Gesamtkunstwerk mit weißen Steinen

5. April 2011, 12:30
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Ein Ereignis: Roger Waters tourt mit "The Wall" durch Europa - Thomas Trenkler für derStandard.at

Zwei Jahrzehnte, nachdem er sein Opus magnum zusammen mit Van Morrisson, Sinéad O'Connor, Bryan Adams und anderen am Potsdamer Platz von Berlin vor gut 250.000 Zuschauern zur Aufführung gebracht hatte, kramte Roger Waters wieder die Bausteine heraus: Der ehemalige Bassist und zeitweilige Mastermind von Pink Floyd tourt gegenwärtig mit "The Wall" durch Europa. Auftakt war unlängst in Lissabon, nach mehreren Shows in Barcelona und Mailand macht Waters von 8. bis 11. April in Arnheim Station.

Das visuelle Konzept blieb nahezu das gleiche wie 1980/81, als Pink Floyd ihr im November 1979 veröffentlichtes Doppelalbum, das zum erfolgreichsten in der Geschichte der Rockmusik avancieren sollte, zum ersten Mal live spielten. Und auch die Probleme blieben es: Die wirklich gewaltige Mauer aus weißen Steinen, die von den Bühnenarbeitern bis zur Pause zwischen Publikum und Band aufgeschichtet wird, benötigt derart viel Platz, dass die Wiener Stadthalle, wiewohl angedacht, als Veranstaltungsort ausschied.

Wer die multimediale Show sehen will, muss also die Reise nach Zagreb, Prag, London, Paris, München oder sonstwohin (die Tournee endet am 7. Juli in Mailand) antreten. Aber niemandem werden die Strapazen und Kosten reuen. Denn Roger Waters liefert mit seiner Heerschar an Helfern eine perfekte, packende Performance.

Natürlich: Der Meister der Melancholie wird bald 68 Jahre alt. Und das sieht man ihm, dem hageren, graubärtigen Mann, auch an. Bei "Mother" wagt er viel: Roger Waters singt im Duett mit sich selbst - beziehungsweise mit einer Einspielung aus 1980. Das gelingt erstaunlich gut. Wohl deshalb, weil man nicht ganz genau weiß, ob man den Roger Waters von damals oder von jetzt hört. Bei anderen Nummern hingegen spürt man, wie er mit der Stimme kämpft.

Und natürlich: David Gilmour, der Gitarist von Pink Floyd, ist nicht zu ersetzen. Bei "Comfortably Numb" braucht es gar zwei Musiker: Einen, der singt, und einen, der die grandiosen Soli grandios nachspielt. Doch wie schon von 30 Jahren, als sich Pink Floyd nach der Pause von einer "Surogate Band" ersetzen ließen, geht es nicht um einzelne Persönlichkeiten, sondern um das Gesamtkunstwerk aus Licht, Ton, Marionetten, atemberaubenden Videoeinspielungen und pyrotechnischen Effekten.

Die aktualisierte, sehr politische Version ist ohne Zweifel am Stand des technischen Machbaren. Zu Beginn glaubt man sich in einem gewaltigen Bombardement, ein Flugzeug zischt vorbei, später staunt man über die dreidimensionalen Computersimulationen und noch später schwebt ein zeppelinartiges Riesenschwein über die Köpfe durch den Saal. Roger Waters warnt immer wieder vor Krieg und Faschismus, er übt massiv Kritik an Politik und Internet ("iPay"), er entfacht ein gewaltiges Feuerwerk aus Bildern und Botschaften. Aber er setzt auch Kontrapunkte: Bei "Hey You", der ersten Nummer nach der halbstündigen "Intermission", tut sich nichts, wirklich nichts. Denn die Bühne besteht nur aus Mauer. Und diese ist nicht einmal Projektionsfläche.

Mit dem monströsen "Run Like Hell" zu den im Gleichschritt marschierenden Hakenkreuz-Hämmern ist der definitive Höhepunkt erreicht. "The Trial" wirkt beinahe wie eine Karikatur, das Einstürzen der Mauer gelingt weit weniger spektakulär als erwartet. Und "Outside The Wall", unplugged dargebracht, enttäuscht sogar ein wenig. Eine Zugabe gibt es zudem nicht. "The Tide Is Turning" stimmte vielleicht 1990 nach dem Mauerfall und dem friedlichen Zusammenbruch des Kommunismus. Dieser Tage gibt es aber weniger Hoffnung auf Änderung. (Thomas Trenkler, derStandard.at, 5. April 2011)

Infos über die Europatournee und Tickets

  • Wieder mit "The Wall" unterwegs: Roger Waters.
    foto: epa/daniel dal zennaro

    Wieder mit "The Wall" unterwegs: Roger Waters.

  • Roger Waters beim Europa-Tour-Start in Lissabon.
    foto: epa/antonio cotrim

    Roger Waters beim Europa-Tour-Start in Lissabon.

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