"Kann man einen Mann mit großen Brillen lieben?"

6. April 2011, 13:58
2 Postings

Regisseurin Guo Xiaolu begleitet "She, a Chinese" durch Chinas Aufbruchsgesellschaft bis zur Emigration in den Westen

Wien - Bisweilen materialisiert sich das Schicksal und Wesen eines ganzen Landes in einer Kunstfigur: Diese metaphorische Bürde hat Mei zu tragen, die Protagonistin in Guo Xiaolus neuem Filmwerk mit dem programmatischen Titel "She, a Chinese". Die lakonische Momentaufnahme einer Biografie folgt der jungen Frau aus der Hoffnungslosigkeit der Kleinstadt über ein Dasein als Arbeiterin und Prostituierte bis zur Emigration in den Westen samt der damit verbundenen Demütigungen und Hoffnung auf Selbstständigkeit.

Die junge Mei (Huang Lu) lebt in der aus US-Filmen bekannten Trostlosigkeit der Vorstadtjugend, hangelt sich lethargisch von einem Gelegenheitsjob zum nächsten Flirt, bis sie von einer der Bekanntschaften vergewaltigt wird. Dieses Schockerlebnis führt zur Flucht in die nächst größere Stadt, wo sie aufgrund ihrer Passivität jedoch schnell als Näherin gefeuert und als Prostituierte angeheuert wird. Nach einer Liaison mit dem Kleinkriminellen Spikey, der schließlich bei einem seiner Mafiaaufträge getötet wird, reist Mei mit dessen Ersparnissen nach London. Dort schlägt sie sich als Pandabärmaskottchen eines Restaurants und als Masseuse durch, bis sie den 70-jährigen Mr. Hunt heiratet, den sie wiederum für einen jungen pakistanischen Immigranten verlässt, der sie im Gegenzug bei seiner Rückkehr in die Heimat schwanger sitzen lässt.

In Richtung "Fortschritt" getrieben

Klingt rasant, ist es aber nicht. Ungeachtet des vermeintlich turbulenten Plots, bleibt die Protagonistin in ihrem monotonen Spiel und mit kryptischen Gesichtszügen, die kaum Regungen erahnen lassen, stets passiv. Sie steht Pars pro Toto für die chinesische Aufbruchsgesellschaft, sich ständig in Richtung "Fortschritt" treiben lassend, mit wenig Sicherheit, wenigen Bindungen. Der Enge ihres grenzenlosen Landes steht Mei trotz aller Abs (und weniger Aufs) scheinbar teilnahmslos gegenüber.

Ebenso lapidar wie die Hauptfigur Mei gestaltet Guo den Schnitt ihres Werks. Ortswechsel erfolgen oft kommentarlos, ohne Überleitung, bleiben fragmentarisch. Zugleich teilt die Regisseurin etwas unmotiviert die Erzählung in mehrere Kapitel. Bei aller Nüchternheit setzt die Filmemacherin dabei stets auf Ironie mit Titeln wie "Kann man einen Mann mit großen Brillen lieben?" (Die Antwort ist übrigens nein).

Renommierte Regisseurin

Guo zeichnet nicht nur für die Regie verantwortlich, sondern hat als Autorin ("Stadt der Steine") auch das Drehbuch verfasst. Obgleich seit 2002 im Westen lebend, behandeln ihre bisherigen Dokumentar- und Spielfilme ("How is your fish today" 2006) allesamt die Irren und Wirren einer chinesischen Gesellschaft im Umbruch - was von den dortigen Machthabern nicht immer geschätzt wird. So erklärt sich die bescheidene Bildqualität von "She, a Chinese" auch aus dem Umstand, dass mit Digitalkameras gedreht wurde, um das Material leichter auf Festplatte herunterladen und so außer Landes bringen zu können.

Andernorts erfährt Gous Arbeit hingegen umso mehr Zuspruch. So war "She, a Chinese" 2009 der Gewinner des Goldenen Leoparden beim Festival in Locarno und räumte im selben Jahr auch den Drehbuchpreis beim Hamburger Filmfest ab. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Guo Xiaolus Film "She, a Chinese" läuft ab Freitag, 8. April in den heimischen Kinos.

Share if you care.