Wien - Die Wirtschaftsentwicklung und die Aktienmärkte in Mittel- und
Osteuropa und Österreich bleiben nach Einschätzung der Experten von Raiffeisen
Bank International (RBI) und Raiffeisen Centrobank (RCB) weiterhin robust. Die
Zinsen in der Eurozone werden bis Jahresende bei zwei Prozent gesehen, die erste
Anhebung der Europäischen Zentralbank (EZB) um 25 Basispunkte wird für
Donnerstag erwartet.
Es gebe zwar neue Risiken wie die Aufstände in der arabischen Welt, die
Katastrophe in Japan, Inflationsängste und nach wie vor im Hintergrund köchelnd
die Staatsverschuldungen - die Konjunktur werde all diesen Angriffen trotzen,
auch wenn die Gegenwinde stärker geworden seien, sagte RBI-Chefanalyst Peter
Brezinschek heute, Dienstag, bei der Präsentation des Kapitalmarktszenarios
Österreich und CEE. Auswirkungen seien 2012 zu erwarten. Die Vertrauensfähigkeit
der Märkte überrasche, so RCB-Chefanalystin Birgit Kuras. Japan werde auf
Österreich und Europa keine größeren Auswirkungen haben, negative Einflüsse
könnte aber eine Eskalation in der arabischen Welt werden, und auch Ölpreise und
Staatsverschuldung seien ein Thema.
In der Region CEE gebe es einen Aufschwung der unterschiedlichen
Geschwindigkeiten, und auch die Inflation werde sich unterschiedlich auswirken,
so Brezinschek. Die Wachstumsraten seien noch nicht auf Vorkrisenniveau, aber
wieder beachtlich. Für heuer wird mit einem durchschnittlichen Wachstum in
Mitteleuropa (CE) mit 3,1 Prozent und 2012 mit 3,8 Prozent gerechnet, für die
GUS mit 4,9 bzw. 4,5 Prozent. Eine positive Veränderungsrate werde es heuer nach
den Rückgängen der Vorjahre wieder in Südosteuropa geben: Die
Raiffeisen-Experten erwarten heuer einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP)
von 1,8 Prozent und im kommenden Jahr von 3,4 Prozent.
3,9 Prozent Wachstum in der Region
Für die gesamte Region wird ein Wachstum von 3,9 Prozent 2011 und von 4,1
Prozent für 2012 prognostiziert. In Österreich wird heuer unverändert mit einem
BIP-Plus von 2,5 Prozent gerechnet. Die Konjunktur werde zunehmend von
Investitionen und privatem Konsum getragen, so Kuras. Die Wirtschaft der
Eurozone sollte heuer um 1,8 Prozent und 2012 um 1,9 Prozent zulegen.
Am wenigsten stark von der Inflation tangiert sein werden in Mittel- und
Osteuropa voraussichtlich Tschechien, Polen, Slowenien, die Slowakei und
Russland. Am verwundbarsten für höhere Lebensmittel- und Energiepreise sei die
Region SEE. Auch in der Geldpolitik der Staaten werden unterschiedliche
Reaktionen erwartet, die meisten Währungen werden seitwärts prognostiziert.
Für die Zinsen in der Eurozone geht Brezinschek davon aus, dass die EZB, nach
einer ersten Anhebung am Donnerstag um 25 Basispunkte auf 1,25 Prozent, heuer ab
dem Sommer noch weitere Zinsschritte setzen wird. Bis Jahresende sollte dann ein
Leitzins von 2,0 Prozent erreicht sein. Die Inflationsrate werde bis Juli
steigen und dann ab der zweiten Jahreshälfte wieder in Richtung 2 Prozent
zurückgehen. In den USA seien Zinserhöhungen ab Herbst zu erwarten. Das
Euro-Dollar-Verhältnis wird zunächst in Richtung 1,50 gehen und dann bis
Jahresende bei 1,35 liegen.
Zum Kauf empfohlen werden Osteuropa-Aktien. An den CEE-Börsen wird ein
Kursanstieg von 6 bis 11 Prozent erwartet. Im zweiten Quartal bevorzugt würden
die SEE-Region und - mit Blick auf die Ölpreise - Russland, so die Experten. Den
Wiener Börseindex ATX, der heute mittag bei 2.884 Punkten lag, erwartet Kuras
bis Ende Juni bei 3.100 Punkten und bis Jahresende bei 3.300 Punkten und dann
für das erste Quartal 2012 eine Seitwärts-Bewegung. Die Gewinne der
ATX-Unternehmen würden in der neuen Index-Zusammensetzung heuer um 34 Prozent
steigen, und auch die Bewertungen seien attraktiv.
Bei den Finanzwerten werden Retailbanken positiv gesehen. Die Risikokosten in
der Region seien geringer, die Kreditqualität auch bei den Privatkunden besser
geworden, so Stefan Maxian, Leiter des Company Research der RCB. Bei den
Versorgern werden Unternehmen mit einem hohen Förder- oder Gasanteil positiv
bewertet. (APA)