Erster Frauenbericht liegt vor

5. April 2011, 14:08
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Teilzeit und Verhütung Frauensache, Chefposten und Politik Männersache: Ergebnisse sollen als Grundlage für Frauenpolitik dienen - Frauenstadträtin will Studie als Dauereinrichtung etablieren

Linz - Fast ein Jahr waren Wissenschafterinnen vom Institut für Frauen- und Geschlechterforschung an der Johannes Kepler Universität auf Initiative von Frauenstadträtin Eva Schobesberger mit der Erstellung des ersten Linzer Frauenberichtes beschäftigt. Das Ergebnis liegt jetzt vor und gibt einen umfassenden Einblick in die Lebensbedingungen der Linzerinnen.

Segregation am Arbeitsmarkt

Der Arbeitsmarkt in Linz ist - wie überall in Österreich - von einer starken horizontalen und vertikalen Segregation geprägt: Rund 41 Prozent aller erwerbstätigen Frauen sind teilzeitbeschäftigt, 57 Prozent der Linzerinnen, aber 87 Prozent der Linzer haben einen Vollzeitarbeitsplatz. 48 Prozent der unselbständig Erwerbstätigen sind weiblich, wovon 70 Prozent im Dienstleistungssektor (gegenüber 54 Prozent der Männer) beschäftigt sind. Nur zehn Prozent aller Frauen arbeiten im klassischen produzierenden Bereich (gegenüber 36 Prozent der Männer). Und: Auch in Linz sind Führungsfunktionen Männerdomäne.

Der geschlechtsspezifische Lohngap in Linz beträgt 32 Prozent, je nach beruflichem Status wird er sogar noch größer. Die geschlechtsspezifische Einkommensdifferenz bei PensionistInnen ist nur noch in St. Pölten und in Innsbruck größer als in Linz, wo sie bei 42 Prozent liegt.

Konsequenzen aus dieser Segregation ist auch in Linz das größere Armutsrisiko von Frauen, vor allem der Alleinerzieherinnen, prekär Beschäftigten, Frauen mit Migrationshintergrund oder Pensionistinnen. Die Anzahl von Sozialhilfebezieherinnen ist stark steigend. Die traditionelle Geschlechterordnung verschärft die Situation noch: 16 Prozent der Linzerinnen im erwerbsfähigen Alter sind Hausfrauen.

Politik ist Männersache

Die Linzer Politik dagegen ist eindeutig männlich konnotiert: Frauen sind in politischen Funktionen, in den Stadtparteien (Ausnahme: "Die Grünen Linz") und in den verschiedenen Interessenvertretungen deutlich unterrepräsentiert. Dadurch werden sukzessive weniger Frauen- bzw. geschlechterspezifische Anträge an den Linzer Gemeinderat gestellt. Allerdings verfügt die Stadt neben dem Frauenförder- und Gleichstellungsprogramm über frauenpolitische Organe wie das Frauenbüro und auch Gender Budgeting wird in der Linzer Stadtverwaltung umgesetzt.

Verhütung ist noch immer Frauensache

Neben Erhebungen zum Arbeitsmarkt und zur Politik präsentiert der Frauenbericht auch aktuelle Zahlen zu den Themen Sexualität und Verhütung, die die Forscherinnen als Frauensache ausweisen. Teenagermütter finden sich in Linz immer seltener, obwohl viele junge Frauen ungenügend sexuell aufgeklärt sind. Bei der Inanspruchnahme von Beratungsangeboten finden sich große kulturelle Unterschiede: Mädchen mit türkischem Migrationshintergrund haben potenzierte Barrieren auf dem Weg zu einer selbstbestimmten Sexualität zu überwinden. In den Einrichtungen für Mütter und Kinder ist der Anteil von Migrantinnen dagegen sehr hoch (zeitweise bis zu 70 Prozent).

Die Zahl der Abtreibungen stagniert, dafür gibt es eine Zunahme der Beratungshäufigkeit rund um ungewollte Kinderlosigkeit, Schwangerschaft und Schwangerschaftskonflikte. Die Autorinnen schreiben zudem von einer Medizinisierung, Technisierung und Pathologisierung von Schwangerschaft und Geburt.

Profunde Analyse

Die Erhebungen und Analysen wurden von den beiden Autorinnen, Renate Böhm und Birgit Buchinger, unter der Projekt-Leitung der Institutsvorständin Gabrielle Hauch durchgeführt. Dabei ist ein Mix an quantitativen und qualitativen Methoden zum Einsatz gekommen. In die Analyse wurden horizontale soziale Ungleichheitsfaktoren wie Geschlecht, Alter, ethnische Zugehörigkeit oder Beeinträchtigungen in Verknüpfung mit vertikalen sozialen Ungleichheitsfaktoren wie etwa Bildungsstand, beruflicher Status oder Einkommen einbezogen. Im Rahmen von Workshops und Interviews haben sich auch 70 Linzer ExpertInnen - unter anderem die Frauenbeauftragte der Stadt Linz Jutta Reisinger - am Entstehen der Studie beteiligt.

Wegweiser für Frauenpolitik

"Dieser Bericht bildet die qualitative und quantitative Grundlage für frauenpolitische Maßnahmen in den kommenden Jahren und ermöglicht uns ein maßgeschneidertes Handeln", betont Schobesberger. Zudem soll die Studie Basis für frauenpolitische Aktivierung sein. "Wir wollen den Frauenbericht in Linz als Dauereinrichtung etablieren, um so die Lage der Frauen kontinuierlich im Blick zu haben. Denn schließlich ist dadurch das Erkennen und Schließen von geschlechterspezifischen Datenlücken möglich", ist die Frauenstadträtin überzeugt. (red)

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