Wenn die Jungen mit der EMMA

6. April 2011, 07:00
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Reaktionen auf den Roundtable: "Vereinnahmung" sagen die einen, "ein wichtiger Schulterschluss" die anderen

Die neue EMMA ist seit letzter Woche da. Auf ihrem Titelblatt schauen uns Medien-Frauen unterschiedlicher Generationen, aber auch mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten, entgegen. Zwei der Cover-Frauen, Chris Köver und Stefanie Lohaus, gehören der MISSY-Magazine- Redaktion an, ein Heft, das beispielsweise mit Pornographie, Migration oder Sex völlig anderes umgeht als die EMMA. Neben Bloggerin Katrin Rönicke von der Mädchenmannschaft waren noch Alexandra Eul und Chantal Louis von der EMMA und natürlich Alice Schwarzer beim Roundtable zum Thema Spaltung oder besser: "Keinen Bock auf Spaltung".

"Rechtsautoritäre Frauenpolitik"

Die Begegnung zwischen den Feministinnen rief einiges an Reaktionen hervor. Dass vielen Frauen Verbündung oder auch Abgrenzung zur EMMA nicht egal ist, zeigt allein schon die rege Diskussion auf der Facebook-Seite des MISSY-Magazine

Auch in der Blogossphäre wurde die Gesprächsrunde kommentiert. Die Bloggerin Julia Seeliger nahm sich den Versuch, jeglichen Spaltungsverdacht zu beseitigen, kritisch vor. Nichts Neues sei etwa die Feststellung, dass unterschiedliche Auffassungen und Streit unter engagierten Frauen von Medien immer wieder genüsslich konstruiert werden. Wichtiger sei die zweite Conclusio, dass es nämlich schon seit jeher unterschiedliche Strömungen gegeben hat. Laut Blog hätten sich aber MISSY und die Bloggerin Katrin Rönicke eben dieser einen, dominanten Strömung mit dieser Gesprächsrunde untergeordnet: "Mit ihrer Aktion stärken sie nur die Strömung Alice Schwarzer und ihre rechtsautoritäre Frauenpolitik."

"Feminpopulismus"

Schwarzer schürt die Islamfeindlichkeit und die EMMA berichtet tendenziös über Themen wie Pornographie und Prostitution, so Seeliger. Daher sei Schwarzers Feminismus durchaus "kritikwürdig", ein "Feminpopulismus", durch den man den scharfen Blick verliert: "Wer Schwarzer unterstützt, unterstützt auch diese entleerte, auf Medienfeedback - und nicht auf Emanzipation - orientierte Politik", steht im Blog Zeitrafferin abschließend.

Auch in einem Kommentar in der taz ließ Seeliger kein gutes Haar an der Runde. Die "Patriarchin" Schwarzer habe ihre jahrzehntelangen Talk-Erfahrungen gnadenlos eingesetzt. Und jene Themen, die wirklich zu Kontroversen hätten führen können, wurden "elegant abgeräumt". Während unterschiedliche Auffassungen über Pornographie auf "Missverständnisse" reduziert wurden, wurde das besonders heikle Thema Islam völlig außen vor gelassen. Auch auf der Facebook-Seite des MISSY-Magazine gab die Position Schwarzers zum Islam vielen Userinnen Anlass zur Sorge, zumal über diese in der Diskussionsrunde tatsächlich kein Wort - weder von EMMA, noch von MISSY-Seite - verloren wurde. 

Dass Schwarzer selbst bei verschiedenen Anlässen die Differenzen zwischen "Alt" und "Jung" betonen würde, um sich so die Definitionsmacht über Begriffe wie Porno oder Prostitution zu verschaffen, ist in feministischen Netzkreisen ebenfalls Thema.

"Einfach supi!"

Aber auch viel Lob und Zuspruch für die Talk-Runde war dabei. In einem Posting heißt es, es sei "wirklich gut und notwendig, dass sich ältere und jüngere Feministinnen, wenn auch nur symbolisch, zusammentun", eine andere meinte schlicht: "Ich find´s supi!" Die Bloggerin Antje Schrupp wäre wohl am liebsten selbst beim Gespräch dabei gewesen, scheint sie doch nicht ganz glauben zu wollen, dass das Gespräch genauso lief, wie es jetzt in der EMMA nachzulesen ist. Sie richtet im Netz die Frage an MISSY: "Gibt es denn nochmal eine (eure) Version des Gesprächs in MISSY?". Schrupp gibt dennoch in Richtung jener zu bedenken, die meinen, die Nicht-Emmas hätten Schwarzer zu wenig widersprochen: "Es ist nicht so einfach, jemanden Kritik ins Gesicht zu sagen - und schon gar nicht einer so starken Persönlichkeit wie Alice Schwarzer. Aus sicherem Abstand hinter dem eigenen Computer geht das viel einfacher" und lobt das Bemühen hinter der Sache.

Unverzichtbarer Dialog

Und wie sehen die Beteiligten die Gesprächsrunde und ihre Aufarbeitung im Nachhinein? Aus der EMMA-Redaktion wurde um Verständnis gebeten, "dass wir ein geführtes und autorisiertes Gespräch im Nachhinein aus Prinzip nicht mehr kommentieren möchten."

Auf der Seite von Katrin Rönicke findet sich aktuell ein kurzes Zitat aus einem Kommentar der Bloggerin Anna Berg, die in Richtung Schwarzer schrieb: "Vor lauter Furcht, Ihr Denkmal könnte bröckeln, trauen Sie sich anscheinend nicht, sich auch nur ein Stückchen zu bewegen."

In Rönickes eigener Beurteilung des Gesprächs resümierte sie aber durchaus positiv: "Ich nehme für mich mit, dass der Dialog unverzichtbar ist - auch mit vermeintlichen GegnerInnen. Der Dialog an sich hat einen Wert - egal, ob er dann in ganzer Länge und Breite irgendwo gedruckt steht, oder ob er fürs erste eine Erfahrung der beteiligten Personen bleibt. Wenn dabei der einseitige Eindruck entstanden ist, plötzlich gäbe es keine Probleme mehr oder Kritikpunkte, dann ist das schade, aber nicht wahr." Das Ziel des Gespräches sei nicht gewesen, der EMMA die Meinung zu geigen, sondern "über den eigenen Schatten zu springen und offen zu schauen, was eigentlich dran ist an all den Geschichten. Im Großen und Ganzen fiel es mir wie Schuppen von den Augen, wie stark eigentlich die eigene Meinung vom medialen Anti-Diskurs geprägt war."

Und Stefanie Lohaus vom MISSY-Magazine meinte auf Nachfrage von dieStandard.at: "Die Idee, die hinter dem Roundtable steckte, war die der freundlichen Kontaktaufnahme, um der von der Öffentlichkeit erwarteten Spaltung zwischen jungen und alten Feministinnen und insbesondere der allgemeinen Abgrenzung von Alice Schwarzer etwas entgegenzusetzen. Es ging uns erst mal darum, die EMMA-Redaktion und Frau Schwarzer überhaupt kennenzulernen und zwar möglichst ohne Vorbehalte. Genau das ist passiert, wir haben sehr viel geredet, uns ausgetauscht, auch über solche Banalitäten wie den Alltag in der Redaktion, wir haben viel gefragt, gelacht, gesprochen." Das Ganze sollte einen Auftakt darstellen für mehr Dialog zwischen Feministinnen - "selbst wenn sie zu einzelnen Fragestellung unterschiedliche Meinungen haben", so Lohaus.

"Es war tatsächlich ein Aha-Erlebnis"

Schwarzer und die EMMA müssen - mal gerechtfertigt, mal weniger - Ablehnung und sogar Hass einstecken, meinte die MISSY-Herausgeberin. "Wir wollten signalisieren, dass wir da nicht mitmachen möchten und dass es auch anders gehen kann."

Dass die Themen Prostitution, Sexarbeit oder Kopftuch nicht angesprochen wurden, fand Lohaus gut: "Zum einen, weil genau diese Themen die komplexesten und eben spaltenden sind. Unter Umständen wäre es dann nämlich doch zu einem von Abgrenzung geprägten Gespräch gekommen und genau das war nicht unser Anliegen."

Auf die Frage, ob die unterschiedlichen Positionen zu Pornographie wirklich nur begriffliche Missverständnisse waren, meinte Lohaus: "Ich habe mich tatsächlich bisher wenig mit den Thesen der Zweiten Welle zur Pornografie befasst, weil ich diese kategorisch abgelehnt habe. Die Kritik über diese Thesen zu lesen reicht ja schon, dachte ich mir. Von daher war es tatsächlich ein Aha-Erlebnis zu erkennen, dass es zwei verschiedene Definitionen gibt, von dem was pornographisch ist und dass Alice Schwarzer gar nicht per se das ablehnt, was ich unter "Sex-Positive"-Feminismus verstehe. Mit welcher Definition ich nun weiterarbeiten möchte, steht ja auf einem anderen Blatt." (Beate Hausbichler, dieStandardat.at, 6.4.2011)

  • Die aktuelle Ausgabe der EMMA. Von links oben: Katrin Rönicke, Alice Schwarzer und Stefanie Lohaus. Untere Reihe von links: Alexandra Eul, Chantal Louis und Chris Köver.
    emma, frühling 2011

    Die aktuelle Ausgabe der EMMA. Von links oben: Katrin Rönicke, Alice Schwarzer und Stefanie Lohaus. Untere Reihe von links: Alexandra Eul, Chantal Louis und Chris Köver.

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