Düsterer Ausblick für Japans Wirtschaft

4. April 2011, 18:04
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Stillstehende Werke, gestörte Lieferkette: Nach der Beben-Katastrophe ist die Stimmung der japanischen Unternehmer am Tiefpunkt angelangt

Stillstehende Werke, gestörte Lieferkette: Nach der Beben-Katastrophe ist die Stimmung der japanischen Unternehmer am Tiefpunkt angelangt. Wegen der Stromausfälle stellt Tokio nun auch den Klimaschutz in Frage.

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Tokio - Das Konjunkturbarometer der japanischen Notenbank ist nach dem Erdbeben deutlich gefallen. Laut dem vierteljährlichen Tankan-Bericht der Bank von Japan fällt der Stimmungsindex der großen Industrieunternehmen von sechs auf minus zwei Punkte. Ein negativer Wert besagt, dass die Zahl der pessimistischen die der optimistischen Unternehmer übersteigt.

Der Fall unterstreicht den großen kurzfristigen wirtschaftlichen Schaden des Bebens für Japans. Seit dem Beben stehen im ganzen Land Auto- und Computerfabriken still, weil die wichtige Zulieferindustrie in Japans Nordosten ausgeschaltet wurde. Sogar in Europa und den USA leiden Hersteller. Die Regierung in Tokio schätzt den Schaden daher bereits auf rund 210 Milliarden Euro. Das entspräche etwa fünf Prozent des nationalen Bruttoinlandsprodukts. So schwer hat noch nicht einmal das große Hanshin-Erdbeben 1995 auf der Wirtschaft gelastet, das sehr viel mehr Häuser zerstört hat. Doch Experten betonen, dass im Unterschied zu anderen Beben der Schaden dieses Mal weitaus schwerer abzuschätzen ist. "Denn es gibt so viele Kanäle, auf denen die Folgen die Wirtschaft betreffen", sagt Kathy Matsui, Chef-Strategin von Goldman Sachs in Japan.

Neben den reinen Schäden des Bebens und des Tsunamis kommt nicht nur hinzu, dass niemand weiß, wie lange die Lieferkette noch gestört bleiben wird. Teilweise werden Monate vergehen, bis die Hafenanlagen von Chemieunternehmen soweit repariert sein werden, dass Chemieanlagen wieder voll funktionsfähig sein werden. Außerdem sind die Folgen des Atomunfalls und die Länge der Stromengpässe in Tokio noch nicht absehbar.

Besonders die Stromengpässe drohen sich zu einer großen Wachstumsbremse zu entwickeln. Nach einer Schätzung von Kyohei Morita, Chefvolkswirt von Barclays Capital, könnte ein dreimonatiger Stromengpass in Tokio durch Produktions- und Verdienstausfälle der Menschen die Volkswirtschaft rund 41 Milliarden Euro kosten. Das entspricht rund einem Prozent der Wirtschaftsleistung.

Teure Abschaltungen

Viele Experten befürchten allerdings Stromnot und damit gezielte Abschaltungen bis weit ins nächste Jahr. Denn schon jetzt muss Tepco in Tokios Umgebung den Strom immer wieder kappen, um die Versorgung der Hauptstadt sicherstellen zu können. Denn durch die Havarie der Meiler von Fukushima hat das Unternehmen etwa 20 Prozent seiner Stromproduktionskapazität eingebüßt.

Und die Abschaltungen könnten noch eine fatale Folge haben: Wegen der Atomkrise zweifelt die Regierung an den eigenen Klimaschutzzielen. Es könne sein, dass das Ziel einer Reduzierung der CO2-Emissionen um 25 Prozent im Vergleich zum Stand von 1990 überdacht werden muss, sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Montag. Noch aber gebe es keine Pläne, das Klimaschutzziel zu korrigieren. Das hänge davon ab, wie die Krise um das leckgeschlagene AKW Fukushima Eins bewältigt wird. (Martin Kölling aus Tokio, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.4.2011)

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    Wohin geht es mit der japanischen Wirtschaft? Die Prognosen für die kommenden Monate sind düster.

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