"Wer heute nicht handelt, kann morgen nicht mehr heilen"

Situation kann durch entschiedene Maßnahmen rasch verbessert werden - Zurückhaltung bei Antibiotikagebrauch vorrangig

Wien/Genf  - "Antibiotika-Resistenz: Wer heute nicht handelt, kann morgen nicht heilen" - so lautet das Motto des Weltgesundheitstages 2011 am 7.April. Die Situation in der Europäischen Region: Jedes Jahr sterben nach Schätzungen allein in den Ländern der Europäischen Union rund 25.000 Menschen an schweren Infektionen mit resistenten Bakterien, die in einer Gesundheitseinrichtung erworben wurden. Auch Österreich ist hier keine "Insel der Seligen" mehr.

Weltweit kommt es allein bei der Tuberkulose derzeit zu 440.000 Erkrankungsfällen, die durch multiresistente Keime verursacht werden. 150.000 Patienten sterben pro Jahr an solchen Folgeerkrankungen, weil multiresistente Tuberkulose extrem schwierig zu behandeln ist und in den meisten Staaten der Erde dazu die Mittel fehlen. Resistenzen gibt es aber auch gegen viele der Malaria-Medikamente wie Chloroquin oder Sulfadoxin-Pyrimethamin, was in tropischen Ländern  eine Bedrohung für viele Millionen Menschen darstellt. Ein großer Teil der bakteriellen Infektionen, die Patienten in Spitälern erwerben, wird durch sogenannte methicillin-resistente Staphylococcus aureus-Keinme verursacht.

Die WHO anlässlich des diesjährigen Weltgesundheitstages: "Die Entstehung resistenter Bakterien ist ein schwerwiegendes Problem in Gesundheitseinrichtungen und führt unter anderem zu lebensbedrohlichen Blut- und Wundinfektionen, sowie zu Lungenentzündungen. Antibiotikaresistenzen verusachen steigende Behandlungskosten, die durch längere Krankenhausaufenthalte, höhere Ausgaben für Antibiotika und Behandlung sowie die indirekten Kosten für Familie und Gesellschaft entstehen. In vielen Ländern Europas sind Antibiotika nicht verschreibungspflichtig. Oft werden keine Daten zu antibiotikaresistenten Infektionen erhoben, so dass das Ausmaß des Problems trotz eines durchaus vorhandenen Bewusstseins unter den Ärzten nicht dokumentiert wird."

Sorgen bereiten Darmbakterien

Lange galt Österreich als "Insel der Seligen", was Antibiotikaresistenzen betraf. Sorgen bereiten hier neuerdings besonders resistente Darmbakterien. In den vergangenen Jahren wurden, durch Daten, die vom Nationalen Referenzzentrum für nosokomiale Infektionen und Antibiotikaresistenz am Krankenhaus der Elisabethinen in Linz gesammelt werden, deutliche Veränderungen dokumentiert.

Die Leiterin des Zentrums, Petra Apfalter, erklärte anlässlich des europäischen Antibiotikatages 2010 (18. November): "In Europa sprechen nur noch vier von zehn E. coli-Stämmen auf alle Antibiotika an, in Österreich ist es nur jeder zweite. Schwere Infektionen mit dem Darmbakterium E. coli nehmen zu, zusehends kommt es zu mehr Infektionen mit E. coli-Stämmen, die gegen zwei oder mehr Antibiotikaklassen resistent sind."

Besondere Sorgen machen den Experten derzeit E. coli-Bakterien, welche Enzyme (Betalaktamasen) in breiter Manier bilden. Mit den Enzymen machen die Keime Penicilline, Cephalosporine und Monobactame durch Spaltung unschädlich. Die Expertin: "Cephalosporine der 3. Generation gelten als 'Treiber' dieser Entwicklung. Sie werden in Österreich im niedergelassenen Bereich im EU-Vergleich überdurchschnittlich oft verwendet."

Auch Erfolge zu verbuchen

Laut Apfalter wurden in Österreich in den vergangenen Jahren aber auch Erfolge in Sachen Hygiene, Antibiotikaeinsatz und somit beim Zurückdrängen gefährlicher Resistenzentwicklungen gemacht: 2001 waren nur 7,5 Prozent der Staphylokokken aus Blutproben von Spitalspatienten mit invasiven Infektionen methicillin-resistent und somit schwer behandelbar. 2003 waren es dann plötzlich 15,4 Prozent, im Jahr 2009 dann nur 5,9 Prozent.

Bei den E. coli-Darmbakterien könnte sich eine ähnliche Entwicklung bezüglich der Chinolone, häufig verwendeten Breitband-Antibiotika, ergeben: Im Jahr 2001 zeigten 6,9 Prozent der untersuchten Keim-Stämme eine Resistenz, 2007 waren es 25,4 Prozent und im vergangenen Jahr dann 20,6 Prozent. Der Gipfel könnte auch dadurch entstanden sein, dass bei den Fluorchinolonen vor einigen Jahren plötzlich billigere Generika auf den Markt kamen. Das könnte Ärzte zur häufigeren Verschreibung dieser Substanzklasse verleitet haben.

Aber Vorsicht ist geboten vor allem aus Indien und Pakistan - vorerst allerdings nur durch schwer kranke Patienten nach langem Spitalsaufenthalt dort nach Europa eingeschleppt - kamen in jüngerer Vergangenheit Keime, die sogenannte Metallo-Laktamasen produzieren, welche sogar die stabilsten vorhanden Antibiotika (Carbapeneme) "knacken". Bis Oktober 2010 wurden vier solche Fälle in Österreich bestätigt. Hier wird die Therapie wegen fehlender gut wirksamer und gut verträglicher Ersatzantibiotika schon sehr schwer. Auch auf Intensivstationen - so Petra Apfalter - sollte man deshalb mit dem Einsatz der "Peneme" möglichst zurückhaltend sein. Schließlich hängt das Entstehen von Resistenzen direkt mit der Häufigkeit der Verwendung zusammen.

Neue Antibiotika fehlen

Das Entstehen von Resistenzen gegen häufig verwendete Antibiotika ist eine altbekannte Tatsache. Allerdings, ehemals konnte man oft sehr schnell auf neue Arzneimittel ausweichen, wenn die alten nicht mehr wirkten. Das hat sich geändert. So wurden im Zeitraum 1983 bis 1987 noch 16 neue antimikrobielle Wirksubstanzen zugelassen. Der Wiener Experte Oskar Janata erklärte im November 2010 dazu: "Zwischen 2003 und 2007 waren es nur noch fünf neue Antibiotika. Dahinter kommt nichts mehr nach."

Möglichst restriktive Verwendung der Substanzen insgesamt, selteneres Benutzen von Breitspektrum-Antibiotika und alle Hygienemaßnahmen vom Händewaschen bis zu speziellen Verhaltensmaßregeln und Verfahren im Spital werden daher immer wichtiger. Der Kinderarzt Karl Zwiauer (KH St. Pölten) sagte dazu: "Antibiotika haben uns jahrzehntelang Sicherheit vermittelt. Aus dieser Sicherheit werden wir jetzt unangenehm heraus geholt."

Sowohl in der Kinderheilkunde als auch bei Erwachsenen sollte bei Vorliegen einer Infektion zunächst einmal überlegt werden, ob es sich überhaupt um Bakterien handeln könnte. Nur dann könnte auch der Einsatz von Antibiotika helfen. Zwiauer: "Bei den Lungenentzündungen sind ein Viertel viraler Genese (Antibiotika unwirksam, Anm.), 25 Prozent bakterieller Genese, und 20 bis 30 Prozent haben gemischte Ursachen." (APA)

  • Die Bakterien erwerben in der Folge von Mutationen die Fähigkeit, die 
Wirksubstanzen der Antibiotika zu spalten beziehungsweise sie  aus ihren Zellen hinaus zu 
befördern.
    foto: apa/mark lennihan

    Die Bakterien erwerben in der Folge von Mutationen die Fähigkeit, die Wirksubstanzen der Antibiotika zu spalten beziehungsweise sie  aus ihren Zellen hinaus zu befördern.

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