Prozessauftakt gegen den italienischen Premierminister - Teil zwei der Telefongespräche und Abhörprotokolle, exklusiv auf Deutsch auf derStandard.at
Vor dem Auftakt des Prozesses gegen den italienischen Premierminister Silvio Berlusconi wegen Sex mit einer damals noch minderjährigen Prostitutierten sowie wegen Amtsmissbrauchs (die Vorgeschichte lesen Sie hier) nehmen italienische Medien die Strategie der Berlusconi-Verteidiger vorweg: Ruby, das Mädchen, um das sich der Prozess dreht, als unglaubwürdig, wenn möglich als gänzlich meschugge, darzustellen. Sie tritt als Zeugin in dem Prozess auf. Die Abgeordnetenkammer stimmte am Dienstag mit 12 Stimmen Mehrheit dafür, die Zuständigkeit der Mailänder Richter vor dem Verfassungsgericht anzufechten (mehr dazu hier).
Die Anklage glaubt, Berlusconis Schuld in beiden Punkten mit abgehörten Telefonaten in mindestens 13 Fällen beweisen zu können. Um die Anklage zu widerlegen, möchten die Verteidiger insgesamt 78 Zeugen vorladen lassen, darunter eine Reihe Politiker, Berlusconis Leibarzt, seinen persönlichen Schlagersänger, den Dolmetscher der letzten Mubarak-Visite in Rom oder auch Real-Madrid-Spieler Cristiano Ronaldo, Oscarpreisträger George Clooney
und dessen italienische Verlobte Elisabetta Canalis.
Die Staatsanwaltschaft alleine kommt auf 136 Personen, die sie in den Zeugenstand rufen möchte, darunter an die 50 Escort-Damen und Partymädchen. Die Staatsanwälte stützen ihre Vorwürfe gegen den Premier vor allem auf abgehörte Telefongespräche. Fast ein Jahr lang hatten die Ermittler das Party-Umfeld von Berlusconi abgehört und Handys geortet. Es entstanden 389 Seiten an Protokollen von abgehörten Telefongesprächen, Vernehmungen sowie sonstigem Material wie etwa Auszüge aus Adressbüchern oder Interviews. Mitte Jänner folgten 211 weitere Seiten. Die italienische Tageszeitung La Repubblica hat die Protokolle auf ihrer Seite veröffentlicht. Der Premierminister selbst attackiert die Staatsanwälte und verweigert eine Anhörung vor den Ermittlern. derStandard.at hat die Protokolle durchgesehen und übersetzt (Hier lesen Sie den ersten Teil). Der zweite Teil der Übersetzung dreht sich vor allem um die abgehörten Telefongespräche Rubys mit diversen Leuten sowie um die Gespräche zwischen Lele Mora und Emilio Fede, die die Mädchen für Berlusconis Feste und Abendessen eingeladen haben sollen.
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Auszüge aus dem polizeilichen Verhör Iriartre Osorios am 17.12.2010:
Iriartre Osorio ist eine Bekannte Rubys. Sie wurde verhört, nachdem Telefongespräche zwischen ihr und Ruby aufgetaucht waren, die beweisen sollen, dass sich sowohl Osorio als auch Ruby prostituiert haben.
Frage: Da sie keiner Arbeit nachgegangen sind, ist es vorgekommen, dass Sie Sex gegen Bezahlung angeboten haben?
Osorio: Es hat sich so entwickelt, dass ich mich prostituieren musste, um Geld zum Überleben zu haben.
Frage: Haben Sie Karim El Mahroug, Ruby genannt, kennengelernt?
Osorio: Ich habe Ruby diesen Sommer kennengelernt, sie wurde mir von gemeinsamen Freunden vorgestellt.
Frage: Uns liegen einige Telefonate sowie Textnachrichten zwischen Ihnen und Ruby vom August 2010 vor. Ich lese Ihnen nun aus dem Gespräch vom 20. August 2010 um 12.10 Uhr, mit der Aktennummer 753, vor. Ruby sagt da: "Komm einmal her, es gibt viel Arbeit, ich bin hier in Nervi (Genua, Anm.), weil hier das Haus ist, ich fahre aber immer nach Portofino, Santa Margherita, und so weiter. Ruby weiter: Er hat zu mir gesagt: "Kommst du her zu mir?"... Ich hab ihm gesagt: "Ja, aber wieviel zahlst du mir und meiner Freundin?" Er meinte: "Wieviel wollt ihr?" Dann hab ich ihm gesagt: "Na gut, ich verlange nicht viel, 1.000 (Euro, Anm)." Und er: "Nein, 1.000 ist viel!" Dann sagte ich: "Ja, aber das sind 500 pro Kopf." Dann er: "Ich hätte lieber, dass nur du kommst", darauf ich: "Entweder kommen wir beide, oder keine von uns." Können Sie uns dieses Telefonat erklären? (...)
Osorio: Es ist offensichtlich, dass es darum ging, dass Ruby in der Lage war, Treffen mit Personen aufzustellen, die bereit waren, für Sex zu zahlen. Allerdings bin ich nicht nach Genua gefahren, da ich nach Kolumbien musste, weil es meiner Mutter nicht gut ging. Ich kann aber nicht leugnen, dass ich Rubys Telefonat richtig gedeutet habe, dass ich also Personen hätte treffen können, die mich für Sex bezahlt hätten.
Frage: Können Sie bauchtanzen?
Osorio: Nein.
Frage: Sie haben angegeben, Ruby nur einmal gesehen zu haben. Wie kam es, dass Ruby sie angerufen hat, um Ihnen diese Angebote zu machen?
Osorio: Sie wusste über die gemeinsamen Freunde und weil wir uns in denselben Lokalen bewegen, dass ich in einer sehr, sehr prekären wirtschaftlichen Lage lebe und dass ich mich prostituieren musste, um zu überleben. Hinzu kommt, dass ich einen achtjährigen Sohn habe, zu dem ich zurückkehren möchte, und daher brauche ich ein stabiles Einkommen und das versuche ich auch, aber in der Zwischenzeit musste ich mich eben auch prostituieren. Ich stelle mir für die Zukunft ein Leben mit meinem Sohn vor und kämpfe auch dafür, und daher wusste Ruby wohl auch, dass ich ihr Angebot angenommen hätte, aber dann musste ich eben nach Kolumbien, eben weil es meiner Mutter so schlecht ging.
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