Rundschau: Weiterwurschteln nach dem Weltuntergang

    30. April 2011, 10:15
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    coverfoto: night shade books

    Will McIntosh: "Soft Apocalypse"

    Broschiert, 256 Seiten, Night Shade Books 2011.

    Wirft man einen Frosch in einen Topf mit kochendem Wasser, springt er heraus. Setzt man ihn hingegen in kühles Wasser und erhitzt dieses langsam, kann sein kleines Gehirn in der graduellen Veränderung keinen einzelnen Punkt ausmachen, an dem es Zeit zum Absprung wäre. Er bleibt solange sitzen, bis er kocht. - Nun, ganz so doof, wie es diese bekannte Anekdote will, sind Frösche zu ihrem Glück doch nicht. Bei Menschen hingegen ist das nicht ganz so sicher, und so erinnert sich Jasper, Ich-Erzähler des Romans "Soft Apocalypse", an die Frosch-Metapher, als das Wasser rings um ihn und den Rest der Welt längst nicht mehr Badetemperatur hat. And all of a sudden it seemed obvious. I was living through an apocalypse. I was at a dating service in the middle of a slow apocalypse. Things weren't going to get better like the government said, they were going to keep getting worse. Eine späte Erkenntnis, noch dazu an einem unwahrscheinlichen Ort. Ob sie zu spät kommt, darauf gibt Will McIntosh erst ganz am Ende seines packenden Debütromans Antwort.

    "Soft Apocalypse" ist die sich über zehn Jahre erstreckende Chronik eines Vorgangs, den die Medien The Decline nennen ... zumindest solange es noch Medien gibt. Ohnehin stellen sie mit ihren immer beunruhigender klingenden Nachrichten von weltweiten Ressourcenkriegen nicht mehr als ein kaum beachtetes Hintergrundrauschen dar - zu offensichtlich sind die Probleme, mit denen Jasper und seine Freunde in ihrer unmittelbaren Umgebung zu kämpfen haben. Der Roman handelt in Savannah, Georgia - nicht weit entfernt von dort, wo der ursprünglich aus New York stammende Autor eine Stelle als Professor für Psychologie innehat. Bevor er sich ans Langformat herantraute, hat Will McIntosh innerhalb weniger Jahre schon eine ganze Reihe von Kurzgeschichten verfasst; eine davon, "Bridesicle", ist im vergangenen Jahr mit dem Hugo Award ausgezeichnet worden.

    Als die Handlung 2023 einsetzt, ist längst nicht mehr alles in Ordnung. Inmitten offensichtlicher Anzeichen für eine wirtschaftliche Depression schlägt sich die Clique von Jasper, Colin, Jeannie, Cortez und Ange als "Stamm" von Nomaden mit einer pfiffigen mikroökonomischen Idee durch. Allesamt sind sie junge Menschen mit hohem Bildungsgrad in unnütz (bzw. unbezahlt) gewordenen Bereichen: There were eighty million artists, blackjack dealers, documentary filmmakers, florists, and fellow sociology majors who were very sorry they'd followed their hearts. Noch ist also Zeit zum Scherzen - doch die Bedingungen werden beständig schlechter. Wo es zunächst nur Anfeindungen gab, folgt bald offene Gewalt, auf diese Deportationen und Massenerschießungen und schließlich der komplette Zerfall der Infrastruktur. Und all das schrecklich Schritt für Schritt: Schon in den ersten Kapiteln zeigt sich die Polizei als unwillig oder unfähig einzugreifen - als die Libanonisierung der USA voranschreitet, sind Polizei und Armee schließlich nicht mehr von den Truppen privater Warlords unterscheidbar, es kämpft einfach eine bewaffnete Horde gegen die andere. Ähnlich graduell erfolgt die Verschlechterung der Umweltbedingungen, von Ressourcenknappheit bis zum Wüten von Designer-Viren. McIntosh macht die Prozesse an kleinen Beispielen anschaulich - etwa einem Laden, der immer weniger Waren anbieten kann, bis er schließlich auf Produkte aus lokaler Fertigung umstellt. Oder anhand der Gespräche der ProtagonistInnen darüber, was sie über die Jahre hinweg zu vermissen beginnen: Frisch verstrichene, leuchtende Farben. Dicke Menschen. Etwas, das neu riecht. Tiere.

    Ein Wendepunkt (doch in welche Richtung?) wird erreicht, als Jaspers Stamm dissidente WissenschafterInnen kennenlernt, die beschlossen haben, die Welt "zu verlangsamen", um so den völligen Untergang der Menschheit zu verhindern. Eines ihrer Mittel ist eine gentechnisch auf explosives Wachstum gezüchtete Sorte von Bambus, die sie überall im Land aussäen ... An dieser Stelle werden alle diejenigen eine Gänsehaut bekommen, die Ward Moores Satire "Greener Than You Think" ("Es grünt so grün") gelesen haben: Darin breitet sich mit Hilfe menschlicher Profitgier eine neuartige Supergras-Sorte von einem einzelnen Vorgarten-Fleckchen immer weiter aus, bis sie schließlich jeden Quadratzentimeter Land auf dem ganzen Planeten bedeckt. Auch McIntoshs Superbambus ist nicht aufzuhalten - und dann ist da noch die zweite Underground-Entwicklung zum Wohle der Menschheit: Das Designer-Virus Doctor Happy, das Menschen in aggressionsbefreite, glückliche AnarchistInnen verwandelt. Klingt gut, doch finden sich Jasper & Co nun gleich mit zwei neuen Menschentypen konfrontiert, die in einen nicht nachvollziehbaren Bewusstseinszustand eingetreten zu sein scheinen. Auf der einen Seite die in den Zustand der Unschuld zurückgeführten TrägerInnen des Virus, auf der anderen die Jumpy-Jumps, eine terroristische Bewegung, die extrem gewalttätig ist und als "Message" nur dadaistischen Unsinn verlautbart.

    Überhaupt schwankt der Roman zwischen zwei Polen: Zum einen schockierend plötzliche Gewaltausbrüche, von denen der Autor ganz gezielt einen pro Kapitel aus dem völligen Nichts auftauchen lässt. Zum anderen das, was Autorenkollege Jon Armstrong "Soft Apocalypse" als poignant tale of survival, death, and dating bezeichnen ließ; keine alltägliche Kombination. Wie ein roter Faden ziehen sich Jaspers Beziehungsversuche durch die Stadien des Kollapses. Wider alle Vernunft bekennt der trotzige Romantiker, stolz darauf zu sein, to have the courage to wait for Ms. Right instead of running to the shelter of Ms. Best Available. Jasper, der das Wort "soulmate" im Munde führt und das Wort "tough" (und erst recht toughe Menschen) hasst, weiß selbst, dass er nicht für diese neue Zeit geboren ist. Aber erinnern wir uns an den Anfang: "Soft Apocalypse" handelt von graduellen Veränderungen.

    "Soft Apocalypse" ist eines dieser Bücher, bei denen ich mich dabei ertappe, mit zusammengekniffenen Augen (um keinem Spoiler aufzusitzen) weiter hinten liegende Seiten nach Namen durchzuscannen, um zur beruhigenden Erkenntnis zu gelangen: Uff, zum Glück lebt er/sie zumindest da noch. Will McIntosh legt hier einen Roman vor, der das altbekannte Apokalypse-Thema mit sehr viel Menschlichkeit präsentiert. Und wer mit Jasper und seinen Freunden nicht mitleidet und bis zum Schluss das Beste für sie hofft, der hat echt kein Herz.

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