Keine Spur von Ai Weiwei

4. April 2011, 20:24
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Prominenter Künstler am Flughafen verhaftet und abgeführt - Spindelegger und Westerwelle fordern sofortige Freilassung

Polizisten stellen sich vor dem Eingang zum Atelier des Konzeptkünstlers Ai Weiwei auf. Mehr ist am Montag von den Nachrichten auf BBC nicht zu sehen. Der Bildschirm wird plötzlich schwarz. Chinas Medienwächter haben den Ausschaltknopf gedrückt. Für die Zensur gibt es einen neuen Namen im Internet: In Anspielung auf die offizielle Propagandalosung, Chinas Gesellschaft zur "Harmonie" zu führen, heißt es da, dass alles, was der Partei nicht passt, auf dem Weg dorthin weg-" harmonisiert" wird. Am Sonntag früh haben die Behörden Ai Weiwei "harmonisiert". Kurz vor seinem Abflug nach Hongkong wurde er am Pekinger Airport von Polizisten gestoppt und abgeführt, von ihm fehlt seither jede Spur.

Seine Frau Lu Qing weiß nicht, wo der prominente Systemkritiker ist. Am Sonntag Mittag drangen Polizisten zur Razzia in Ai Weiweis Anwesen in Pekings Nordstadt ein, nahmen acht Mitarbeiter zum Verhör mit, beschlagnahmten Laptops und Aufzeichnungen. Was die Behörden Ai Weiwei anhängen möchten, weiß man nicht. Nachbar und Rockmusiker Zuoxiaozuzhou schreibt in seinem Mikroblog, bei der Hausdurchsuchung habe sich die Polizei chaotisch und hektisch nervös verhalten. So, "als ob sie nach etwas suchten, ohne es zu finden."

Für Nicolas Bequelin, Sprecher der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in `Hongkong, ist das "Signal klar und deutlich. Niemand mehr ist in China sicher, egal wie berühmt er auch ist." Dass sich Pekings Parteiführer weder um internationalen Gesichtsverlust noch um ihre eigenen Gesetze scheren, wenn sie sich bedroht fühlten, bekam auch der verurteilte Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo zu spüren. Über seine Frau Liu Xia wurde Hausarrest verhängt, beider Namen darf man nicht einmal nennen.

Nun, unmittelbar nach der Abreise des deutschen Außenministers Guido Westerwelle aus Peking wirkt Ai Weiweis Verschwinden, als hätten die Behörden abgewartet, um die Abrechnung mit dem Systemkritiker nicht zum außenpolitischen Affront werden zu lassen. Westerwelle hatte die von drei deutschen Museen arrangierte Großausstellung Die Kunst der Aufklärung im neuen Nationalmuseum Pekings eröffnet und seine Hoffnung geäußert, damit einen Dialog über die Werte der Aufklärung anzustoßen. Betroffen appelliert er nun von Berlin aus an die chinesische Regierung, dringend für Aufklärung zu sorgen: "Ich erwarte, dass Ai Weiwei umgehend wieder frei kommt." Auch Österreichs Außenminister Michael Spindelegger, der Ai Weiwei im Februar persönlich kennenlernte, fordert von der chinesischen Führung die sofortige Freilassung des Bürgerechtlers.

Via Mikroblogs wird in China gegen Ai Weiweis Verhaftung protestiert. So kalligrafierte der Blogger Zhang Lifan das Schriftzeichen für "Liebe" in Pinselschrift. Es wird "Ai" ausgesprochen - im gleichen Klang wie das "Ai" im Namen Ai Weiweis. Zhang fügte dem "Ai" zweimal die Buchstaben "W" mit Blumenmotiven und ein bekanntes Gedicht über Chinas heute stattfindenden Ahnengedenktag hinzu: An diesem Qingming-Tag werden Blumen an die Gräber gebracht, daher fiel den Zensoren das Motiv nicht auf. Zhang hatte aber einige Schriftzeichen in dem Gedicht so verändert, dass es eine Hommage auf Ai Weiwei wurde.Viele Blogs nutzten den Qingming-Tag, um Kritik zu üben: "An diesem Totengedenktag verbeugen wir uns vor dem gestorbenen Recht und beklagen den Tod so vieler Begriffe, die wir im Internet nicht aufrufen dürfen." (Johnny Erling aus Peking/DER STANDARD, Printausgabe, 5.4.2011)

  • Solidaritätszeichen für den verhafteten Ai Weiwei in chinesischen Mikroblogs.
    foto: johnny erling

    Solidaritätszeichen für den verhafteten Ai Weiwei in chinesischen Mikroblogs.

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