Warum die Telekom eine Milliarde versenkte

4. April 2011, 17:48
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Ex-Telekom-General Sundt muss im Libro-Prozess mit Zeugeneinvernahme rechnen

Wiener Neustadt - Die Darstellung der Telekom Austria (TA), sie sei bei ihrem Einstieg bei Libro im Jahr 1999 von der Buchhandelskette geschädigt oder gar getäuscht worden, hat am Montag an Glaubwürdigkeit nicht zugenommen. Im Landesgericht Wiener Neustadt gab Ex-TA-Aufsichtsratschef Johannes Ditz zu Protokoll, dass die Kooperation mit Libro nie funktioniert hätte.

"Nach sechs Monaten war nichts vorhanden", sagte Ditz, der die TA ab 3. Februar 2000 als ÖIAG-Vorstandsmitglied beaufsichtigte. Im Gegenteil. Die Investmentbanken - der von der am 4. Februar 2000 angelobten schwarz-blauen Regierung ihrerseits auf Börsenkurs getrimmten TA - hätten geraten, das schnelllebige und wertvolle Internet-Geschäft selbst zu machen und diverse Partnerschaften aufzugeben. Davon betroffen war A-Online (das die TA damals mit dem ORF betrieb) ebenso wie die im Oktober 1999 geschlossene strategische Partnerschaft mit Libro. Letztere hat die TA 1,1 Milliarden Schilling (86 Mio. Euro) gekostet - zuzüglich 70 Mio. Schilling, die die TA im Abgang an Lion.cc zahlte.

Dass die TA mit ihrer Kehrtwendung sämtliche Verträge mit Libro brach, stellte Ditz gar nicht in Abrede: "Es wäre eine Schädigung der TA gewesen, wenn sie ihre Internet-Kunden in Lion eingebracht hätte." Der Wertansatz von A-Online hätte sich verschlechtert. Für Libro "gab es eine meiner Meinung nach ohnehin eine großzügige Abschlagszahlung".

Was vor Gericht nicht thematisiert wurde, aber das Bild abrundet: TA und ÖIAG lagen damals ebenso im Clinch wie die TA und ihr Kernaktionär Telecom Italia, was darin gipfelte, dass TA-Chef Werner Kasztler seinen Hut nehmen musste. Er wurde Anfang April 2000 durch den damaligen A1-Chef Heinz Sundt ersetzt. Auch Telecom Italia, strikt gegen den von der ÖIAG favorisierten TA-Börsengang, tauschte "ihre" TA-Manager - nachdem das TA-Festnetz unter den im November 1999 eingeführten Breitbandprodukten ("Aon-Complete") zusammengebrochen war.

Warum die TA ihre 25 Prozent an Libro in der Konzernbilanz 2000 auf Null abgeschrieben hat, im HGB-Einzelabschluss aber mit rund 600 Mio. Schilling als werthaltig darstellte, konnte weder Ditz noch die nach ihm als Zeugin befragte Leiterin der TA-Rechtsabteilung, Marielouise Gregory, erhellen. Das wird wohl Sundt tun müssen, der laut Standard-Recherchen doch noch mit einer Vorladung als Zeuge rechnen muss. Nach Darstellung der Juristin war die Libro-Beteiligung weder Flop noch Erfolg, sondern nur teuer: Denn vor der Genehmigung der Kartellbehörden Ende Februar 2000 durften TA und Libro gar nicht kooperieren und schon gar nicht mit Telefonprodukten. (ung, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.4.2011)

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