"Wir fordern Rückeroberung des Heldenplatzes"

5. April 2011, 17:30
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Rotgrüne Wiener Regierung hat sich auf Denkmal für Wehrmachts-Deserteure festgelegt - Wie und wo, steht noch nicht fest

Jahrzehntelang mussten Überlebende der NS-Militärjustiz darauf warten, dass ihre Verurteilungen für unrechtmäßig erklärt wurden - und mit den Urteilen auch die Verfolgung, Folter und Inhaftierung der vielen anderen, die nie vor ein Gericht geführt wurden.

Erst im Oktober 2009 wurden die Wehrmachts-Deserteure offiziell rehabilitiert - FPÖ und BZÖ verweigerten ihre Zustimmung im Nationalrat und pochten somit auf die Fortsetzung der jahrzehntelangen Ausgrenzung der Opfer der NS-Militärjustiz. Ein Ausgrenzungskurs, der laut der Historikerin Heidemarie Uhl nicht unmittelbar nach Kriegsende einsetzte, sondern erst ab 1948 zum Leitbild des Umgangs mit der Kriegsgeschichte wurde.

Während davor die österreichischen Soldaten in der Wehrmacht - pauschal und vereinfachend - als Opfer Hitlers dargestellt wurden, kippte die Stimmung danach: Österreicher, die für die Wehrmacht kämpften, kämpften für die Heimat, hieß es danach. Gleichzeitig setzte ein flächendeckendes Gedenken an die Gefallenen ein, jede noch so kleine Siedlung bekam ihr Kriegerdenkmal - laut Uhl "ein Versöhnungsangebot an die Nazis".

Österreich hinkt nach

Während in Deutschland bereits ab Mitte der Achtzigerjahre begonnen wurde, mit Mahnmalen "des unbekannten Deserteurs" zu gedenken, setzte der Bewusstseinswandel in Österreich erst viel später ein. Zu stark war die Macht der Kameradschaftsverbände, zu groß die Scham der Überlebenden, sich zu ihrer Geschichte zu bekennen. In Deutschland waren bereits Mitte der Neunzigerjahre viele der heute 30 Deserteurs-Mahnmale aufgestellt. In Österreich gab es mehrere kleine Initiativen, etwa in Graz, auch in Wien. Doch gibt es bis heute in der Bundeshauptstadt nur ein einziges Denkmal für die Opfer der NS-Militärjustiz - und selbst dieses ist so unbeachtet und versteckt, dass man gezielt suchen muss, will man den Gedenkstein am ehemaligen Erschießungsplatz in Kagran finden.

Das soll sich nun ändern. Nach jahrelanger Vorarbeit des "Personenkomitees Gerechtigkeit für die Opfer der Militärjustiz" soll den Deserteuren im Lauf der nächsten Jahre ein Denkmal gesetzt werden. Wie es gestaltet werden soll, wo ein geeigneter Platz dafür wäre, und welche Lehren Wien aus den Erfahrungen deutscher Städte ziehen kann, war Gegenstand einer angeregt - und unter Beisein von VertreterInnen der rotgrünen Regierung - geführten Diskussion im Wiener Depot.

Kein "monströser Stein"

Das Grundproblem brachte Historiker Thomas Geldmacher auf den Punkt: "Denkmäler sind oft die unsichtbarsten Gegenstände im öffentlichen Raum." Wer aufrütteln wolle, müsse für Interaktivität sorgen und Bezüge zur Gegenwart herstellen, glaubt Geldmacher, der die Wanderausstellung über NS-Militärjustiz mit dem Titel "Was damals Recht war" für Österreich adaptiert hat. 

Dass ein Denkmal mehr sein kann als "ein monströser Stein, der dann Mahnmal genannt wird", illustrierte der deutsche Historiker Magnus Koch, der bereits mehrere Ausstellungsprojekte zum Thema betreut hat, eindrücklich. Die Stadt Köln widmete dem Deserteurs-Denkmal einen besonderen Ort und eine Form, die das Mahnmal gekonnt mit seinen historischen Bezügen verknüpft: eine Pergola, die zum Stehenbleiben einlädt, laut Koch "ein Ort, wo man sich trifft", und die via Hinweistafeln nicht nur den Gedenkort und seine Geschichte erklärt, sondern auch einlädt, sich in das Gebäude vis-à-vis zu begeben: nicht zufällig befindet sich das Mahnmal gegenüber des lokalen NS-Dokumentationszentrums.

Viele Orte kämen in Frage

Orte, die für ein Mahnmal in Frage kämen, müsse man in Wien nicht lange suchen, erklärt Mathias Lichtenwagner, der die Tatorte der NS-Militärjustiz im Rahmen seiner Diplomarbeit an der Uni Wien erhoben und dokumentiert hat. Bis auf ein Gebäude seien alle Orte, an welchen Deserteure festgehalten, befragt, gefoltert, verurteilt und hingerichtet wurden, heute in öffentlichem Besitz.

"Man muss also nicht erst mit privaten Hauseigentümern streiten, wenn man ein Denkmal anbringen will", sagt Lichtenwagner. Geldmacher würde das Mahnmal gerne an einem zentralen, aber auch repräsentativen Ort sehen: "Wir fordern die Rückeroberung des Heldenplatzes", verkündet er im Namen des Personenkomitees. Eine Ortswahl, mit der sich auch Richard Wadani, der selbst aus der Wehrmacht desertiert ist, anfreunden könnte: "Auf jeden Fall wäre der Heldenplatz eine gute Lösung", sagt der 88-Jährige, und erklärt: "So ein Denkmal, das ist ja keine Frage des Entgegenkommens. Das ist eine politische Frage." (Maria Sterkl, derStandard.at, 5.4.2011)

  • Rot-grünes Regierungsübereinkommen, Seite 52: Nicht nur Deserteure, sondern auch Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung von den Nazis verfolgt, erniedrigt und umgebracht wurden, sollen nun ein Denkmal erhalten

    Rot-grünes Regierungsübereinkommen, Seite 52: Nicht nur Deserteure, sondern auch Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung von den Nazis verfolgt, erniedrigt und umgebracht wurden, sollen nun ein Denkmal erhalten

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    Die gesetzliche Rehabilitierung feierte Richard Wadani im Jahr 2009. Bald könnte der 88-Jährige auch ein symbolisches Zugeständnis der Stadt Wien erleben.

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