA: Wie viele Stimmen glauben Sie, werden Sie vom Stiftungsrat bei einer allfälligen Wiederwahl bekommen?

Wrabetz: Das letzte Mal bin ich mit 20 plus ganz gut gefahren.

APA: Bei der letzten Wahl wurden sie von der sogenannten Regenbogenkoalition gewählt. Welche Farben sollen es diesmal werden?

Wrabetz: Wie immer, alle! (lacht). Ich glaube, dass es für das Unternehmen gut wäre, wenn die Geschäftsführung von einer großen inhaltlichen Breite getragen würde.

APA: 20 Prozent der geplanten Einsparungsvorgaben im ORF sind noch offen. Wie werden Sie diese erreichen?

Wrabetz: Wir müssen bis Ende 2012 noch etwa 150 Planstellen abbauen. Das ist im Maßnahmen-, Indikatoren-, Zielwerte-Programm (MIZ) vorgesehen.

APA: Der ORF bekommt aus dem Titel der Gebührenrefundierung auf vier Jahre insgesamt 160 Mio. Euro zusätzlich. Schließen Sie aus, dass das Unternehmen nach 2014 weitere Finanzspritzen vom Steuerzahler braucht?

Wrabetz: Der Anspruch der Abgeltung der Gebührenbefreiung ist ein Anliegen des ORF seit 50 Jahren. Ich nehme aber nicht an, dass es in Anbetracht der budgetären Situation eine Fortsetzung geben wird. Wir werden unsere Finanzpläne ohne weitere Zuschüsse erstellen.

APA: Wird es im Fall Ihrer Wiederbestellung in der nächsten Funktionsperiode eine Gebührenerhöhung geben?

Wrabetz: Irgendwann wird es sicher eine Inflationsabgeltung geben müssen, aber aktuell habe ich dazu keine Überlegungen.

APA: Glauben Sie, dass analog zum deutschen System eine Haushaltsabgabe die Rundfunkgebühr auch in Österreich ersetzen wird?

Wrabetz: Die letzte ORF-Gesetzesrunde liegt erst etwa ein Jahr zurück. Wenn man sich die ORF-Gesetzesvorhaben im Schnitt ansieht, dann passieren sie etwa alle fünf Jahre. Bis zur nächsten Novelle wird man also sicher evaluieren können, was die Maßnahme in Deutschland gebraucht hat und inwieweit das Sinn macht.

APA: Sie haben die Champions League-Rechte nicht mehr, dafür wollen Sie die Europa League übertragen. Wird das nicht die gut eingeführte "Donnerstagnacht" beschädigen, wenn dort künftig Fußballspiele den Beginn nach hinten schieben?

Wrabetz: Das muss man sich ansehen, wenn wir die Rechte definitiv haben. Bis Herbst 2012 werden wir auch abschätzen können, was das für Implikationen hätte. Möglicherweise ändert sich durch einzelne Programmänderungen bei Matches gar nichts, man könnte aber auch überlegen, die Donnerstagnacht temporär in den Spätabend zu verlegen. Grundsätzlich freut es mich aber, dass nun das ZDF die Champions League-Rechte erworben hat. Damit haben die Seher in Österreich auch weiter die Möglichkeit, die Matches in gewohnter Qualität zu verfolgen, und wir können dennoch den Mittwoch neu gestalten.

APA: In besserer Qualität als bei Puls 4, das dem ORF die Champions League-Rechte abspenstig gemacht hat?

Wrabetz: Jedenfalls auf einem guten öffentlich-rechtlichen Niveau. Das ZDF strahlt außerdem in HD aus.

APA: Wie stehen die Verhandlungen bei den Formel 1-Rechten?

Wrabetz: Wir sind sehr weit.

APA: Sie haben angekündigt, für ein mögliches künftiges Frühstücksfernsehen verstärkt Schnittmengen mit den ORF-Radios zu suchen. Ist das schon ein Vorgeschmack für eine künftige ORF-Struktur? Wie sieht der ORF der Zukunft aus?

Wrabetz: Wir müssen grundsätzlich viel durchlässiger zwischen den einzelnen Mediengattungen werden. Das trimediale Arbeiten wird sicher nicht nur Zukunftsmusik sein. Man hat gesehen, dass die ORF-Informationsmaschine bei den vergangenen Großereignissen zur Höchstform aufgelaufen ist. Die Zusammenarbeit zwischen Radio und TV funktioniert.

APA: Offen ist weiterhin die Frage des Standorts. Was gibt's da noch zu klären?

Wrabetz: Wir haben dazu stets den Stiftungsrat über jeden Schritt transparent informiert, insofern ist das kein Geheimnis. Offen ist etwa noch der Denkmalschutz, dazu müssen die Bedingungen für einen alternativen Standort noch geklärt werden und ein Raum- und Strukturkonzept erstellt werden. Letzteres ist ja auch gekoppelt an die künftige Führungsstruktur.

APA: Werden Sie bei vor der Wahl im Stiftungsrat ein konkretes Team vorstellen und nennen?

Wrabetz: Das wird insofern schwierig, als wir uns auch international um ein Direktoriumsmitglied umschauen wollen. Das werden aber Leute sein, die wir abwerben müssen. Insofern muss ich mich zuerst selbst deklarieren. (Das Interview führten Philipp Wilhelmer und Johannes Bruckenberger/APA) 

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